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Olympiasiegerin und Doping-Opfer: Eine Sportlerin erzählt

Die Dresdner Schwimmerin Rica Reinisch gewann mit 15 Jahren drei Goldmedaillen, später ging sie in den Westen. Porträt einer polarisierenden, meinungsstarken Frau.

Rica Reinisch zurück in Dresden. Vor 40 Jahren wurde sie dreifache Olympiasiegerin – als 15-Jährige.
Rica Reinisch zurück in Dresden. Vor 40 Jahren wurde sie dreifache Olympiasiegerin – als 15-Jährige. © Robert Michael/dpa

Sie fällt immer noch auf. Lange Beine, lange blonde Mähne, lautes Lachen. Die Frau ist einnehmend. Manche würden das als vereinnahmend bewerten. Rica Reinisch überschüttet selbst fremde Menschen mit Freundlichkeit. So ist ihr Naturell. Dabei hat die 55-Jährige ein Leben voller Brüche gelebt. In Seifhennersdorf geboren, in Usedom bei den Großeltern und im sächsischen Großschönau aufgewachsen. In einer exklusiven dreiteiligen Serie blickt sie zurück auf ihren größten Erfolg, berichtet von ihrer Dopingaufarbeitung und erzählt aus ihrem Leben. 

Mit neun Jahren wird ihre Begabung für das Schwimmen beim SC Einheit Dresden entdeckt. Unter Trainer Uwe Neumann wird sie sechs Jahre später einer der ersten Teenie-Sportstars der DDR. Bei den Olympischen Spielen von Moskau gewinnt sie drei Goldmedaillen: über 100 und 200 Meter Rücken sowie mit der Lagenstaffel. Jeweils in Weltrekordzeit. Reinisch ist erst 15 Jahre alt. 

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Selbst die renommierte italienische Tageszeitung Gazetta dello sport ist sich damals sicher: Das ist die erste Frau, die über 100 Meter Rücken unter einer Minute bleibt. Tatsächlich fällt diese Schwelle erst 22 Jahre später. Ihre Siegerzeit über die kurze Rückendistanz ist noch deutscher Altersklassenrekord für 15-Jährige, der älteste Bestwert für Mädchen und Frauen.

Hoher Wert an männlichen Hormonen

Reinisch wurde lange von gewissen Kreisen der Schwimmerszene geschnitten. Das hatte auch mit einem Tabubruch zu tun. Sie sagte – in Interviews und vor Gericht – als einer der wenigen DDR-Athleten zum Thema Doping aus. Im Prozess gegen den ehemaligen Sportboss Manfred Ewald im Jahr 2000 zählt sie zu den Zeuginnen und Nebenklägerinnen. Reinisch bekam bereits als 14-Jährige ohne ihr Wissen vom damaligen Trainer Uwe Neumann Oral-Turinabol verabreicht – Zwangsdoping an Minderjährigen. Heute wehrt sie Nachfragen dazu meist ab. „Zu dem Thema ist alles gesagt“, argumentiert die 54-Jährige.

Für ein Interview mit Sächsische.de macht sie noch mal eine Ausnahme, betont aber, auf das ausgeklügelte Sportfördersystem in der DDR an sich nichts kommen zu lassen: „Die haben die Kinder von der Straße ferngehalten, das gesamte System war durch und durch organisiert. Doping war nur ein kleines Puzzleteil in dem Gebilde.“ Bereits ein Jahr nach ihrem größten Triumph von Moskau wusste sie, dass bei ihr offenbar auch nachgeholfen wurde. Ein Arzt in Dresden stellt nach einem Zusammenbruch aufgrund einer chronischen Eierstockentzündung einen extrem erhöhten Wert an männlichen Hormonen fest und legt Reinisch nahe, ihre Karriere sofort zu beenden, wenn sie noch Kinder bekommen wolle. Mit 16 macht sie Schluss.

In der DDR-Presse berichtet freilich niemand über die tatsächlichen Hintergründe. Reinisch darf an der Kinder- und Jugendsportschule in Dresden noch die 10. Klasse beenden. Danach studiert sie Grundschullehramt – Mathe, Deutsch und Sport. „Aber die Kinder hätte ich nicht zu sozialistischen Persönlichkeiten entwickeln können, deshalb wurde ich nie Lehrerin.“ Ihr Abitur hat sie später im Westen nachgeholt.

Keine Identifikation mit DDR-Gesellschaftssystem

Sie absolviert eine Lehre als Kosmetikerin und Maskenbildnerin, bekommt in der DDR noch zwei Kinder – Marcel und Nastasia. Als ihre Tochter gerade einen Monat alt ist, wird der dritte Ausreiseantrag von Rica Reinisch und ihrem damaligen Mann überraschenderweise bewilligt – es ist der Dezember 1988. Als Sportlerin habe sie zwar profitiert, aber: „Mit dem DDR-Gesellschaftssystem konnte ich mich nie identifizieren. Ich war nie in der SED, meine Eltern auch nicht, und immer ein Querschläger. Wenn jemand versucht, mich in eine Richtung zu drücken, die ich nicht mag, begehre ich extrem auf“, betont sie.

Sie zieht erst nach Koblenz, dann nach Köln, München – arbeitet als Fernsehjournalistin für RTL, das DSF, dreht später auch für Arte und 3Sat. Dann landet sie in Eschweiler bei Aachen. Reinisch lacht ihr kehliges Lachen. „Vom tiefsten Osten in den tiefsten Westen. Das kann man als Flucht begreifen“, betont sie.

Zwischendurch versucht sie 1991 ein halbherziges Comeback für Olympia 1992 und fragt dafür sogar ihren Ex-Trainer Uwe Neumann um Rat und Trainingspläne. Dass sie das tut, wird außer ihr kaum jemand verstehen. „So schlimm die eine Situation war, so ein hervorragender Trainer war er eben auch. Das muss man differenzieren“, erklärt Reinisch heute.

Sie schafft es nach drei Monaten Training in drei B-Finals und beendet das Experiment. „Weil mir meine Kinder wichtiger waren. Wenn ich es noch mal hätte schaffen wollen, hätte ich so hart trainieren müssen, dass sie darunter gelitten hätten.“Die Tochter eines Webers und einer Schiffsbauschlosserin, die später noch technische Zeichnerin lernte, hat ihre Vergangenheit schonungslos aufgearbeitet. Auch die vierjährige Beziehung mit Bernd Thränhardt, dem Bruder von Weltklasse-Hochspringer Carlo, gehört dazu. Alkohol war für ihn ein schwieriges Thema. Sie bereut es, sich und ihre Kinder dieser Verbindung so lange ausgesetzt zu haben. „Vier Jahre habe ich ausgehalten. Meine Kinder haben alles hautnah mitbekommen, ich würde mir heute wünschen, dass ich das zurückdrehen könnte.“

Heimatliebe bewegt sie

Am 7. August 1999 lernt sie ihren jetzigen Mann, den renommierten Innenarchitekten Harald Klein, kennen. „Das war mein großes Glück. Da wurde mir ganz bewusst, was ich will und was nicht. Ich kann mit Fug und Recht sagen: Ich habe das Leben verstanden.“ Reinisch arbeitet als freier Mental- und Motivationscoach für Führungskräfte. „Kommunikation, Konflikt- und Stressmanagement sind die drei Dinge, auf die ich mich spezialisiert habe. Siegen beginnt im Kopf, aber dort darf es nicht stecken bleiben“, sagt sie.

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Zieht sie bald nach Dresden? Sie muss es wissen. „Alle Charaktereigenschaften, die mich heute prägen, entwickelten sich aus dem Sport.“ Mittlerweile spielt sie Golf, springt nur noch aus Spaß ins Wasser. „Ich liebe es, mich im Wasser zu bewegen“, sagt sie. Und außerdem ist es die Heimatliebe, die sie bewegt. „Wenn ich mit dem Auto komme, habe ich jedes Mal Tränen in den Augen und Gänsehaut, wenn ich in das Dresdner Tal reinfahre. Es gibt so viele Wurzeln, aber nur eine“, betont sie, „die so tief reicht – und das ist meine Dresdner Wurzel.“ Mit dem Menschenschlag könne sie sich besser identifizieren als mit dem im Westen, „auch wenn ich dort sehr viele Freunde habe“. Ihre Erfahrung: „Der Wessi ist weniger bereit, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.“ Eine streitbare These. Typisch für Rica Reinisch.

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