SZ + Feuilleton
Merken

"Offener Brief" an Günther Jauch

Hubertus Heil traut Günther Jauch zu, Bildungsminister werden zu können. Die Politik braucht schlaue Leute, findet auch SZ-Redakteurin Johanna Lemke.

 3 Min.
Teilen
Folgen
Günther Jauch.
Günther Jauch. © Daniel Reinhardt/dpa (Archiv)

Lieber Günther Jauch!

Niemand kann sich so schön in Schweigen hüllen wie Sie. Das mögen wir an Ihnen, Sie sind einfach das liebste Pokerface der Deutschen. Was wurden nicht schon für Wetten abgeschlossen darüber, was eine hochgezogene Augenbraue bei Ihnen bedeutet. Auch ich habe schon viele Stunden lang versucht, Ihr Gesicht zu entschlüsseln, wenn der Kandidat bei „Wer wird Millionär?“ bei so Fragen wie „Wer ist laut Grundgesetz der Vertreter des Bundespräsidenten?“ hängen blieb, alle Joker schon ausgeschöpft hatte und ihm die Schweißflecken bis zu den Rippen reichten. A: Vizebundespräsident, B: Bundesratspräsident, C: Bundestagspräsident, D: Bundeskanzler. Keine Ahnung. Würde ich jetzt googeln.

Sie wüssten das, oder? Geben Sie es zu! Ich glaube fest an Sie, Herr Jauch. Ich brauche das. Dieses Wissen, dass zumindest einer in dieser verdummten Gesellschaft den Plan hat. Wie die meisten Deutschen halte ich mich fest an dem Glauben, dass Sie einer der schlauesten Menschen dieses Landes sind. Muss ja so sein, nach 20 Jahren „Wer wird Millionär?“ Ihre neue Show heißt darum auch „Bin ich schlauer als Günther Jauch?“ Da wird wohl kaum jemand gegen Sie gewinnen. Es sei denn, Sie stellen einen Wikipedia-Joker zur Verfügung.

Mal so ’ne Idee: Wieso machen Sie diesen Ruf nicht zum Beruf? Also zu einem vernünftigen, zum Beispiel in der Politik. Das könnte sich auch Hubertus Heil vorstellen, das ist der, Moment, was ist er gleich, ich google mal eben – ach ja genau, der Bundesarbeitsminister von der, äh, CDU? Nein! Ein SPDler ist er. Jedenfalls, Heil findet, Sie, Herr Jauch, könnten locker Bildungsminister werden. Weil, schlau gleich Ahnung von Schule. So wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer auch echt gut schießen kann, Ernährungsministerin Julia Klöckner sich mit pochierten Eiern auskennt und Hubertus Heil gut arbeitet. Ist klar.

Aber Spaß beiseite, mehr schlaue Menschen braucht die Politik! Gerade jetzt, wo die Jugendlichen nur noch auf ihre Handys gucken. Die können ja keinen geraden Satz mehr reden. Da braucht es Leute, die wissen, was Tiramisu wörtlich bedeutet: A) süß und köstlich, B) zieh mich hoch, C) das macht dick oder D) Leckermäulchen. Sie wussten die Antwort auf diese 16.000 Euro-Frage, oder? Da können Sie sicher auch beantworten: Wie kriegen wir den Lehrermangel in den Griff? A) mehr Lehrer einstellen, B) weniger Kinder einschulen, C) und D) sind mit dem Alternativlosigkeitsjoker entfallen.

Herr Jauch, die Menschen brauchen Vorbilder, zu denen sie aufschauen können, denen sie vertrauen. So wie Christoph in der „Sendung mit der Maus“ oder Ranga Yogeshwar in Quarks & Co: Keine Skandale, keine GroKo-Streitereien, keine Klientelpolitik. Aber was machen Sie als Reaktion auf Heils Vorschlag? Sie schweigen und zeigen ein Pokerface. Darf ich raten? Sie wissen längst die Antwort. Oder?

Ihre Johanna Lemke


Der "Offene Brief" ist eine satirische Rubrik im Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung