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Eine Online-Fahrschule als Kampfansage

Benjamin Riesser will mit seiner jungen Firma Odokar  Theoriestunden per Smartphone einführen. Der Branche passt das nicht.

Benjamin Riesser betreibt eine Fahrschule in Berlin. Er würde gerne das System reformieren und den theoretischen Unterricht online anbieten.
Benjamin Riesser betreibt eine Fahrschule in Berlin. Er würde gerne das System reformieren und den theoretischen Unterricht online anbieten. © Ronald Bonß

Von Sven Heitkamp

Leipzig. Benjamin Riesser steht im Leipziger Spin-Lab, ein Brutkasten für heranwachsende Start-ups, und lächelt. Der 28-Jährige mit dem gepflegten Vollbart könnte sich gut vorstellen, hier in den roten Ziegelhallen der früheren Baumwollspinnerei sein noch junges Unternehmen Odokar in Zukunft weiter voranzutreiben. Denn Riesser hat Großes vor. Er will nicht weniger als den Fahrschul-Unterricht in Deutschland revolutionieren: Statt 14 Pflichtstunden in der Fahrschule vor Ort soll es Online-Lerntools geben, die auf dem Tablet, Smartphone oder Computer abgerufen werden. Und dazu eine Plattform, auf der man Fahrlehrer buchen kann.

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Riesser selbst ist kein Fahrlehrer. Er hat in London und Paris Betriebswirtschaft studiert und dort die Leute von „Ornikar“ kennengelernt. Ein französisches Fahrschul-Start-up, das den Weg durch die Instanzen schon hinter sich hat. Die Gründer haben ein Online-Angebot für Fahrunterricht gestartet und wurden dafür verklagt. Doch vor den Gerichten, so erzählt Riesser, bekam Ornikar schließlich Recht. Auch die französische Regierung mit dem damaligen Wirtschaftsminister Emmanuel Macron habe das Ansinnen unterstützt und das Gesetz geändert. „Ornikar hat etwa 20 Prozent der Theorie-Einschreibungen auf seine Seite gezogen“, sagt Riesser. Mit 400 Fahrlehrern habe man bereits Kooperationsverträge geschlossen. „Der Erfolg zeigt, dass das System funktioniert.“ Mit seinem Ableger Odokar macht man sich nun auch in Deutschland auf den Weg, den Markt zu verändern.

Bisher ist es allerdings nur ein Zwei-Mann-Betrieb: Riesser, der Manager, und ein 50 Jahre alter, erfahrener Fahrlehrer betreiben seit September im Prenzlauer Berg in Berlin ihre kleine Fahrschule, die wie jede andere funktioniert. Doch auf der Odokar-Internetseite steht auch ein „Manifest für einen Volksführerschein“. Die Fahrschule der traditionellen Art und Weise, heißt es dort, entspreche nicht mehr den Ansprüchen der jungen Generation im 21. Jahrhundert. Zugleich klingt das Manifest wie eine Kampfansage: „Das aktuelle Modell wurde von den konservativen Interessenvertretern seit 50 Jahren aufrechterhalten und es fehlen digitale Angebote und online Zugangsmöglichkeiten.“

Theorie büffeln mit Fahrlehrer oder per Smartphone? Benjamin Riesser ist überzeugt, dass man sich den Stoff auch selbst aneignen kann.
Theorie büffeln mit Fahrlehrer oder per Smartphone? Benjamin Riesser ist überzeugt, dass man sich den Stoff auch selbst aneignen kann. © Symbolbild/Swen Pförtner/dpa

Für Benjamin Riesser ist klar: „Viele junge Leute lernen heute anders als früher und sind durchaus in der Lage, sich den Stoff anzueignen – ein Klassenraum ist nicht mehr nötig.“ Für die Online-Schulung gebe es Lernvideos, Fragebögen, einen Algorithmus, der Lernschwächen der Schüler erkennt und eine Hotline für Fragen. Die Prüfung müsse aber weiterhin bei der Behörde angemeldet werden und bei den offiziellen Stellen von TÜV oder Dekra stattfinden. „Wir wollen jungen Leuten aber die Wahl geben, wie sie lernen wollen“, betont Riesser.

Da Theorie und Fahrstunden nach der Anmeldung in aller Regel bei der gleichen Fahrschule stattfinden, soll zudem ein bundesweites Netz von Fahrlehrern entstehen, die über die Plattform von Odokar gebucht werden können. „Wir bieten den Fahrschulen an, mit uns zusammenzuarbeiten“, sagt Riesser. „Weil sie weniger Zeit und Räume für Theorieunterricht brauchen, könnten sie mehr Fahrstunden anbieten und besser verdienen.“ 

Doch bisher trifft der Vorstoß eher auf Ablehnung. „Die Anwesenheitspflicht am theoretischen Unterricht besteht nach wie vor“, betont der Vorsitzende des Landesverbandes Sächsischer Fahrlehrer, Andreas Grünewald. „Auch in Berlin gibt es keine Online-Fahrschule.“ Eine nur noch digitale Form des Lernens etwa per Auswendiglernen am Smartphone bedeute „keinesfalls eine Liberalisierung des Lernprozesses, sondern hätte eher eine Verschlechterung der Verkehrssicherheit zur Folge.“ Es bestehe aber die Chance, selbstständig zuhause den Unterrichtsstoff zu vertiefen – auch mit einer digitalen Kontrolle durch den Fahrlehrer.

In Nachbarländern gibt es schon Online-Fahrschulen

Auch Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) zeigt sich zurückhaltend. „Mit Blick auf den Schutz der Verkehrssicherheit muss in der theoretischen Fahrschulausbildung ein einheitliches Qualitätsniveau aufrechterhalten bleiben“, sagte Dulig auf SZ-Anfrage. „Dazu sind staatliche Vorgaben und ihre Überwachung unabdingbar.“ Gegen digitale Lernmittel beim Selbststudium sei nichts einzuwenden. „Nach dem derzeitigen Stand der Entwicklung digitaler Lehrmedien können diese die Fahrschulausbildung durch einen guten Fahrlehrer allerdings nur unzureichend ersetzen“, so Dulig.

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Riesser sieht das anders. In vielen Nachbarländern wie Polen, England, den Niederlanden und nun auch Frankreich seien Online-Theorieangebote bereits üblich. Um sein Ansinnen umzusetzen, baut Odokar nun vor allem auf eine öffentliche Debatte, die Unterstützung durch Kunden sowie Kontakte mit politisch Verantwortlichen bei Bund und Ländern. In vielen Gesprächen, hofft Riesser, die deutsche Rechtslage ändern zu können.

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