SZ +
Merken

Old Shatterhand in Böhmen

Karl May ist in Tschechien mindestens so populär wie bei uns. Die Spuren des berühmten Sachsen führen auch nach Usti.

Teilen
Folgen

Von Steffen Neumann

Ich bin Tramp, zu meinen Erziehern gehörte Karl May“, erklärt Petr Berounsky seine Leidenschaft für die Bücher des sächsischen Bestsellerautors. Tramping war eine verbreitete Jugendbewegung in Tschechien, vergleichbar mit unseren Pfadfindern, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem durch die Wild-West-Romane Karl Mays inspiriert wurde. „Das erste Mal las ich Karl May mit elf Jahren, das war 1967“, erinnert sich Berounsky. Anders als in der DDR war May in der Tschechoslowakei kein Klassenfeind. Seine Popularität sprengte Systemgrenzen. Auch seine deutsche Herkunft spielte keine Rolle. Schon kurz nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurden seine Bücher wieder verlegt. Endgültig überwältigt wurde Petr Berounsky aber durch die Winnetou-Filme aus den 1960er-Jahren, die ganz normal im tschechischen Staatsfernsehen zu empfangen waren.

Die einzige Karl-May-Straße Tschechiens befindet sich in Usti im Stadtteil Brna, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel „Srdicko“ (Foto links), wo Karl May 1897 fünf Wochen lebte.Fotos: Steffen Neumann
Die einzige Karl-May-Straße Tschechiens befindet sich in Usti im Stadtteil Brna, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel „Srdicko“ (Foto links), wo Karl May 1897 fünf Wochen lebte.Fotos: Steffen Neumann
Die einzige Karl-May-Straße Tschechiens befindet sich in Usti im Stadtteil Brna, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel „Srdicko“ (Foto links), wo Karl May 1897 fünf Wochen lebte.Fotos: Steffen Neumann
Die einzige Karl-May-Straße Tschechiens befindet sich in Usti im Stadtteil Brna, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel „Srdicko“ (Foto links), wo Karl May 1897 fünf Wochen lebte.Fotos: Steffen Neumann

Seine Karl-May-Sammlung ist inzwischen auf fast 200 Bücher angewachsen – alle in tschechischer Übersetzung. Der älteste Titel ist ein „Old Surehand“ aus dem Jahr 1902 und steht nun gemeinsam mit einem Teil der Sammlung im Stadtmuseum von Usti nad Labem (Aussig). Das Museum zeigt bis Anfang Juni eine Karl-May-Ausstellung aus dem Fundus des Prager Nationalmuseums. Zu sehen sind originale Waffen aus der Zeit und von den Orten, wo Karl Mays Romane spielen. Auch das Karl-May-Museum in Radebeul steuerte zwei berühmte Leihgaben bei: Der Bärentöter und die Silberbüchse, natürlich beides Repliken.

„Wer mehr echte Waffen oder typischen Indianerschmuck sehen will, muss einige Räume weiter in die Indianer-Ausstellung gehen“, empfiehlt Kurator Vaclav Houfek, „wir konzentrieren uns hier auf die Fiktion.“ Deshalb zeigen die großformatigen Fotografien im Hintergrund nicht etwa Amerika, sondern wie in den Winnetou-Filmen, die Karstlandschaft von Kroatien. Faszinierend ist eine Vitrine voller Sammelbilder mit den Filmgestalten von Winnetou, Old Shatterhand oder Nscho-tschi. „Das sind alles Privatleihgaben. So ein Foto hatte früher hohen Tauschwert“, schmunzelt Kurator Houfek.

Dass die Ausstellung über Karl May zuerst nach Usti wandert, ist kein Zufall. Denn in der Stadt und ihrer Umgebung hat sich May mehrmals aufgehalten. „Die Landschaft des Elbtals und des Böhmischen Mittelgebirges hat sein Werk beeinflusst“, ist sich Houfek sicher. Die längste Zeit war May allerdings unfreiwillig in Böhmen. Auf der monatelangen Flucht vor seiner Verhaftung gelangte er Anfang 1870 nach Valkerice (Algersdorf), rund 30 Kilometer östlich von Usti. In einer Scheune wurde er völlig mittellos aufgegriffen. Den Polizisten tischte er eine abenteuerliche Geschichte auf, er sei ein Plantagenbesitzer von Martinique. Doch die Beamten blieben skeptisch. Nach zwei Monaten traf ein Polizeibild aus Dresden ein, das Karl May als steckbrieflich Gesuchten identifizierte.

Auch nach seiner Haft und zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere soll May mehrmals in Usti gewesen sein. Sicher belegt ist sein fünfwöchiger Aufenthalt in der Sommerfrische Brna (damals Birnai) bei Usti im Jahr 1897. In dem Hotel „Herzig“ schrieb er den Roman „Weihnacht!“. Das Hotel mit den Holzbalkonen am Hang gibt es noch heute. Seit 1999 gehört es dem Ehepaar Polansky und heißt heute tschechisch „Srdicko“. Ausgemachte Karl-May-Fans sind sie allerdings nicht. „Wir wollten damals etwas Eigenes kaufen und dieses Objekt wurde gerade angeboten. An Karl May haben wir da nicht gedacht“, gesteht Eigentümerin Blazena Polanska ganz ehrlich.

Trotzdem erinnert an den Sachsen nicht nur eine Gedenktafel. Im Kaminzimmer des Restaurants ließen die Eigentümer eine Wand mit Romanmotiven bemalen. An den Wänden hängen gerahmte Bilder von Karl May und einige Werke stehen zum Lesen bereit. „Einige Gäste kommen extra wegen Karl May hierher“, bestätigt Frau Polanska. Die meisten werden aber erst wegen der Wanddekoration auf den berühmten Gast aufmerksam. Viele von ihnen sind mit dem Rad unterwegs, denn unterhalb des Hotels verläuft der Elberadweg. Aber einen Hinweis, wo May immer saß und sein Bier trank, sucht man vergeblich. „Das lässt sich nicht mehr rekonstruieren, da das Haus zwischenzeitlich umgebaut wurde“, sagt Polanska. Dafür befindet sich seit den 1980er Jahren ganz in der Nähe die einzige Karl-May-Straße Tschechiens.

An das Restaurant „Srdicko“ hat auch Petr Berounsky lebhafte Erinnerungen. „Hier kehrten wir als Jugendliche ein, wenn wir von unseren Tramp-Ausflügen zurückkehrten“, sagt der Karl-May-Fan. Für Berounsky ist die große Verehrung für den sächsischen Autor in Tschechien kein Wunder. „Wir sind uns mit den Sachsen einfach zu ähnlich“, lacht er.