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Oi, tudo bem?

Hallo, wie geht’s? Nach der Ankunft und dem ersten Tag in Brasilien ist die Frage berechtigt.

Ein paar Minuten früher gelandet, ruckzuck durch die Passkontrolle, mit einem Kopfschütteln vorbei am Zoll. Brasilien empfängt die deutsche Elf und den Tross, der sie begleitet, zu früher Morgenstunde schwülwarm – und lächelnd. Wie versprochen also. Während die Mannschaft sofort weiterfliegt nach Porto Seguro, legen viele Journalisten einen Zwischenstopp ein in Salvador de Bahia. Fünf Stunden bleiben, um das Dokument zu besorgen, das in den nächsten Wochen genauso wichtig sein wird wie der Reisepass: die WM-Akkreditierung. Genug Zeit, möchte man meinen.

Da ist das Ding! Mit der offiziellen Akkreditierung öffnen sich fast alle Türen.
Da ist das Ding! Mit der offiziellen Akkreditierung öffnen sich fast alle Türen.

Zweifel melden sich jedoch. Der Schalter, an dem wir unser Gepäck aufgeben sollen, ist dunkel. Geschlossen. Warten oder starten? Wir schnappen die Taschen – 23 Kilo, genau am Limit – und ab zum Taxistand. Es mag daran liegen, dass die drittgrößte Stadt des Landes noch tief und fest schläft um diese Zeit, erst recht am Feiertag. Vom angedrohten Verkehrschaos ist jedenfalls nichts zu spüren, nur einmal bremst Pedro seine zügige Fahrt. Jugendliche schlendern – oder schlingern – über die dreispurige Straße. Es ist halb fünf, die Party aus. Heiko bietet eine Wette an. Das Akkreditierungszentrum öffnet laut Plan des Weltverbandes Fifa offiziell 9 Uhr, aber extra für uns schon dreieinhalb Stunden früher. So hat es der DFB versprochen. Der Kollege aus Hannover glaubt nicht dran, ich halte dagegen. Sicherheitshalber ohne Einsatz.

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Erst erkennen wir das Stadion „Fonte Nova“, wo Jogis Jungs am Montag auf Portugal treffen werden. Dann biegen wir ab in eine besonders dunkle Gasse. Halt! Skeptiker Heiko hat ein hellblaues T-Shirt blitzen sehen aus einem Torspalt. Kein Licht, kein Schild. Aber wir sind da. Und hinter der dicken Mauer; es wirkt, als sei das mal eine Kaserne gewesen; wartet eine engagierte Schar freiwilliger Helfer freudestrahlend auf uns. Wette gewonnen. Manches Vorurteil erweist sich schon in den ersten Stunden als haltlos.

Lächeln fürs Passbild; übermüdet und unrasiert. Der Fotograf entschuldigt sich für sein Deutsch, mein Portugiesisch reicht nur für ein Obrigado. Vielen Dank! Ich sollte schnell noch ein paar Vokabeln lernen. Oi, tudo Bem? Hallo, wie geht’s? Tudo bem! Alles bestens!

Eine drahtige Brasilianerin in den 50ern versucht, unsere deutschen Namen korrekt auszusprechen. Sie heißt Maria. Nicht einmal zehn Minuten dauert es, exakt 5.13 Uhr Ortszeit halten wir das Objekt der Begierde in der Hand; nicht den goldenen Pokal zwar, aber so etwas wie die Zugriffsberechtigung. Der Taxifahrer hat gewartet, obwohl er die 120 Reais, etwa 40 Euro, sofort kassiert hatte. Die Rückfahrt könnte entspannt sein, wenn – ja, wenn nicht Pedro ein Ayrton-Senna-Gedächtnis-Rennen starten würde. Dabei fährt die Formel 1 doch erst im November um den Großen Preis von Brasilien.

Die ersten vier roten Ampeln nimmt er im Tiefflug, die fünfte schaltet vor Schreck auf Grün. Wo 80 km/h erlaubt sind, springt er mit 120 zwischen drei Spuren, schneidet die letzte Kurve … Der Fahrradfahrer kommt mit dem Schrecken davon. Wir auch. Pole Position verteidigt. Ein Sieg fühlt sich aber irgendwie anders an. Die Verfolger lassen sich bewusst zurückfallen und im Sonnenaufgang am Strand entlang kutschieren. Dort, so erzählen sie, kicken bereits die Burschen – am Sonntagmorgen um sechs. Wir sind zweifellos angekommen im Land der Fußballbegeisterung.

Für die Sächsische Zeitung berichtet Sven Geisler von der deutschen Mannschaft. Die Endrunde in Brasilien ist seine vierte WM und insgesamt das achte Turnier für den 47-jährigen Sportredakteur.