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Auf Totensuche in völliger Dunkelheit

Seit Tagen suchen Polizeitaucher in der Olba nach einem vermissten Schwimmer. Eine Aufgabe, bei der sie an ihre Grenzen gehen.

Ein Großaufgebot von Tauchern aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen sucht mittlerweile in der Olba nach einem seit drei Wochen vermissten Schwimmer.
Ein Großaufgebot von Tauchern aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen sucht mittlerweile in der Olba nach einem seit drei Wochen vermissten Schwimmer. © xcitepress

Bautzen. Der vermisste Schwimmer an der Olba ist noch immer nicht gefunden worden. Nachdem eine Spezialfirma mit Sonargeräten und Unterwasserdrohne noch einmal das Wasser abgesucht hat, sind nun erneut Taucher im Einsatz. Auch am Donnerstag wieder mit dabei sind Taucherin Anett Beerbaum und der stellvertretende Leiter der Tauchgruppe der sächsischen Polizei, Polizeioberkommissar Kai Langanke. Sächsische.de hat die beiden gefragt, wie die Suche abläuft und wie es unten im Wasser ist.

Frau Beerbaum, Herr Langanke, seit zwei Wochen sind Sie immer wieder an der Olba, um nach dem vermissten Schwimmer zu suchen. Wie fühlt sich das an, unter Wasser nach einem Vermissten zu suchen?

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Anett Beerbaum: Da ist jeder auf seine Art angespannt. Das ist schon ein ziemlich hoher Druck; wir suchen ja nicht nur ein Beweismittel. Wir suchen eine Person, die verstorben ist. Bei so einer Suche ist jeder ein bisschen in sich gekehrt und versucht, für sich klar zu kommen. Entweder man kann das oder man kann es nicht.

Kai Langanke: Wir hatten auch schon Kollegen, die schnell gemerkt haben: Das Polizeitauchen ist nichts für sie. Denn das ist etwas, darauf kann man sich nicht wirklich vorbereiten – im Zweifel merkt man das erst, wenn es soweit ist. Wenn man im Wasser wenigstens ein, zwei Meter Sichtweite hat und die vermisste Person schon vorher sieht, ist das wirklich schon viel wert. Wenn man null Sicht hat und plötzlich mit dem Körper dagegen stößt, das ist nicht schön.

Anett Beerbaum: Wenn man bei einem Tauchgang nach einer vermissten Person die Leiche findet, ist man aber vor allem erleichtert, muss ich sagen. Das ist schließlich unser Ziel. Man darf dabei nicht zu viel darüber nachdenken, wer das wohl war; ob derjenige eine Frau oder Familie hat. Denn sonst könnte man – sonst könnte ich – das, ehrlich gesagt, auch nicht weitermachen.

Mit reichlich Ausrüstung sind Taucher aus mehreren Bundesländern an die Olba gekommen, um nach dem vermissten Schwimmer zu suchen.
Mit reichlich Ausrüstung sind Taucher aus mehreren Bundesländern an die Olba gekommen, um nach dem vermissten Schwimmer zu suchen. © xcitepress

Wie sind Sie als Polizeitaucher organisiert?

Kai Langanke: Wir sind 17 Leute in unserer Technischen Gruppe. Darunter sind elf Taucher, die anderen sind technische Mitarbeiter und Bootsführer. Denn wir sind nicht nur für die Suche im Wasser zuständig – wir sind sozusagen Service-Dienstleister für die sächsische Polizei. Wir haben auch technisches Gerät wie Kettensägen und Erdbohrgeräte. Wir suchen immer dann, wenn die Polizei anders nicht weiterkommt. Allerdings nur, wenn keine akute Gefahr besteht – andernfalls wäre das SEK zuständig. Das heißt: Wir suchen in Kellern oder auf Grundstücken. Dann tragen wir zum Beispiel Erde ab und suchen unter Erdhügeln.

Wenn also irgendwo eine Leiche verbuddelt wäre, wäre das Ihre Aufgabe?

Kai Langanke: Genau, das ist richtig. Aber die Hälfte der Arbeit dreht sich schon ums Tauchen. Das ist am Ende das Aufwändigste, da brauchen wir einfach am meisten Ausbildung.

Wie oft sind Sie auf Taucheinsätzen?

Kai Langanke: Das ist unterschiedlich. Zwischen 20 und 40 Mal pro Jahr.

Anett Beerbaum: Dieses Jahr waren wir schon in Bad Gottleuba hinter Pirna in der Kiesgrube. Und wir waren auch im Inselteich im Clara-Zetkin-Park in Leipzig. Da ist vor Kurzem ein Toter gefunden worden. Es wird von einem Verbrechen ausgegangen; wir haben Beweismittel gesucht. Auch bei der Suche nach dem vermissten Schwimmer in Oberwartha waren wir dabei, dort war ich auch im Wasser.

Wie gehen Sie bei der Suche an der Olba vor?

Kai Langanke: Vor Ort habe ich erst einmal versucht, möglichst viel über den See herauszufinden. Wir müssen zum Beispiel wissen: Wo können sich Personen bei Unwohlsein hinretten? Die Olba ist zu groß, um sie systematisch abzusuchen. Das würde dann ein Vierteljahr dauern. Deshalb haben wir versucht, über Sonaraufnahmen Anhaltspunkte zu finden. Darauf sind dann Schatten zu sehen – von Steinen, Baumstämmen, Metall oder Fischen. Was es tatsächlich ist, ist meistens nicht zu erkennen. Manchmal hat man Glück, wenn die gesuchte Person nicht so tief liegt und nicht in einem Loch verschwunden ist. Dann ist das gut auf dem Bild zu erkennen. Aber je tiefer es wird, desto ungenauer wird das Sonarbild. Bei der Olbasuche haben wir versucht, strukturell die Stellen abzusuchen, wo das Sonarbild Anhaltspunkte gegeben hat. Bislang hatten wir leider kein Glück.

Frau Beerbaum, was ist bei der Suche Ihre Aufgabe?

Anett Beerbaum: Ich persönlich war an der Olba selbst noch nicht im Wasser. Ich hatte die Aufgabe, vom Boot aus einen Taucher zu führen. Denn derjenige, der taucht, ist mit einer Leine mit Sprechverbindung an jemanden gekoppelt, der sich in einem Boot befindet. Ich hatte also einen Taucher an der Leine und habe mit ihm kommuniziert. Wobei man sagen muss: In Plauderlaune ist man da eher nicht.

Im Wasser sein können die Taucher immer nur eine begrenzte Zeit. Viel Aufwand erfordert aber auch das Vorbereiten der Ausrüstung.
Im Wasser sein können die Taucher immer nur eine begrenzte Zeit. Viel Aufwand erfordert aber auch das Vorbereiten der Ausrüstung. © xcitepress

Wie ist denn die Situation im Wasser?

Kai Langanke: Der Olbasee ist ein schwieriges Gewässer, weil er wirklich tief ist und der Grund inhomogen. Wenn man denkt, man sei unten, ist man immer noch nicht wirklich auf dem Grund. Dort sind Erhebungen, die sind einen Meter hoch, dann kurz darauf Löcher, die einen Meter tief sind. Da unten ist eine Mischung aus Kohleflözen und Sedimenten von verrottendem Laub. Da setzt sich einiges ab in so einem See. Das ist eher unschön, wo man sich durchtastet – man weiß ja gar nicht so genau, was das ist.

Anett Beerbaum: Das Schwierige ist: Je nach Wassertiefe kann ein Taucher ein bis anderthalb Stunden im Wasser sein. Wegen der Dekompressionszeit, die man einberechnen muss, bedeutet das: Bei einer Wassertiefe von 25 Metern, wie an vielen Stellen in der Olba, bleiben nur etwa 20 Minuten zum Suchen. Es ist dunkel da unten und kalt. Die Wassertemperatur unten liegt nur bei vier Grad, obwohl die Oberfläche etwa 20 Grad hat. Man hat da höchstens einen halben Meter Sicht, es gibt viele Schwebeteilchen. Der Taucher krabbelt am Boden, weil nichts zu sehen ist. Wenn Sicht wäre, würde er eher schweben. Aber so muss der Taucher den Boden abtasten. Durch die Tiefe droht in der Olba auch die sogenannte Taucherkrankheit, der Tiefenrausch. Dem einen wird dann schwindelig, der andere weiß gar nicht mehr, was er macht.

Kai Langanke: Das ist im Prinzip eine Stickstoffvergiftung. Je tiefer man ist, desto mehr bewirkt der Druck des steigenden Stickstoffs Einschränkungen des Gehirn- und Nervensystems. Man reagiert langsamer, Gefühle wie Angst und Euphorie werden verstärkt, Panik macht sich breit. Wie schnell das passiert, das ist von Person zu Person unterschiedlich – aber das beginnt etwa bei Tauchtiefen von 30 Metern. Je länger man im Wasser ist, desto größer die Gefahr. Wir versuchen, die Gefahr zu minimieren, indem wir regelmäßig trainieren und tauchen gehen. 

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