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Ökologisch putzen – mit 6 Zutaten

Reinigungsmittel schaden Mensch und Natur. Eine Unternehmerin aus Leipzig zeigt, wie es anders geht. Teil 2 unserer Serie zum Thema Nachhaltigkeit.

Für diesen Sauberkasten gewann Jeanette Schmidt aus Leipzig den Sächsischen Umweltpreis. Denn er reicht, um umweltschonend zu waschen und zu putzen.
Für diesen Sauberkasten gewann Jeanette Schmidt aus Leipzig den Sächsischen Umweltpreis. Denn er reicht, um umweltschonend zu waschen und zu putzen. © K. Kummer/Picture Point

Eigentlich, sagt Jeanette Schmidt, „putze ich äußerst ungern“. Die Aussage der jungen Frau aus Leipzig ist ungewöhnlich, weil sie mit Putzen ihren Lebensunterhalt verdient. Besser gesagt: mit Zutaten für Putzmittel, die ökologisch sauber machen.

Zusammen mit einer weiteren Sächsin hat sie den Sauberkasten entwickelt und entworfen. In der Holzkiste liegen Kernseife, fettlösendes Natron, Soda, Essig, Zitronensäure sowie ätherische Öle für den Duft und gegen Bakterien. Mehr braucht es nicht: „Aus sechs Zutaten kann man zehn verschiedene Reiniger herstellen“, sagt Schmidt. Rezepte und Messbecher gibt es dazu. 2019 haben die studierte Designerin und ihre Mitstreiter mit ihrem Projekt den Sächsischen Umweltpreis gewonnen.

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Denn handelsüblichen Haushaltsreiniger, Power-Sprays oder Aktivschaum-Reiniger tun der Natur und dem menschlichen Organismus nicht gut. „Die gängigen Putzmittel sind oft heftige Chemiekeulen“, sagt Viola Wohlgemuth. „Der oft umweltgefährdende Cocktail landet dann in unseren Gewässern, und dort bleiben viele Chemikalien auch, denn sie sind persistent. Zu allem Überfluss können die Kläranlagen die Mikroplastik in den Mitteln nicht zurückhalten“, so die Greenpeace-Campaignerin. Hinzu kommt, dass wir die ungesunden Dämpfe einatmen.

Genauso gut wie fertige Putzmittel

An die 1,3 Millionen Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel kaufen die privaten Haushalte pro Jahr, so das Umweltbundesamt – vor allem Waschmittel, Weichspüler, Reinigungs- und Pflegemittel sowie Geschirrspülmittel. An die 630.000 Tonnen Chemikalien landen dadurch im Abwasser – darunter Tenside, Phosphate, Duftstoffe, Enzyme, Phosphonate, optische Aufheller und Silicone. Tenside, also waschaktive Substanzen, sind heute zwar oft voll biologisch abbaubar. Doch andere Inhaltsstoffe bleiben lange in den Gewässern und kontaminieren diese dadurch. Keine Beschränkungen gibt es etwa für Mikroplastik. „Sie steckt oft in Flüssigwaschmitteln – nur für die Optik“, sagt Wohlgemuth. Auf die Waschleistung haben sie keinen Einfluss.

Außerdem sind viele fertige Mittel wie Pods und Tabs zu hoch dosiert, sagt Rolf Buschmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Wie problematisch das ist, zeigt schon der Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe. Buschmann: „Manche können Hautreizungen, Allergien und Unverträglichkeiten auslösen.“

Dass es anders und genauso sauber und keimfrei geht, „ist leider über die Generationen fast in Vergessenheit geraten“, bedauert die sächsische Unternehmerin Schmidt. „Dabei ist es ganz einfach, mit Hausmitteln zu putzen – und vor allem viel nachhaltiger.“ Essig gegen Kalk, Soda bei angebrannten Pfannen oder Essig und Natron in der Toilette – „das reinigt genauso gut wie fertige Putzmittel“, sagt Greenpeace-Vertreterin Wohlgemuth. „Leider glauben viele noch immer, dass Öko-Mittel nicht schaffen, was Procter&Gamble &CO. schaffen.“ Ein Irrtum, sagt sie.

Putzmittel sind leicht selbst herstellbar

Rezepte für ökologische Putzmittel gibt es zuhauf. Es ist auch nicht aufwändig, die Substanzen zuhause zu mischen. Beispiel Waschmittel: Kernseife-Raspel in warmem Wasser auflösen, Soda und ätherisches Öl dazu – fertig. „Man kann es auch auf Vorrat mischen und in Schraubgläser oder Flaschen abfüllen“, sagt Schmidt. Nur Kloreiniger muss jedes Mal frisch hergestellt werden: „Trifft Natron auf Essig, schäumt es – genau das sprengt den ja Dreck weg.“

Allerdings ist auch bei den biologisch abbaubaren Hausmitteln und natürlichen Essenzen Vorsicht angebracht. Zwar werden Essig oder Zitronensäure auch in Lebensmittel verarbeitet, „aber bei hochkonzentriertem Soda sollte man schon die Gefahrenhinweise auf der Verpackung lesen und Kinder nur unter Aufsicht damit hantieren lassen“, mahnt Schmidt. Zitronensäure darf nicht ins Auge gelangen, Essig kann die Atemwege reizen. Sie empfiehlt, auch 25-prozentigen Essig mit Wasser zu verdünnen. „Schmutz und Kalk gehen trotzdem weg.“

Auch sollte man darauf achten, welches Mittel wo eingesetzt wird. Essig ist ein idealer „und unersetzlicher täglicher Allzweckreiniger für Küchentische, Böden oder Waschbecken“, sagt Schmidt. Doch wer Kalkablagerungen in Wasserkochern und an Armaturen loswerden möchte, nimmt statt Essig lieber Zitronensäure. Küchenübliches Zitronensaftkonzentrat ist meist nicht stark genug. Und mit verdünntem Speiseessig lassen sich gut die Innenflächen des Kühlschranks reinigen, um Bakterien und Keime zu vermeiden.

Label „Bio“ oder „Öko“ nicht definiert

Für die Toilette hingegen sollten Verbraucher eher zu einem starken Essigreiniger greifen. „Mit Salatessig oder Essigessenz kommt man da nicht sinnvoll weiter“, sagt Laura Gross von der Verbraucher Initiative. „Bis man damit etwas sauber bekommt, sind die Schleimhäute ernsthaft gereizt“, warnt Gross. Essig sei auch nichts für die Waschmaschine. Als Weichspüler eignet er sich nicht. Im Gegenteil: „Essig greift empfindliche Fasern und auch Metall- und Kunststoffteile in der Waschmaschine an.“ Auch viele Armaturen im Bad und Oberflächen aus Aluminium vertragen Essig nicht, weil er Oberflächen annagt.

Umweltfreundlich und günstiger sind alternativen Reinigungsmittel aus eigener Herstellung auch, weil kein Abfall entsteht. Die Behälter von Reinigungsmitteln bestehen meist aus neuwertigem Plastik; das Ganze landet dann irgendwann oft im Meer oder in der Verbrennung. „Rezyklate werden mangels Vorgaben von den Unternehmen kaum verwendet“, kritisiert Greenpeace-Vertreterin Wohlgemuth. Auch deswegen mischt sie ihr Putzmittel selbst. Dass das nicht jedermanns Sache ist, weiß auch sie. Wer weiterhin herkömmliche Putz- und Waschmittel kaufe, „sollte aber zumindest darauf achten, dass die Behälter aus wiederverwertetem Plastik stammen – wie es etwa bei Ecover, Frosch oder einigen Mitteln aus dem Bioladen schon der Fall ist“. Ihr Rat: „Am besten ist immer Mehrweg oder Unverpackt aus Unverpacktläden.“

An Begriffen wie „bio“ oder „öko“ können sich Konsumenten bei Putzmitteln leider nicht orientieren: Sie sind in diesem Bereich nicht definiert. „Üblicherweise beziehen sich die Hersteller damit auf die Herkunft der Rohstoffe, und da kann jeder werben, wie er lustig ist“, warnt das Bundesumweltamt. Es rät, auf chlorhaltige Sanitärreiniger und WC-Reiniger mit anorganischen Säuren zu verzichten und sich auf einen milden Allzweckreiniger, ein hautfreundliches Spülmittel und Scheuermilch gegen starken Schmutz zu beschränken. Verbraucher können auch auf Siegel achten, die umweltschonende Produkte kennzeichnen – etwa den Blauen Engel, das EU Ecolabel oder die Europäische Umweltblume. Oder hin und wieder auf Muskelkraft setzen: Manchmal helfe schon eine Saugglocke – oder einfach stärkeres Schrubben.

Wer so putzt, schont die Umwelt:

  • Verwenden Sie konzentrierte Wasch- und Reinigungsmittel. Das verringert Verpackungsmüll und Transportaufwand.

  • Wählen Sie bei Wasch- oder Spülmaschine lang laufende Programme mit niedrigeren Waschtemperaturen und nicht das hochtemperierte Kurzprogramm. Das spart Energie. Schneller ist nicht günstiger. Nach jedem fünften Wasch- oder Spülgang einmal mit einer höheren Temperatur von 60 Grad waschen oder spülen.

  • Verzichten Sie im Haushalt auf Desinfektionsmittel. Falsch angewendet, können sich Resistenzen bilden und Gesundheit sowie Umwelt gefährden, warnt das Bundesumweltamt. Bei vielen antimikrobiellen Zusätzen in Reinigungsmitteln sei die Wirksamkeit nicht erwiesen. Außerdem wirken die aggressiven Chemikalien im Abfluss weiter und können in Kläranlagen Bakterien dezimieren, die das Wasser reinigen sollen.

  • Wo morgens Waschbecken und Dusche trockengerieben werden, setzt sich erst gar kein oder kaum Kalk ab.

  • Waschen Sie Spülschwämme und -lappen öfters mal in der Maschine. Das entzieht Keimen den Nährboden.

  • Lüften Sie, statt Raumsprays und Duftspender zu verwenden. Die überdecken unangenehme Gerüche nur.

  • Nutzen Sie Kaffeesatz, um unangenehme Gerüche zu neutralisieren. Alter Kaffee hilft auch gegen Verstopfungen im Abfluss.

  • Entkalken Sie den Wasserkocher mit Zitronenresten: Einfach die Innenwände des Geräts mit einer Fruchthälfte einreiben, mit Wasser auffüllen und dieses erwärmen.

  • Vermeiden Sie viel Schaum – dadurch lässt die Wirkung von Spül- oder Putzwasser nach, so der Bund für Umwelt und Naturschutz. Der Grund: Das Putzmittel sammelt sich an der Wasseroberfläche, die Fettlösekraft vermindert sich.

  • Verzichten Sie auf Weichspüler, auch in der Öko-Version. Sie sind laut Verbraucherzentrale überflüssig und belasten Geldbeutel, Abwasser und, wenn man allergisch ist, auch die eigene Gesundheit.

  • Unverpacktes findet man auf dieser Map: www.sz-link.de/unverpackt

  • Weitere Infos: www.goodbuy.eu; www.sauberkasten.com; www.utopia.de

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