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Oderwitzer Wetterfrau schreibt Ortsgeschichte

Bärbel Reich ist die neue Chronistin der Gemeinde. Sie setzt auf die neue Technik.

Von Thomas Christmann

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Wenn die Ferne ruft

Nur zwei Stunden von Dresden entfernt befindet sich der größte internationale Flughafen der Tschechischen Republik, mit jeder Menge aufregender Ziele.  

Sie hat sich einen neuen Ordner angelegt. Darin sammelt Bärbel Reich die Zeitungsausschnitte über Oderwitz. Neu ist diese Aufgabe nicht. Das macht sie seit 2000. Damals begann die 58-Jährige für die Gemeinde zu arbeiten, baute Wetterkabinett und Touristinformation auf und leitet die Geschicke in den Räumen an der Hinteren Dorfstraße. „Manchmal kommt einer fragen, weil etwas in der Zeitung stand“, sagt sie. Auch jeden Artikel über das Wetter hebt Bärbel Reich auf und ist inzwischen zur Hobby-Meteorologin geworden.

Künftig wird auch ihr Geschichtswissen gefragt sein, denn sie ist die neue Ortschronistin von Oderwitz. Vorgänger Klaus Reichel gab das Amt aus gesundheitlichen Gründen nach 15 Jahren ab. Die Gemeinde suchte einen Nachfolger und kam auf ihre Mitarbeiterin zu. Bärbel Reich freute sich darüber. „Das bedeutet, im Ort anerkannt zu sein“, sagt sie. Ursprünglich kommt die 58-Jährige aus Neugersdorf, hat Bankkauffrau gelernt, für die Volksbank gearbeitet, damals in Oderwitz. „Wer hantiert nicht gern mit Geld?“, fragt sie. „Schön, wenn man’s hätte.“ Nur gab das Unternehmen zu DDR-Zeiten alle Zweigstellen in den Gemeinden auf. So folgten Jobs als Sachbearbeiterin in verschiedenen Betrieben.

In Oderwitz wohnt Bärbel Reich seit 1980 mit ihrem Mann. Erst zog die Familie in ein Haus an der Bundesstraße 96, baute später ein eigenes unterhalb des heutigen Wetterkabinetts. Schon zu DDR-Zeiten gefiel ihr der Ort, allein wegen der Infrastruktur. Mit der Wende suchte die Volksbank wieder Mitarbeiter und Bärbel Reich begann erneut beim Unternehmen. Das endgültige Aus kam 1998, aus gesundheitlichen Gründen. Nach anderthalben Jahren in der Arbeitslosigkeit folgte die neue Aufgabe bei der Gemeinde. „Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt sie.

Mit dem Wetterstudio von Jörg Kachelmann eröffneten Wetterkabinett und Touristinformation im ehemaligen Oberoderwitzer Gemeindeamt. Die Meteorologen zogen 2005 nach Leipzig ins MDR-Haus. Geblieben ist noch die Technik, welche die Wetterdaten elektronisch überträgt, ein großer und ungenutzter Übertragungsspiegel an der Hauswand, eine Panorama-Kamera mit Spitzberg-Blick – sowie der Promifaktor. „Wir sind durch das Studio ziemlich bekannt geworden“, sagt Bärbel Reich, die sich sehr fürs Wetter interessiert. Ihr Lieblingsthema ist der böhmische Wind, der oft schöne Tage im Sommer bringt, dafür auch kalte im Winter. „Und er bläst oftmals den Regen weg“, berichtet sie. Da Bärbel Reich ihre Arbeitsstelle immer im Blick hat, lässt sie auch Sonnabend und Sonntag keine Gäste davor stehen. Sie spricht von der Liebe zum Beruf. Deshalb half Bärbel Reich bei der Flut 2013 nicht nur beim Schlammschippen mit, sondern informierte sich über das Wetter, radelte durch den Ort und warnte die Leute. „Das war eine schlimme Situation“, sagt die 58-Jährige. So rufen die Oderwitzer nun auch mal zu Hause an und fragen, wie das Wetter wird.

Neben dem Thema kümmert sich Bärbel Reich mit einer Mitarbeiterin um die Touristen. Spitzberg, Mühlen, Rodelbahn, Erfinderkiste, Reiterhöfe, Volksbad – Oderwitz hat ihrer Sicht nach für alle etwas zu bieten. Den Besuchern gibt sie oft so viel Infomaterial mit, dass diese gar nicht alle Attraktionen auf einmal schaffen können und wiederkommen müssen.

Die bisherige Aufgabe lässt sich daher ihrer Aussage nach mit der des Ortschronisten sehr gut verbinden. Man sei durch die Arbeit nah am Geschehen dran, sagt die 58-Jährige. Nun kommt die Historie dazu, über die sie wiederum den Besuchern erzählen kann. Der Vorteil: Als Angestellte der Gemeinde bekommt sie die Infos des Ortes aus erster Hand, beispielsweise von der Feuerwehr oder dem Bauamt. Und wenn Bärbel Reich einmal keine Zeit hat, vertritt die Oderwitzerin eine ehemalige Angestellte der Verwaltung, die auch Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft (AG) Ortsgeschichte ist. Diese hat Klaus Reichel gegründet und bis 2013 geleitet. Mit ihm traf sich Bärbel Reich schon, will der AG beitreten und auf die Kenntnisse zurückgreifen. Bei den Forschungen haben die Mitglieder unter anderem entdeckt, dass die urkundliche Ersterwähnung von Oderwitz erst 1324 gewesen ist und damit vier Jahre später als bisher schriftlich überliefert. Erschienen sind auch mehrere Hefte. Vor den Leistungen zieht die 58-Jährige ihren Hut. „Der Wissensstand ist genial“, sagt sie und trifft sich im Februar mit den Ortshistorikern.

Klaus Reichel hat seit 1999 drei Ordner zusammengetragen, über das politische, wirtschaftliche und bauliche Geschehen, die Einwohnerentwicklung, das Kultur- und Vereinsleben, die Jubiläen und Ehrungen, Unfälle, Katastrophen und Verbrechen, dazu eine Fotosammlung von Oderwitz. Bärbel Reich will an das Schema anknüpfen, aber ihren eigenen Weg finden. Eine Sache wird sie daher ändern: Zeitungsausschnitte sollen künftig eingescannt und abgespeichert werden, nicht mehr aufgeklebt. „Das erleichtert die Arbeit“, sagt sie und will so lange Ortschronistin bleiben, wie das die Gesundheit zulässt.

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