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"Offener Brief" an Boris Johnson

Der neue britische Premier soll ein "Schnösel" sein. SZ-Redakteur Marcus Thielking fragt sich, was das nun wieder bedeutet.

© Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

Lieber Boris Johnson!

Darf ich Sie Kollege nennen? Sie sind ja von Haus aus Journalist, eines haben Sie also bestimmt gelernt: Wie man mit Wörtern umgeht. Wahrscheinlich finden Sie es selbst ganz amüsant, was für Spitznamen die Presse Ihnen schon alles gegeben hat: „Polit-Clown“, „Brexit-Berserker“, „Lügen-Boris“, „Trump von der Insel“, „blonder Bulldozer“. Und so weiter. Der britische Historiker Ian Kershaw hat Sie neulich als „Schnösel“ bezeichnet. Das fand ich besonders hübsch. Kershaw ist vor allem durch seine große Hitler-Biografie bekannt. Wobei man Hitler gewiss alles Mögliche nachsagen kann – aber ein Schnösel war er ganz bestimmt nicht.

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Well, nun haben wir es also mit einem Boris Johnson als Premierminister von Großbritannien zu tun. Was bedeutet das? Und was genau ist das überhaupt, ein Schnösel? In solchen Fällen schlage ich immer zuerst im großen Wörterbuch der Gebrüder Grimm nach. Dort wird Schnösel beschrieben als „geckenhafter, unangenehmer Mensch“.

Und das neuere Handwörterbuch, das immer griffbereit auf meinem Schreibtisch liegt, definiert den Begriff so: „dumm-frecher, hochnäsiger junger Mensch“, wobei sich das Wort ableite aus dem norddeutschen „Snodder“ für „Nasenschleim“. Ein Schnösel sei also eigentlich jemand, der sich nicht die Nase geputzt habe.

Im Englischen, auch das habe ich nachgeschlagen, wird Schnösel übersetzt mit „whippersnapper“ oder auch „snotty nosed brat“, was natürlich auch großartig klingt. Doch was folgt nun aus all dem für das Vereinigte Königreich, die deutsch-britischen Beziehungen im Besonderen sowie die Zukunft Europas im Allgemeinen?

Wenn ich so über die Bemerkung des Historikers Kershaw nachdenke, dann könnte man zurzeit die meisten Länder Europas ganz gut mit solchen Charaktereigenschaften beschreiben. Großbritannien ist also ein arroganter Schnösel, der sich danebenbenimmt und mit den anderen nichts mehr zu tun haben will. Frankreich ist ein Hallodri (laut Wörterbuch „ausgelassen, leichtsinnig“), Österreich ein Schlawiner („pfiffig, durchtrieben“), Italien ein Lümmel („grob, unverschämt“) und Deutschland ein Naseweis („vorlaut, neunmalklug“).

Wobei mir auch auffällt, dass es hierzulande so gut wie keine Politiker gibt, die in die Kategorie „Schnösel“ passen würden. Annegret Kramp-Karrenbauer? Thorsten Schäfer-Gümbel? Eher Trantüten. Robert Habeck? Typischer Normalo. Meuthen, Höcke, von Storch? Laut Wörterbuch ziemliche Stiesel („langweilig, tölpelhaft, unhöflich“).

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Mich selbst können Sie übrigens nennen, wie Sie wollen. Mir ist das inzwischen schnurz, ich habe schon so ziemlich alles gehört: Schmierfink, Flegel, Tunichtgut, Taugenichts, Strolch, Frechdachs, Lump. Neulich gebrauchte sogar jemand das schöne alte Wort Revolverjournalist – keine Ahnung, wie er darauf kam, aber ich fand es ganz lustig. Hauptsache, Sie vergleichen mich nicht mit Hitler. Denn da werde ich ganz schnell zum Wüterich!

Ihr Marcus Thielking

Der "Offene Brief" ist eine satirische Rubrik aus dem Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung.

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