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Oderwitz statt Malle

Das Wohngebiet Johannes-R.-Becher-Straße ist klein, aber fein. Und: Ein DDR-bekannter Musiker wohnt hier.

Von matthias Klaus

Eigentlich hatten sich die Beschnitts schon von der Oberlausitz verabschiedet. Der Westen rief. Der große Sohn ging westwärts probeweise in die Schule, Heinz Beschnitt auf Arbeitssuche. 17 Jahre ist das nun her. „Wir wohnten damals in Seifhennersdorf in der AWG“, erzählt Heinz Beschnitt. Kein schlechter Ort zum Leben. Aber mit einer behinderten Tochter doch auch sehr mühselig. Eine andere, behindertengerechte Wohnung war nicht in Sicht. „Wir hatten einfach die Faxen dicke. Der Westen schien der einzige Ausweg.“ Heinz Beschnitt schüttelt den Kopf angesichts der Erinnerungen. Heute schaut er aus dem Fenster, auf Wiesen und Wälder, den Garten, die schmucke Terrasse. „Am Ende sind wir hier gelandet“, sagt er schmunzelnd. Hier, Wohngebiet Johannes-R.-Becher-Straße, Oderwitz. Bereut haben es die Beschnitts nie.

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Vater, Mutter und Kinder
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„Wissen Sie, wie es ist, als arbeitssuchender Ossi im Westen in der Kneipe zwischen Wessis zu sitzen? Also was ich da zu hören bekam ...“ Beschnitt winkt ab. Er gab das Abenteuer West auf. „Als ich wieder in der Oberlausitz war, habe ich mir gesagt, hier gehörst Du hin, hier gehen wir nicht weg“, sagt er. Heinz Beschnitt arbeitete damals als Hausmeister und Kraftfahrer in Oderwitz, bekam von Kollegen den Tipp: Die Gemeinde lässt an der Becher-Straße bauen. Beschnitts schauten sich um – und waren begeistert. Ihr Haus ist nun eines von acht im kleinen, aber feinen Oderwitzer Wohngebiet. „Hier stimmt einfach alles“, sagt Heinz Beschnitt. Eine gepflegte Straße ohne Schlaglöcher, schicke Häuser, kein Durchgangsverkehr. „Wer mit dem Auto kommt, wohnt entweder hier oder besucht jemanden“, sagt Beschnitt und schaut die leere Straße entlang. Alles ruhig. Nur das Zwitschern der Vögel aus den Gärten ist zu hören. Die idyllische Lage des Wohngebietes in der Nähe des Königsholzes ist dabei nur die eine Seite. „Die andere sind die Nachbarn“, so Heinz Beschnitt. Wie gut die Gemeinschaft im Wohngebiet funktioniert, erfuhr die Familie schon beim Einzug. „Die Nachbarn kamen mit kleinen Geschenken, um uns zu begrüßen“, erinnert sich Rita Beschnitt. Sie arbeitet als Physiotherapeutin im Katharinenhof in Großhennersdorf. Einen Beruf, den sie nach der Geburt ihrer Tochter erlernt hat. „Lisa fährt oft mit ihrem Elektrorollstuhl die Straßen entlang. Die Nachbarn wissen genau, wie mit ihr umzugehen ist, wie man mit ihr sprechen kann“, schildert sie. Überhaupt, der Plausch über den Gartenzaun ist hier noch im wörtlichen Sinne zu erleben, so Heinz Beschnitt. Egal, ob sich die Gespräche um Fußball oder die neuesten Pflanzen im Blumenbeet drehen. Dass im Urlaubsfall mal die Mülltonne vom Nachbarn mit rausgestellt und der Briefkasten geleert wird – Selbstverständlichkeiten im Wohngebiet.

Ein paar Häuser weiter sitzt Gabriele Preusche auf der Terrasse und genießt die letzten Sonnenstrahlen des Tages. „Hören Sie etwas? Genau, außer meinem Radio und Vogelgezwitscher nichts“, sagt sie lächelnd. Es sei die Ruhe, die sie besonders an dem Wohngebiet liebe, so Frau Preusche. Ist das nicht ein bisschen langweilig? „Nein!“ Sie sei nicht der Typ, der unbedingt in den Urlaub fahren müsse, so Gabriele Preusche. Ihre freie Zeit verbringe sie gern auf ihrem Grundstück. „Das ist für mich wie Urlaub“, sagt sie. Frau Preusche arbeitet in der Oderwitzer Schokoladenfabrik, ist dort für Arbeitsvorbereitung verantwortlich. Seit 1978 macht sie den Job. Der Sonnenuntergang Richtung Spitzberg sei spektakulär, verrät sie. Dazu ist es aber jetzt noch zu früh.

„Das Königsholz ist nur ein paar Minuten entfernt, ideal für Spaziergänge“, schildert Gabriele Preusche. Sie nippt an ihrem Glas Wasser und plötzlich liegt ein lautes Tuckern in der Luft – ungewöhnlich im ruhigen Wohngebiet. Gabriele Preusche lacht. „Das ist bestimmt Bauer Dirk mit seinem Traktor“, erklärt sie. Der Oderwitzer, nationweit bekannt aus der Fernsehshow Bauer sucht Frau, hat seine Wiesen direkt hinter den Grundstücksgrenzen an der Johannes-R.-Becher Straße. Kühe stehen das ganze Jahr über auf der Weide – sehr zur Freude der Anwohner. „Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Kuh direkt am Zaun kalbt“, hat Heinz Beschnitt schon gesehen. Und Gabriele Preusche freut sich über die Kälbchen, die dann über die Wiesen springen.

Hat Bauer Dirk eigentlich noch seine Fernseh-Frau? Die Gerüchteküche Becher-Straße sagt: Ja, er hat sie noch. Für den Oderwitzer Bauamtsleiter Christian Wirrig ist das Wohngebiet ein ganz besonderes. „Mein erster Bebauungsplan“, erinnert er sich. 1995 ging es los. Farbe, Gestaltung der Häuser blieb den Bauherrn überlassen. „Wir haben eine eingeschossige Bebauung mit ausgebautem Dachgeschoss vorgegeben“, so Wirrig. Außerdem sollten die Häuser in einer Flucht an der Straße gebaut werden.

Heinz Beschnitt wartet derweil auf seine Verwandtschaft. Hausmusik steht an. Kein Wunder, Beschnitt war bis 1986 als Musiker mit dem Party-Club quer durch die DDR und in Polen unterwegs und bekannt. Als Klarinettist spielte er in der Gruppe auf Tanzturnieren. „Höhepunkt war die Ostseewoche“, erzählt „Korle“ Beschnitt. Entdeckt wurde die Combo mit Musikern aus der Oberlausitz während eines Abschlussballs der Tanzschule Lucke. „Wir waren nur als Ersatz eingesprungen. Plötzlich bekamen wir immer mehr Angebote“, sagt Heinz Beschnitt. Auch als Rentner tüftelt er heute weiter im kleinen hauseigenen Studio– und plant Auftritte in der Gegend gemeinsam mit Frau Rita an der Technik: Begleitmusik und Heinz Beschnitt dazu live auf der Klarinette.

Der nächste Teil der Serie erscheint am Dienstag. Dann besucht die Sächsische ZeitungHerwigsdorf.