merken
PLUS Feuilleton

"Offener Brief" an Herbert Grönemeyer

Bei seinem Konzert in Wien wurde der Sänger mit Goebbels  verglichen. SZ-Redakteur Oliver Reinhard hat da eine eigene Theorie. Eine Satire.

Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer © dpa

Lieber Herbert Grönemeyer!

Ehrlich gesagt: Ich finde Sie ein wenig anstrengend. Also insgesamt – als Musiker und Herold der guten Geisteshaltung – zwar auch. Aber vor allem finde ich Sie anstrengend, weil ich immer angestrengt zuhören muss, was Sie da eigentlich von sich geben, um Sie richtig zu verstehen. Ich habe zum Beispiel lange gedacht, bei „Flugzeuge im Bauch“ würden Sie „Schotten im Blick“ singen. Das schien mir einigermaßen sinnlos. Bis mich eine Freundin aufklärte, dass es „Schatten im Blick“ heißt. Ah! Klar!

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Und ich bin nicht der Einzige, der Ihnen haargenau zuhört. Eine kleine Ansprache während Ihres Wien-Konzerts regt gerade einige Menschen so sehr auf, als hätten sie zugleich Flugzeuge im Bauch und Drohnen im Darm. Wenn angesichts des erstarkenden Rechtsextremismus Politiker schwächeln, „liegt es an uns, zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat“, sagten Sie. Ach was: schrien Sie.

Nun schreien Sie und unzählige Musiker ihre Botschaften auf Großkonzerten eigentlich immer. Flüstern wäre schließlich Quatsch. Kann man wissen. Ist ja auch logisch. Aber Ihr Schreien, der zehntausendfache Jubel und vor allem das „Diktieren“ (nicht „dinieren“; ich habe genau hingehört!) lassen manche sich von Ihnen offenbar angesprochen Fühlende regelrecht hyperventilieren. Ein Dresdner Europaabgeordneter etwa entäußerte: „Das bunte und vielfältige Deutschland lässt die Maske fallen“. Und verglich die Szene mit Joseph Goebbels’ Rede vom „Totalen Krieg“. Wobei mich wiederum auch diese Worte an Goebbels erinnern, denn das österreichische Publikum als „Deutschland“ zu bezeichnen, ist schon stramm großdeutsch gedacht. Und der zweite „Anschluss“ nach 1938 steht ja noch aus.

Lieber Herbert, ich weiß natürlich, warum Sie „diktieren“ gesagt haben. Nicht weil Sie mit Ihrem „Wir“ die große Mehrheit der nicht-rechtsradikalen Deutschen (und unangeschlossenen Österreicher) meinen, mithin das Volk, den Souverän, den Bestimmer, folglich den „Diktierer“. Nein: Sie alter Ruhrpottfuchs haben ganz bewusst an Goebbels erinnert, weil Sie das Mittel der Rückgriffe auf den Nationalsozialismus nicht kampflos Ihren politischen Gegnern überlassen wollen.

Eben deshalb kriegen Sie ja auch nur von diesen Leute Dresche für Ihre Ansage. Die haben nämlich keine Lust auf Konkurrenz beim NS-Sprech-Wettbewerb. Sie wollen es auch weiterhin Ihren eigenen Führern vorbehalten, möglichst unter einem Beifall wie 1943 im Berliner Sportpalast Menschen „Halbneger“, Kulturen „entartet“ und „den“ Afrikaner einen „Ausbreitungstyp“ zu nennen, eine türkischstämmige Politikerin „zu entsorgen“, Zuwanderer „zu deportieren“, neuen Stolz zu fordern auf „Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ und das Wort „völkisch“ zu rehabilitieren.

Weiterführende Artikel

Ist Herbert Grönemeyer ein Links-Terrorist?

Ist Herbert Grönemeyer ein Links-Terrorist?

Eine politische Äußerung des Deutschrockers bringt Fans und Kritiker dazu, sich über Twitter zu duellieren.

Kurzum, lieber Herbert: So gut im NS-Sprech wie Ihre Konkurrenz werden Sie nie. Also lassen Sie’s lieber bleiben und konzentrieren sich auf das, was Sie wirklich können: Singen. Obwohl ...

Ihr Oliver Reinhard


Der "Offene Brief" ist eine satirische Rubrik im Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung.

Mehr zum Thema Feuilleton