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Leben und Stil

Ohne Mama schlaf ich nicht!

Ein Kind will nie woanders übernachten, selbst bei Oma hält es keine Nacht durch. Kinderpsychiater Veit Rößner weiß Rat.

Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden
Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden © SZ

Unser Sohn (8) hat extremes Heimweh, selbst wenn er nur einmal bei der Oma übernachten soll. Wir mussten ihn schon mitten in der Nacht abholen. Bereits jetzt lehnt er eine Teilnahme an der Klassenabschlussfahrt im nächsten Jahr ab. Was können wir tun, um das zu verhindern?

Prof. Dr. med. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater am Dresdner Uniklinikum:

Da ihr Sohn schon lange vor der Klassenfahrt Bedenken äußert, haben Sie wahrscheinlich noch genügend Zeit zum Gegensteuern. Fragen Sie genau, welche Erfahrungen und Befürchtungen er hat und ob und wann das Gefühl auch schon einmal weniger stark war. Dadurch helfen Sie ihm, sich gedanklich mit dem Thema auseinanderzusetzen und dabei seine Gefühlswelt etwas zu ordnen. Lassen Sie ihn wissen, dass viele Kinder ähnliche Gefühle haben.

Gleichzeitig sollten Sie als Eltern Ihren Umgang mit Trennungssituationen hinterfragen. Nicht selten fällt es nämlich auch Eltern von Kindern mit Trennungsschmerz bzw. Heimweh schwer, gelassen zu bleiben. Falls Sie merken, dass „Trennung“ und „Ängstlichkeit“ eher dominantere Familienthemen sind, kann es auch ratsam sein, sich zunächst in einer Familien- oder Erziehungsberatungsstelle hinsichtlich hilfreicher Strategien für die gesamte Familie beraten zu lassen.

Da die im kommenden Jahr anstehende Abschlussfahrt einen bedeutenden Meilenstein für Heranwachsende darstellt, ist sie ein ausgezeichneter Anlass, spätestens jetzt Trennungssituationen konkret in überschaubaren Schritten zu üben. Suchen Sie im Alltag nach Gelegenheiten für Ihren Sohn, eine Nacht zunächst bei engen Bezugspersonen wie Freunden oder Großeltern möglichst in der Nähe zu verbringen. Starten Sie, falls nötig, noch „eine Stufe darunter“ mit Übernachtungsgästen bei Ihnen zu Hause, planen aber bereits im Vorfeld den anschließenden Gegenbesuch Ihres Sohnes fest ein.

Eine zusätzliche Unterstützung sind für viele Kinder Übergangsobjekte. So können ein Kuschelkissen oder Teddy auch im Alter Ihres Sohnes noch eine hilfreiche emotionale Brücke nach Hause spannen. Wenn in Absprache mit dem Klassenlehrer ein Kuscheltier für jeden auf der allgemeinen Packliste der Klassenliste erscheint, ist das Ganze auch weniger peinlich.

Gar nicht ratsam ist es hingegen, von vornherein die mögliche Abholung eines Kindes bei Heimweh einzuplanen. Je mehr Sie dies im Vorfeld offener oder versteckter „anbieten“, umso wahrscheinlicher wird es Ihr Sohn auch beim kleinsten, völlig normalen Unbehagen einfordern. Damit wird er aber womöglich um die Erfahrung gebracht, dass er durchaus in der Lage ist, schmerzhafte Gefühle zu überwinden und eine herausfordernde Situation meistern zu können. Übertragen Sie in dieser Sache dem Lehrer Verantwortung. Denn Pädagogen bringen oft viel Erfahrung im Umgang mit Heimweh mit. Trauen Sie Ihrem Sohn zu, dass er sich Hilfe holt.

Selbstverständlich gibt es auch Grenzen. In Einzelfällen kann der kindliche Schmerz so groß werden, dass die Trennung zur Überforderung wird. Sehr selten kann es daher in Absprache mit dem Lehrer doch notwendig werden, ein Kind abzuholen. Dann ist es wichtig, dies nicht als persönliche Niederlage zu sehen und dem Kind immer wieder Mut zuzusprechen.

Falls sich trotz aller Planung in den nächsten Monaten keinerlei Entspannung und Hoffnung auf Erfolg einstellt, könnten Sie als Notlösung vor Verzicht erwägen, doch als Begleitperson mitzufahren, ohne dass Sie diese Option bereits jetzt mit ihrem Sohn besprechen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie eine Mail an [email protected]

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