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Der Olympiasieger und seine Corona-Verzweiflung

Der Top-Kanute muss sich irgendwie fit halten. Schon das fühlt sich für den Dresdner zunehmend surreal an, von Olympia im Sommer ganz zu schweigen.

Tom Liebscher trainiert derzeit Zuhause - und mit einem unguten Gefühl.
Tom Liebscher trainiert derzeit Zuhause - und mit einem unguten Gefühl. © Robert Michael

Dresden. Vor einigen Tagen war das noch ein bisschen wie Abenteuer. Da musste Tom Liebscher mit der deutschen Kanu-Nationalmannschaft das Trainingslager in Sevilla fast fluchtartig über Nacht verlassen. Mit dem Taxi sind die Athleten über die Grenze nach Portugal gefahren, um von Faro aus am Samstagvormittag den Flieger nach München zu erwischen.

Von dort ist der Olympiasieger von 2016 mit dem Mietwagen nach Dresden zurückgefahren. Das ist jetzt erst eine Woche her. Doch seither hat sich für den Vorzeige-Athleten des Kanuclubs Dresden eine ganze Menge geändert. Die Corona-Pandemie verändert Sicht-, Denk- und Lebensweise des 26-Jährigen.

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Der Deutsche Kanu-Verband hat seinen Mitgliedern empfohlen, den Trainingsbetrieb weitgehend einzustellen, den Wettkampfbetrieb sowieso, vorerst bis Ostern. Wie lange tatsächlich, ist offen. Auch für den erfolgreichsten deutschen Sportverband der letzten 20 Jahre überholen sich Meldungen beinahe täglich. Der Landesstützpunkt ist offiziell geschlossen, der KC Dresden ebenso. „Die Regelung ist strikt, aber auch okay so“, sagt Liebscher.

Liebscher gesteht Motivationsprobleme

Er und drei seiner Teamkollegen, darunter auch Olympiahoffnung Steffi Kriegerstein, sind als Bundeskader allerdings in einer Ausnahmesituation. „Ich bin bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr angestellt, der Sport ist mein Beruf. Wir müssen uns jetzt irgendwie fithalten“, sagt Liebscher. Also schnappt er sich hin und wieder sein Boot und trainiert auf einem Nebenkanal der Elbe oder einer Kiesgrube. Oder er setzt sich auf zu Hause auf seinen Kanu-Ergometer.

Trockentraining nennt sich das, und es fühlt sich surreal an. „Im Moment fällt es mir sehr schwer, ins Boot zu steigen“, gibt Liebscher unumwunden Motivationsprobleme zu. Wer mag ihm das verdenken? Um ihn herum kommt das alltägliche Leben zum Erliegen. Aber der sechsfache Weltmeister soll wie immer funktionieren, er soll Höchstleistungen bringen.

Es ist ein emotionaler Spagat, den Liebscher und seine Paddel-Kollegen vollbringen sollen. Zwar sind erste nationale und internationale Qualifikationsrennen für die Olympischen Spiele in Tokio bis einschließlich Mai abgesagt, die Vorbereitung auf den Jahreshöhepunkt läuft unterdessen weiter. Das Internationale Olympische Komitee spielt bis mindestens Mai auf Zeit. Dann soll eine Entscheidung fallen.

Auch das geplante Ersatz-Camp in Kienbaum fällt aus

„Eigentlich muss man jetzt andere Prioritäten setzen. Ich stelle mir schon die Frage: Macht das alles noch Sinn“, sagt Liebscher und fügt an: „Man denkt jetzt nicht gerade darüber nach, Sport zu treiben, wenn das öffentliche Leben so eingeschränkt wird. Letztlich ist der Sport auch eine Unterhaltungsindustrie“. Dass er dafür wie ein Rädchen funktionieren soll, spricht der Dresdner zwar nicht offen aus, es steht aber deutlich zwischen den Zeilen.

Nun erwog der Deutsche Kanu-Verband, seine Top-Athleten gemeinsam mit denen aus anderen nationalen Sportverbänden, im Trainingszentrum in Kienbaum unterzubringen. „Es sollte davor eine medizinische Untersuchung aller Athleten geben“, sagt Liebscher. Wann sich er und seine Auswahlkollegen in Kienbaum einfinden sollte und wie lange diese sportliche Quarantäne andauern sollte, „das wusste keiner“, erklärt Liebscher vielsagend. Seit Donnerstag ist auch diese Variante vom Tisch. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, verkündete das offiziell.

Wie er die kommenden Tage überstehen soll, fragt sich Liebscher. Es soll nun stattdessen – so weit irgendwie möglich – dezentral trainiet werden. Was auch immer das im Detail für die einzelnen Athleten konkret heißt. Ob er eine schnelle Entscheidung für oder gegen Olympia in Tokio bevorzugen würde? 

Das vermag Liebscher nur vage zu beantworten. „Machen wir uns nichts vor, unsere ersten Qualifikations-Wettkämpfe sind jetzt abgesagt. Wie soll man sich denn regulär noch für Olympia qualifizieren. Ich habe das Glück, dass ich vor vier Jahren schon einmal das Erlebnis genießen konnte“, erklärt der Student für Verkehrsingenieurwesen.

Der Verbandspräsident schreibt einen offenen Brief

„Wir verstehen sehr genau, dass Frust, Enttäuschung, ja auch Verzweiflung und zuweilen, wenn man auf das Ziel Olympia fixiert ist, auch Wut zu euren momentanen Gefühlen gehört“, schreibt Kanu-Verbandspräsident Thomas Konietzko am Freitag in einem offenen Brief und zeigt Verständnis für seine Athleten. „Wir sehen dabei genau wie ihr, dass gerade im Moment in Europa eine faire Vorbereitung auf die Olympischen Spiele verglichen mit Athleten in anderen Ländern der Welt nicht möglich ist“, betont er.

Vor vier Jahren in Rio gewann Liebscher mit dem Kajak-Vierer die Goldmedaille. Das ist auch der Anspruch für Tokio. Im Vorjahr hat das Quartett mit dem Weltmeistertitel den nötigen Quotenplatz bereits geholt. Unter normalen Umständen ist der Dresdner kaum mehr aus dem Olympia-Kader zu verdrängen. „Ich bin eigentlich qualifiziert für die Spiele“, stellt der 1,89 Meter große Hüne durchaus selbstsicher fest. Aber was ist heutzutage schon normal? „Im Prinzip arbeiten wir seit dem 1. Oktober gezielt auf Olympia hin. Eigentlich schon seit 2016“, sagt er. Die Zweifel wachsen, dass diese knüppelharte Arbeit vorerst umsonst gewesen sein könnte.