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Öffnet die Gefängnisse!

Der ehemalige JVA-Leiter von Zeithain fordert nicht mehr und härtere Strafen, sondern sinnvollere.

Endstation Knast?
Endstation Knast? © Felix Kästle/dpa

Von Thomas Galli

Gerade in Zeiten des Wahlkampfes wird härteres und konsequenteres Strafen gerne propagiert, um Kompetenz in der Lösung sozialer Probleme zu suggerieren. Auch, um den durch die epische Berichterstattung über einzelne Straftaten auch massenmedial geschürten Volkszorn zu besänftigen. Das Gefängnis ist für die einen die Lösung gegen rechtsradikale Schläger, für die anderen gegen kriminelle Flüchtlinge. Neue Straftatbestände sind das Mittel der Wahl gegen Entwicklungen wie illegale Autowettrennen. Sogar die Rufe nach der Todesstrafe sind nach der fürchterlichen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof, bei der ein Mann einen Jungen vor den Augen seiner Mutter vor einen Zug gestoßen hat, lauter geworden. Nicht jede politische Kraft würde sich diesen Rufen unbedingt widersetzen.

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Das zeigt, dass wir uns nicht auf dem vergleichsweise hohen zivilisatorischen Niveau, das wir im Umgang mit Straffälligen erreicht haben, ausruhen können. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte erkannt, dass die Decke unserer Zivilisation dünn ist, und wir jederzeit wieder in die Barbarei zurückfallen können. Um es denen zu erschweren, die genau das wollen, und die nichts anderes können, als Ängste und Aggressionen zu schüren, um selbst an die Macht zu kommen, hilft es, sich immer wieder bewusst zu machen, was mit Strafen überhaupt erreicht wird und erreicht werden kann.

Brutstätten von Gewalt

Endstation für Straftäter ist bei uns der „Knast“ auch in dem Sinne, dass es von dort aus für die Mehrheit der Inhaftierten keine Wege mehr (zurück) in die Gesellschaft gibt. Rückfalluntersuchungen zeigen, dass eine Resozialisierung im Sinne einer Reduzierung erneuter Straffälligkeit grundsätzlich aber nicht funktioniert. Oft ist das Gegenteil der Fall. Die Strafhaft desozialisiert und vergrößert damit das Rückfallrisiko. Wie sollte es auch anders sein, wenn man Hunderte Straftäter zusammen auf engstem Raum in eine Umgebung einsperrt, die mit der „normalen“ Welt nichts zu tun hat? Straffällige haben fast nur noch mit Straffälligen Kontakt, einer lernt vom anderen, es bildet sich eine Subkultur mit Werten und Normen, die nicht mit „unseren“ übereinstimmen. Gefängnisse sind riesige Drogenmärkte. In manchen Anstalten konsumieren über 80 Prozent der Insassen Drogen. Es sind Brutstätten von Gewalt. Ich habe unter anderem die Geiselnahme und Vergewaltigung einer Therapeutin, eine Messerstecherei mit einem Toten und mehrere Selbstmorde miterlebt.

Die Justizvollzugsbediensteten leisten wohlgemerkt eine sehr anspruchsvolle Arbeit, die aber unter veränderten strukturellen Bedingungen zu größerem Erfolg führen würde. Was etwa hilft es, wenn ein Gefangener in der Haft einen Ausbildungsabschluss nachholen kann und nach seiner Entlassung als ehemaliger Inhaftierter dennoch kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat? Was bringt es, wenn jemand seine Aggressionen im engen Kontext der Haft kontrollieren kann, aber nicht unter den Bedingungen und Herausforderungen eines Lebens in Freiheit? Was ist tatsächlich erreicht, wenn ein Rechtsradikaler sich im Gefängnis anpasst und unauffällig verhält und sich bei seiner Entlassung seine gesellschafts- und menschenfeindliche Einstellung noch verfestigt hat?

Wie können Straftaten verhindert werden?

Auch die Abschreckungswirkung des Gefängnisses ist viel geringer, als die meisten denken. Gerade bei den sehr stark affektiv bestimmten Gewalt- oder Sexualstraftaten spielt sie kaum eine Rolle. Eine angedrohte Strafhaft würde Falschparker abschrecken, nicht aber jemanden, der es über sich bringt, ein Kind vor einen Zug zu stoßen.

Von all diesen funktionellen Erwägungen ganz abgesehen: Ist die Käfighaltung des Menschen nicht bei Lichte betrachtet menschenunwürdig? Und wenn das Gefängnis nicht funktioniert, was sollen wir mit Menschen tun, die grundlegende Regeln verletzt haben, die andere geschädigt, verletzt, vielleicht sogar getötet haben? Und was ist vor allem mit den Geschädigten, mit den Opfern von Straftaten?

Zunächst muss es vor allem darum gehen, Straftaten und entsprechend Opfer zu vermeiden. Die Weichen müssen frühzeitig anders gestellt werden, damit möglichst wenige die Dinge tun, für die sie derzeit in der „Endstation Knast“ landen. Aus den Gemeinsamkeiten der Biografien von Straffälligen können Rückschlüsse gezogen werden. Etwa durch den Ausbau von Jugendzentren in Problemvierteln anstatt von Gefängnissen in strukturschwachen Regionen. Durch die Einstellung von mehr Lehrern und Sozialarbeitern in Schulen anstatt von Verwaltungsjuristen für den Strafvollzug. Und vor allem durch die einfache Erkenntnis, dass es sinnvoller ist, Menschen als Kinder zu umarmen, anstatt sie als Erwachsene einzusperren.

Thomas Galli, Jahrgang 1973, studierte Rechtswissenschaften, Kriminologie und Psychologie und war über 15 Jahre lang im Strafvollzug tätig. Er war Leiter der JVA Zeithain und Leiter der JVA Torgau in Sachsen. Inzwischen ist er wieder als Rechtsanwalt täti
Thomas Galli, Jahrgang 1973, studierte Rechtswissenschaften, Kriminologie und Psychologie und war über 15 Jahre lang im Strafvollzug tätig. Er war Leiter der JVA Zeithain und Leiter der JVA Torgau in Sachsen. Inzwischen ist er wieder als Rechtsanwalt täti © Alexander Schröter

Gerechtigkeit kann auch geübt werden, indem man sich viel stärker als bisher um die Opfer von Straftaten kümmert und ihnen die notwendige Unterstützung zukommen lässt. Täter sollten zu weitestmöglicher Schadenswiedergutmachung verpflichtet werden. Was hilft es Betrugsopfern, wenn die Täter eingesperrt werden und sie auf ihrem finanziellen Schaden sitzen bleiben, weil mit der Arbeit in Haft kaum Geld verdient werden kann? Die gemeinnützige Arbeit sollte als Form von Strafe den Freiheitsentzug weitgehend ersetzen. Wer etwa durch seine Teilnahme an einem illegalen Autorennen jemanden schwer verletzt hat, könnte einige Jahre in einer Klinik für Unfallopfer gemeinnützig arbeiten, anstatt die Zeit sinnlos in Haft abzusitzen.

Wenn Strafen zumindest auch resozialisieren sollen, müssen sie näher an der sozialen Realität sein. Freiheitsentzug bzw. -beschränkung können in wohngruppenartigen, dezentralen Einheiten erfolgen, gegebenenfalls unterstützt durch eine elektronische Aufenthaltsüberwachung („Fußfessel“). Eine Behandlung von Aggressions-, Sucht- oder sonstigen Problemen muss individuell zugeschnitten und anders als in Haft in einem realitätsnahen Kontext erfolgen, um langfristig wirksam zu sein.

Sachsen bundesweit vorbildlich

Der Freiheitsentzug in geschlossenen Einrichtungen ist nur für die verhältnismäßig wenigen höchst gefährlichen Schwerkriminellen zum Schutz der Allgemeinheit sinnvoll. Dies sollte jedoch nicht in Haftzellen, sondern in dorfartigem Kontext erfolgen. Wir müssen auch Menschen, die es nicht verdient haben, menschenwürdig behandeln. Am Beispiel etwa der USA kann man sehen, dass es zu einer allgemeinen Verrohung führt, wenn der Staat anfängt, Gefangene zu misshandeln, zu foltern oder hinzurichten. Darunter hätten wir alle zu leiden.

Sachsen exerziert mit seinem kreativtherapeutischen Ansatz und dem Vollzug in freien Formen für junge Straffällige einen bundesweit vorbildlichen Strafvollzug. Dieser sollte ausgebaut und die Mauern des geschlossenen Vollzuges weiter abgebaut werden.

Wer Leid und Konflikte tatsächlich reduzieren will, der ruft nicht nach härteren Strafen. Und wer meint, es ließe sich auch nur irgendein Problem lösen, indem wir weiterhin Zehntausende Menschen jährlich einsperren, dem sollten wir mit den Worten des großen Poeten und Liedermachers Konstantin Wecker begegnen: „Verehrter Herr Richter, ich bitte für alle um Gnade. Denn die Menschheit ist fürs Gefängnis zu schade.“

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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