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Öfter die Glocken nie klingen

Eine Anwohnerin fühlt sich durch Glockengeläut gestört. Doch viele sehen es als uralte Tradition.

Von Steffen Schreiber

Franka Balvin hat einen leichten Schlaf. Da reichen manchmal schon kleinste Geräusche, um den zu stören. Wenn dann eine Glocke nachts alle Viertelstunden hell erklingt, ist es oft vorbei mit der gesunden Ruhe. „Ich bin erst vor kurzem hierher gezogen. Vorher lebte ich in Königshufen. Da gab es kein Läuten in der Nacht.“ Dabei hatte sich die Görlitzerin extra vorher informiert, ob vielleicht die nahe gelegene St. Jakobus Kathedrale nachts läutet. Das war nicht der Fall. „Doch dafür hält mich jetzt eine andere Glocke wach.“

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Die gehört dem Luisenstift auf der Biesnitzer Straße. Sie ist zwar klein, dafür schlägt sie aber aller fünfzehn Minuten, viermal jede volle Stunde. Dazu erklärt der Glockensachverständige des Bischöflichen Ordinariats, Michael Gürlach: „Solche Geläute nennt man Uhrenschlagglocken.“ Diese sind im Gegensatz zu den schwingenden Läuteglocken starr und werden mit einem beweglichen Hammer geschlagen. „Sie sind seit Jahrhunderten dafür verantwortlich, den Menschen die aktuelle Uhrzeit mitzuteilen.“

Seit mindestens acht Jahren schlägt eine solche Uhrenschlagglocke beim diakonischen Luisenstift die Stunden, erklärt Vorstand Johannes Johne. „2004 wurden unser Haus und das Glockentürmchen saniert.“ Ob die Glocke davor schon läutete, kann er nicht sagen. Zumindest habe es bisher noch keine Klagen gegeben. „Ich kann auch nicht sagen, ob unser Geläut mechanisch gesteuert ist oder elektrisch.“ Wenn Letzteres zuträfe, könnte der Stundenschlag vielleicht für die Nacht ausgeschaltet werden. „Da soll aber der oder die Betreffende auch zu uns kommen und wir reden darüber.“

Die Glocke des Luisenstifts ist nicht die einzige, welche durchweg 24 Stunden schlägt. Auch der Rathausturm, die Lutherkirche oder auch die Dreifaltigkeitskirche sind die ganze Nacht hindurch zu hören. Für den Pfarrer der Innenstadtgemeinde, Hans-Wilhelm Pietz, ist das auch wichtig. „Der Schlag der Glocke soll den Menschen daran erinnern, wie die Zeit vergeht und dass wir jeden Augenblick nutzen müssen.“ Auch ihm sind noch keine Klagen über die nächtliche Erinnerung gekommen. „Es ist eher so, dass uns die Leute anrufen, wenn mal eine Glocke ausgefallen ist und sie deren Klang vermissen.“

Franka Balvin könnte dagegen gern auf das Dauerläuten verzichten. „Ich verstehe ja die lange Tradition, die damit einhergeht und ich habe ja auch nichts gegen das Läuten an sich.“ So findet sie es sogar schön, wenn etwa zur Weihnachtszeit überall in der Stadt mit lauten Klängen zur Messe gerufen wird. Doch fühlt sie sich gestört, wenn es auch nachts läutet. „Das empfinde ich als unnötige Lärmbelästigung.“

Damit steht sie nicht allein, wie Sylvia Otto von der Stadtverwaltung erklärt. So hatten sich auch Anwohner in der Nähe der Grund- und Mittelschule auf der Melanchthonstraße beschwert. „Das dortige Schlagwerk wurde deshalb vor einigen Jahren auf Wunsch der Bürger außer Betrieb genommen.“

Auch die Nachtabschaltungen der meisten städtischen Türme sind auf Beschwerden von Anwohnern zurückzuführen. So schlagen etwa der Nikolaiturm, der Reichenbacher Turm und der Dicke Turm in der Zeit von 24 bis 6 Uhr nicht die Uhrzeit. „Die ursprüngliche Bedeutung als Zeitansage ist nicht mehr zeitgemäß.“ So könnten Gegner des durchgängigen Glockenschlages aus emissionsrechtlichen Gründen auch eine Abschaltung zwischen 22 und 6 Uhr erzwingen.

Auf freiwilliger Basis hat die St. Jakobus Kathedrale ihren Stundenschlag von 22 bis 6 Uhr deaktiviert. Obwohl das Glockenexperte Michael Gürlach traurig stimmt. „Ich denke, Glocken sind ein Stück unserer Geschichte und wir sollten das Läuten auch weiterhin beibehalten.“ Laut Gürlach gibt es zur Zeit über 70 Glocken in Görlitz. Und es kommen immer wieder neue dazu. „Ich kenne auch einige Hotels, die sich in den letzten Jahren ein Glockenspiel installiert haben.“ Wobei es heutzutage keines Glöckners mehr bedarf. „Soweit ich weiß, wird keine Görlitzer Glocke mehr von Hand geschlagen.“

Den rechtlichen Hintergrund erklärt Marina Michel, Pressesprecherin des Landkreises. „Liturgisches Glockenläuten der Kirchen ist nach höchstrichterlicher Rechtsprechung regelmäßig als zumutbar anzusehen.“ Aktuell liegen dem Landratsamt Görlitz keine Beschwerden zu Geräuschen durch Glocken vor. Sollte es solcherart Lärmbetroffene geben, empfiehlt das Umweltamt, zunächst mit dem Anlagenbetreiber ein Gespräch zu führen.

Das hat Franka Balvin wohl auch in nächster Zeit vor. „Aber vielleicht gewöhne ich mich ja in den kommenden Wochen auch noch an das Bimmeln.“ Denn vor allem zur Weihnachtszeit gehöre das ja mit dazu.