merken
PLUS

Meißen

Oma Fagott

Tabea Lüpfert ist 30, spielt ein Instrument, das klingt wie ein mürrischer alter Mann, und wird selbst auch mal „Oma“ genannt. Ein Traum für die Dresdnerin.

Tabea Lüpfert mit ihrem Fagott im Proberaum der Elblandphilharmonie in Riesa. Ein solches Holzblasinstrument kostet zwischen 30 000 und 50 000 Euro, erzählt die Musikerin.
Tabea Lüpfert mit ihrem Fagott im Proberaum der Elblandphilharmonie in Riesa. Ein solches Holzblasinstrument kostet zwischen 30 000 und 50 000 Euro, erzählt die Musikerin. © Sebastian Schultz

Elbland. Ausgerechnet der brummige Großvater musste es sein. Nicht die wie ein Vogel zwitschernde Querflöte, nicht die wie eine Katze schnurrende Klarinette, auch nicht die quakende Oboe. „Dö-dö-dö-döööö“ macht Tabea Lüpfert, viel tiefer als ihre eigene Stimmlage, dann muss sie lachen. „Das macht sehr viel Spaß.“ Ja, den Großvater in „Peter und der Wolf“ hat die 30-Jährige natürlich auch schon gespielt, diese wohl bekannteste Rolle des Fagotts.

Das Musikmärchen von Sergei Prokofjew hat schon viele Kinder an die Instrumente eines Sinfonieorchesters herangeführt, aber als Tabea Lüpfert beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ das erste Mal ein Fagott hört – und sieht – ist sie schon dreizehn und spielt seit acht Jahren Blockflöte. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Lüpfert heute. „Das war für mich das schönste Instrument, das ich je gesehen und gehört habe, das wollte ich unbedingt spielen.“ 

Sächsische.de zum Hören!
Sächsische.de zum Hören!

Zu Hause, unterwegs, in der Pause – Sächsische.de kann man nicht nur lesen, sondern auch immer und überall hören. Hier befinden sich unsere Podcasts.

Allein die Größe, die vielen glänzenden Klappen und dann dieser tiefe, weiche Ton, der auch ganz hoch werden kann. Von da an spielt sie nur noch Fagott, vergessen ist die Blockflöte. Hat Lüpfert anfangs noch in ihrer Heimat Annaberg-Buchholz Musikunterricht, wechselt sie mit 14 Jahren nach Dresden an die Spezialschule für Musik Carl-Maria von Weber, studiert danach sogar noch acht Jahre lang Fagott an der Hochschule für Musik Dresden.

Schon in dieser Zeit hilft sie an der Staatsoperette Dresden und den Landesbühnen Sachsen aus, ist danach aber fast ausschließlich als freischaffende Fagottistin tätig. Kein leichter Job, denn sich selbst einen Auftrag zu beschaffen, ist fast nicht möglich, erklärt Lüpfert. „Es geht alles nur noch über Kontakte.“ Doch Lüpfert hat zum Glück einen ehemaligen Kommilitonen, von allen nur „Muckenkönig“ genannt, der immer wieder ihre Telefonnummer weitergibt; so kommt sie an Aufträge. Außerdem verwandelt sich Lüpfert ja regelmäßig auch in „Oma Fagott“.

Zusammen mit Freundinnen veranstaltet Lüpfert in Dresden und Leipzig Kinder- und Babykonzerte in der Besetzung Klavier, Klarinette und Fagott. Inzwischen hat sich die Konzertreihe, bei der zu klassischer Musik auch mal geschrien werden darf, einen echten Namen gemacht. 

Aber Tabea Lüpfert musste sich erst auf die kleinen Zuhörer einstellen. „Manche Kinder hatten erst ein bisschen Angst, vor allem das Fagott macht ja sehr tiefe, laute Töne“, erzählt sie. „Ich musste mich da erst mal vorsichtig rantasten.“ Die Musik wird den Kindern mit einer Geschichte nahegebracht, ähnlich wie bei Peter und der Wolf, und Lüpfert ist dabei eben die „Oma Fagott“ – analog zum Großvater in „Peter und der Wolf“.

Zwar noch nicht wie eine Großmutter aber doch schon beinah zu alt fühlt Lüpfert sich, als sie im vergangenen Jahr die Ausschreibung sieht, mit der die Elblandphilharmonie eine neue Fagottistin oder einen Fagottisten für das Orchester sucht. 

Ein Traum für die Musikerin, auch weil sie mit ihrem Freund, einem freischaffenden Saxofonisten und Klarinettisten, gerade ihr erstes Kind erwartet. Das ist jedoch gleichzeitig das Problem. „Ich dachte, nein, warum denn gerade jetzt?“, sagt Lüpfert. Doch sie hat Glück, bis zum Probenspiel dauert es noch etwas. Ihre Tochter ist da bereits auf der Welt.

Wimmelbild mit Fagottistin (letzte Reihe, 5. von links): Mit 56 Musikern wird das Filmmusik-Konzert am Sonntag im Meißner Dom stattfinden.
Wimmelbild mit Fagottistin (letzte Reihe, 5. von links): Mit 56 Musikern wird das Filmmusik-Konzert am Sonntag im Meißner Dom stattfinden. © Sebastian Schultz

Das Baby ist erst fünf Monate alt, als seine Mutter im vergangenen September endlich zum Vorspielen gehen darf. Das dauert den ganzen Tag: erst Mozartkonzert, dann wichtige Orchesterstellen, noch eine Runde mit anderen Orchesterstellen; nach jedem Durchlauf werden Bewerber ausgesiebt.

Teilweise wird hinter dem Vorhang gespielt, damit nicht nur nach Gesicht ausgewählt wird. „Das ist keine schöne Situation“, sagt Lüpfert und ruft sich den Tag noch einmal ins Gedächtnis: „Ganz alleine stehen wir dann da, vor dem ganzen Orchester. Woah ... Das war schlimm.“

Doch der Aufwand lohnt sich für die Musikerin, sie erhält tatsächlich die ersehnte Festanstellung, sogar unbefristet. „Immer mehr Orchester werden abgebaut oder fusionieren“, sagt Lüpfert, „und trotzdem gibt es fast die gleiche Anzahl an Hochschulen wie früher und unglaublich viele sehr gute Musiker, auch Fagottisten. Eigentlich denkt man, man hat überhaupt keine Chance.“ Ein bisschen Glück gehöre eben auch dazu.

Heute ist sie als stellvertretende Solofagottistin eine der jüngsten im Orchester. Und dank einer halben Stelle habe sie auch noch genug Zeit für ihre Tochter. Doch wovon träumt die 30-Jährige auf lange Sicht? Vom großen Auftritt in der Metropolitan Opera in New York? „Genau hiervon“, sagt Lüpfert.

„Das ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Ich mag die Kollegen, was wir spielen, ist sehr vielfältig, und wir fahren nicht auf zweimonatige Tourneen, das würde ich auch nicht wollen.“ Dass es noch mit einem festen Engagement klappt, habe sie schon fast aufgegeben, gibt sie zu. „Das hier war mein letzter Versuch.“

Mit einem besonderen Konzert endet am Sonntagabend Tabea Lüpferts erste Spielzeit an der Elblandphilharmonie: Bei einem Filmmusik-Open-Air zum Abschluss der Burgfestspiele wird sie mit 55 anderen Orchestermusikern auf dem Meißner Burgberg bekannte Titel aus Filmen nachspielen, darunter Star Wars, Herr der Ringe, Harry Potter, Fluch der Karibik, Jurassic Park und E. T. Das eintrittsfreie Konzert wird vom Kulturraum Meißen–Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gefördert und beginnt um 18 Uhr.

Allerdings doch nicht wie geplant als Open-Air-Veranstaltung, wie Julia Gläßer, Assistentin der Geschäftsleitung der Elblandphilharmonie, erklärt. Bei angekündigten 38 Grad Hitze sei es für Musiker wie für Zuschauer voraussichtlich einfach viel zu heiß im Freien. Daher wird das Konzert in den Dom verlegt, wo es Platz für 450 Zuschauer gibt. Das sei ja auch für die Instrumente besser, sagt Tabea Lüpfert.

Das Filmmusik-Open-Air am Sonntag: Das Konzert im Meißner Dom ist eintrittsfrei, beginnt um 18 Uhr und dauert etwa 90 Minuten (mit Pause). Zwischen den Filmtiteln moderiert Michael Seeboth, Dirigent ist Ekkehard Klemm.

Mehr zum Thema Meißen