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Meißen

Oft bleibt nur das Wartehäusel

Mit Freunden hat der Meißner SZ-Redakteur Peter Anderson Deutschland durchquert. Zu Fuß.

Wo Wald fehlt mit einem Netz an Wanderstrecken, gibt es auch keine Schutzhütten. So bleibt beim Langstreckenwandern mitunter das Wartehäuschen die einzige Möglichkeit, um wie hier Peter Anderson in Nordfriesland windgeschützt eine Pause einzulegen.
Wo Wald fehlt mit einem Netz an Wanderstrecken, gibt es auch keine Schutzhütten. So bleibt beim Langstreckenwandern mitunter das Wartehäuschen die einzige Möglichkeit, um wie hier Peter Anderson in Nordfriesland windgeschützt eine Pause einzulegen. © Oliver Aust

Der Ellbogen auf Sylt ist vielen Deutschen noch als nördlichster Punkt ihres Landes bekannt. Nur wenige allerdings wissen, dass das Haldenwanger Eck bei Oberstdorf den südlichsten Zipfel bildet. Drei Freunde, unter ihnen der Meißner SZ-Redakteur Peter Anderson, haben über acht Jahresetappen und insgesamt knapp 1 260 Kilometer zu Fuß erkundet, wie sich das Land zwischen den beiden Eckpunkten anfühlt.

Wie ist bei Ihnen und Ihren Wanderfreunden die Idee entstanden, einmal quer von Süden nach Norden durch Deutschland zu laufen?

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Das Wandern ist die beste Möglichkeit, die eigene Heimat kennenzulernen. Schon der Fahrradfahrer bewegt sich zu schnell, um die feinen Nuancen beim Übergang von einer Landschaftsform in die nächste zu registrieren. Und der Wanderer wird bei diesen langen Strecken außerhalb von touristisch erschlossenen Gebieten mit Problemen konfrontiert, die im vom Auto geprägten Alltag längst nicht mehr sichtbar sind.


In acht Jahren und über knapp 1 260 Kilometern haben die beiden Dresdner Jan Wetzel (links) und Peter Anderson zusammen mit Oliver Aust (rechts) aus Rostock zwischen 2010 und 2019 zu Fuß Deutschland der Länge nach durchquert. 2017 konnten die drei Freunde
In acht Jahren und über knapp 1 260 Kilometern haben die beiden Dresdner Jan Wetzel (links) und Peter Anderson zusammen mit Oliver Aust (rechts) aus Rostock zwischen 2010 und 2019 zu Fuß Deutschland der Länge nach durchquert. 2017 konnten die drei Freunde © privat

Was wären das für Probleme?

Das beginnt zum Beispiel mit der Frage, wo sich um die Mittagszeit eine Möglichkeit zum Regenerieren findet. Konkret muss ich an eine Tagesetappe in Nordfriesland von Bredstedt nach Niebüll denken. Mit einer Länge von 25 Kilometern fiel die noch vergleichsweise moderat aus. Trotzdem braucht der Mensch nach drei Stunden strammen Marsches mal eine Pause und muss sich hinsetzen. Auf dieser Strecke fand sich kein Gasthof, der dienstags um die Mittagszeit aufgehabt hätte, auch kein Einkaufsmarkt und keine Tankstelle. Noch nicht einmal eine simple Schutzhütte war auf dem flachen Land vorhanden, weil es einfach keinen Wald gab. Letzten Endes haben wir uns in ein Buswartehäuschen gehockt, das wenigstens etwas Schutz vor dem Wind bot, und jeder hat ein Brötchen mit Mini-Salamis und einen Apfel hinterher heruntergeschlungen.

Aber dafür wurde dann abends im Hotel ein warmes Essen serviert, oder?

In dem oben geschilderten Fall haben wir dem Hotel eine Gaststätte vorgezogen, weil die noch Gerichte im einstelligen Euro-Bereich anbot. Das ist schon selten geworden. In den kleinen Städten oder in Dörfern nützen auch Apps und Dienste wie Lieferando nichts. Die funktionieren nur in den Metropolen. Auf dem Land wird es für den Langstreckenwanderer richtig dünn.

Wer hat schon Lust, nach einer Tour von 36 Kilometern noch mal eine halbe Stunde zum nächsten Gasthaus oder Supermarkt zu laufen, weil der Italiener halt montags keine Pizza ausfährt. In Hambühren, in Niedersachsen, ist uns das so gegangen. Dort war die Gastgeberin aber so zuvorkommend, zwei Räder kurz auszuleihen, um die nächste Einkaufsgelegenheit zu erreichen.

Auf welchen Wegen sind Sie unterwegs gewesen?

Sehr selten auf richtigen Wanderwegen. Die existieren nur noch in den Kerngebieten touristischer Hochburgen wie rund um den Brocken im Harz. Außerhalb dieser Wander-Disneyländer wachsen die Wege zu, werden umgeackert oder vom Harvester im Forst umgepflügt. Viele Wanderkarten liefern deshalb keinen aktuellen Stand. Es macht auch wenig Sinn, Einheimische nach dem Weg ins nächste Dorf zu fragen. Die sind den zumeist noch nie gelaufen, sondern fahren immer mit dem Auto in die Nachbarschaft.

Wie haben Sie sich dann orientiert?

Für die Navigation waren zwei von uns, die sich mit Karten auskennen, zuständig. Letztlich zieht der Navigator zwischen dem End- und Anfangspunkt der jeweiligen Strecke eine Linie und sucht dann möglichst direkte Wege heraus. Das können Wanderwege sein, Radwege, Forststraßen – je nachdem, was sich anbietet. Für Sightseeing bleibt keine Zeit. Dafür ist diese Methode am besten geeignet, um mit den Leuten vor Ort ins Gespräch zu kommen. Die fragen ganz direkt, weshalb man als Wanderer in ihrer touristisch kaum erschlossenen Gegend unterwegs ist. Aus diesen Fragen entwickeln sich Gespräche und es lassen sich Dinge über die Reisegegend erfahren, die in keinem Reiseführer stehen. Das ist dann der Lohn für einen manchmal öderen Abschnitt.

Was haben Sie bei Ihren Begegnungen über Deutschland gelernt?

Der Zwiespalt, der immer wieder zwischen Nord und Süd oder zwischen Ost und West konstruiert wird, der existiert letzten Endes nicht wirklich. In allen Himmelsrichtungen finden sich reichere und ärmere Gegenden. Und übergreifend lässt sich feststellen: Die Dörfer, das Land fallen überall hinten runter. Parallel dazu wachsen sich die Städte zu einer Ansammlung von Vorstädten aus. Immer mehr Land wird versiegelt und ohne Navi weiß keiner mehr, wie es von A nach B geht. Beim Wandern lässt sich aber nicht nur viel über die eigene Heimat lernen, es bringt einen selbst oft ebenfalls nach vorn.

Inwiefern?

Wir reden ja nicht permanent von früh bis abends miteinander. Mitunter wird mal eine Stunde vollkommen schweigend und in sich versunken gelaufen. Gerade auf längeren Strecken läuft man sich so den Kopf richtig frei. Die Probleme, die einen am Anfang begleiten, werden mit jedem Kilometer kleiner und manche Lösung findet sich scheinbar von selbst.

Die Strecke durch Deutschland
Die Strecke durch Deutschland © SZ-Grafik

Sind elektronische Navigationssysteme für die Planung interessant?

Höchstens, um auf dem Satellitenbild mal zu schauen, ob ein Wartungsweg an der Bahnstrecke durchgeht und sich hier eine Abkürzung finden lässt. Elektronische Navigationssysteme sind immer nur dann gut, wenn sie intensiv mit Informationen gefüttert werden über den Zustand der Strecke, die Dichte des Verkehrs etc. Bei zuwachsenden Wanderwegen, die nicht mehr gelaufen werden, fehlt diese Rückkopplung.

Auch auf die angezeigten Öffnungszeiten von Einkehrmöglichkeiten kann man sich nicht verlassen, da diese Daten in den unterschiedlichen elektronischen Kartenwerken offenbar nicht gepflegt werden. Unterwegs übrigens, nützt einem das Navi auf dem Handy höchstens etwas, wenn man Offline-Karten heruntergeladen haben. Meistens fehlen mitten im Wald der Empfang und eine Stromquelle, um den leeren Akku aufzufrischen.

Was würden Sie jemandem raten, der ebenfalls so eine lange Strecke erlaufen möchte?

Da sind eine ganze Menge Dinge zu beachten. Läuft man in der Gruppe, müssen das Tempo und die Chemie stimmen. Für durchschnittlich sportliche Typen sollte die Durchschnittsstrecke 30 Kilometer nicht groß übersteigen. Zumal mit Rucksack auf dem Rücken. Schon wenn eine Etappe über 40 Kilometer Länge hat, kann es Blasen, Entzündungen, offene Stellen geben, die den Rest der Tour zur Tortur werden lassen.

Stöcke nehmen wir mittlerweile immer mit, weil sie den Krafteinsatz besser verteilen. Und: Ein oder zwei längere Pausen von bis zu anderthalb Stunden bringen einen besseren Regenerationseffekt, als sich jedes Mal nach zehn Kilometern hinzusetzen. Wenn es mal hart auf hart kommt, dann am besten nicht zu weit nach vorn denken.

Was sollte der Wanderer stattdessen tun?

Sich immer nur auf den nächsten Zwischenschritt konzentrieren. Wer am Morgen mit blutenden Haxen aufwacht und denkt, dass jetzt wieder sechs Stunden Schmerzen anstehen, der kann gleich den Bus nehmen. Einfach bis zum nächsten Baum denken, bis zum nächsten Dorf, bis zur nächsten Pause. Am Ende wird so das Ziel erreicht.

Es fragte Ulf Mallek.

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