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Ohne ihn singt beim Kreuzchor niemand

Auch dank des 13-Jährigen Benedict, der stets alle Notenblätter der Kruzianer im Blick behält, dürfen sich die SZ-Leser auf ein besonderes Geschenk freuen.

Zwischen den dicken Stapeln mit den Notenblättern verliert Benedict Pfau nicht so schnell den Überblick.
Zwischen den dicken Stapeln mit den Notenblättern verliert Benedict Pfau nicht so schnell den Überblick. © Sven Ellger

Er war sich keiner Schuld bewusst. Nach einer Chorprobe wurde Benedict plötzlich verdächtigt, ein Notenblatt zerrissen zu haben. Es gebe sogar Zeugen, hieß es. Auf so etwas drohen Strafarbeiten, zum Beispiel Kofferputzen. Als Benedict sich das Blatt noch einmal anschauen sollte, fand er darauf einen Zettel. „Und auf dem Stand dann die Frage, ob ich Ratser werden möchte“, erinnert sich der 13-Jährige. „Das war natürlich ganz schön gemein, aber ich habe mich dann sehr gefreut.“

Einmal Ratser sein, davon hatte Benedict schon lange geträumt. Doch nur wenigen wird diese Ehre zu teil. Gerade einmal fünf der 120 Kruzianer erfüllen diesen Dienst. Momentan sind es sogar nur vier: zwei Knaben und zwei Männer.

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Aber was ist überhaupt ein Ratser? Einfach gesagt, sind Ratser dafür zuständig, dass bei den Proben und Auftritten jeder Kruzianer die richtigen Mappen mit den richtigen Noten darin vor sich hat. Sie müssen die benötigten Blätter aus den Schränken in der Notenbibliothek holen, sie vorsortieren und in die Mappen legen. Später sind sie es auch, die die Noten wieder einsammeln und darauf achten, dass alles vollständig zurückkommt. Ihr Arbeitsplatz ist die Ratserei, ein kleiner Raum mit einem uralten Holztisch in der Mitte. Zutritt haben hier nur Mitglieder des Gremiums.

Der Begriff Ratser stammt vom nicht minder schönen Wort Ratsdiskantist ab. „Ab Mitte des 17. Jahrhunderts waren das die obersten Sänger im Chor und die einzigen, die von der Stadt bezahlt wurden“, erklärt Sybille Hoppe, die Leiterin der Notenbibliothek im Evangelischen Kreuzgymnasium. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Stellenbeschreibung allerdings geändert. Spätestens, seit der Kreuzchor um die Welt tourt, ist der Ratser zum Verantwortlichen für die Notenblätter geworden. Nur Benedict und seine Mitstreiter kennen den Code für den Notenkoffer, damit die wertvollen Blätter nicht ohne Weiteres gestohlen werden können – oder sonst wie abhanden kommen. Es wäre einfach zu riskant, wenn sich jeder Kruzianer seine Noten selbst heraussuchen würde, abgesehen davon, dass ein Chaos drohen würde.

Für seinen Job als Ratser bekommt auch Benedict ein bisschen Geld. „Aber das ist das Unwichtigste“, sagt er. Ratser zu sein, dass erfülle ihn mit Stolz. Er weiß, dass viele gern mit ihm tauschen würden. Nicht nur, weil Ratser nicht alle Proben mitmachen müssen, auch mal später kommen können oder eher gehen. Etwa vier bis fünf Stunden in der Woche hat Benedict mit den Noten zu tun. „Trotzdem habe ich genauso viel Freizeit wie die anderen“, sagt er. Fünfmal in der Woche ist nachmittags Chorprobe. Ansonsten geht er besonders gern raus auf den Fußballplatz oder verfolgt die Spiele von Borussia Dortmund in der Bundesliga.

Noch singt Benedict im Alt 2, doch noch in diesem Jahr oder spätestens im nächsten wird er in den Stimmbruch kommen. Im Chor hat er dann erst einmal Pause – und bei den Ratsern auch. Gern würde er anschließend als Männer-Ratser in das Gremium zurückkehren, doch das liegt nicht in seiner Hand. Wer Ratser werden darf, das entscheiden traditionell die anderen Ratser. Mindestens in der 5. Klasse müssen die Kandidaten sein und zuverlässig. Möglichst auch leistungsstark. Vor allem aber müssen sie bei den richtigen Kruzianern beliebt sein. So wie Mattis. Der Zwölfjährige ist der neueste im Team. Vor seiner Einberufung hat ihm Benedict einen Zettel in einen Keks gebacken. Dann wurde Mattis verdächtigt, in Notenblätter gekritzelt zu haben – und bekam den Keks zur Beruhigung. Ratser wird man nicht einfach so.

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Und weil auch vorherige Ratser ihren Job richtig gut gemacht haben, gibt es zahlreiche wunderbare Aufnahmen von Kreuzchor-Liedern. Einige dieser Titel werden die Abonnenten der Sächsischen Zeitung in wenigen Tagen als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk auf einer CD wiederfinden. Abonnenten von Sächsische.de können erhalten einen Link zum Download der Titel. Welche Lieder das genau sind, das dürfen die Leser sogar noch mitentscheiden.

Hier kann noch bis Sonntag abgestimmt werden: sz-link.de/weihnachtsCD

Welche Lieder sollen auf Ihre Weihnachts-CD?

Abonnenten von SZ und Sächsische.de können sich auf eine exklusive Weihnachts-CD der Kruzianer freuen. Sie wird rund um den 1. Advent erscheinen und der SZ beiliegen.

Noch bis Sonntag können alle Leser darüber abstimmen, welche zehn Lieder auf der CD zu hören sein sollen. Zur Auswahl stehen 16 Titel.

Unter allen Teilnehmern des Votings verlosen wir zudem 3 x 2 Eintrittskarten für das Adventskonzert des Kreuzchors im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion am 19. Dezember.

Abgestimmt werden kann hier: sz-link.de/weihnachtsCD

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