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Feuilleton

"Opa erzählt mal wieder vom Krieg"

Sachsens Botschafter für Europa in Brüssel erklärt, warum es sich immer noch lohnt, auf die Großeltern zu hören. Ein Gastbeitrag von Christian Avenarius.

Christian Avenarius, geboren 1959 in München, ist seit vorigem Jahr Leiter des Sachsen-Verbindungsbüros in Brüssel. Zuvor war er unter anderem Oberstaatsanwalt in Dresden. Er ist Mitglied der SPD.
Christian Avenarius, geboren 1959 in München, ist seit vorigem Jahr Leiter des Sachsen-Verbindungsbüros in Brüssel. Zuvor war er unter anderem Oberstaatsanwalt in Dresden. Er ist Mitglied der SPD. © Getty Images/Sven Ellger/Montage: SZ-Bildstelle

Von Christian Avenarius

Wir alle kennen den ironischen Spruch: „Opa erzählt mal wieder vom Krieg!“ Meistens wird er von jüngeren Menschen gebracht, wenn ältere Menschen zum wiederholten Male von prägenden Ereignissen aus der Zeit erzählen, als sie selbst jung waren. Um Kriegsgeschichten geht es dabei meistens gar nicht mehr. Ich habe von meinen Kindern derartige Reaktionen erfahren, wenn ich beim Überqueren der früheren innerdeutschen Grenze wieder einmal zum Besten gegeben habe, dass ich die Wiedererlangung der deutschen Einheit nach der friedlichen Revolution in der DDR als persönliches Geschenk empfinde. Schließlich habe ich 1991 in Sachsen eine neue Heimat gefunden.

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Mein 1975 gestorbener Großvater hat an beiden Weltkriegen teilgenommen. Viel davon erzählt hat er nicht. Wenn er es getan hat, habe ich ihm allerdings immer zugehört. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, mich darüber lustig zu machen. Dafür war das, was er gesagt hat, viel zu beeindruckend und viel zu bedrückend. Unter anderem hat er davon erzählt, dass für ihn unser Nachbarland Frankreich immer der „Erbfeind“ gewesen war. Das Land, in dem ich als Kind mit meinen Eltern oft im Urlaub war und in das ich später meine ersten Reisen mit Freunden mit dem Fahrrad oder per Anhalter unternommen hatte.

Mein 2014 gestorbener Vater hat am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. Er hatte darüber noch viel weniger gesprochen als mein Großvater. Wenn er es doch tat, war das für mich noch viel beeindruckender und bedrückender. Noch mehr als das, was mein Vater gesagt hat, hat mich allerdings immer sein Umgang mit denen beeindruckt, die das Gleiche erlebt hatten. Es war, als ob die Erfahrung der Kriegsgräuel in der ganzen Generation ein – oft gar nicht ausgesprochenes – Einvernehmen geschaffen hätte, mit dem alle Meinungsverschiedenheiten endeten. Dieses Einvernehmen lautete: Nie wieder Krieg!

Besonders bewusst wurde mir dies immer bei den Besuchen meines Vaters in Dresden, wenn er früheren SED-Mitgliedern in seiner Altersgruppe begegnete. Auch wenn er nach dem Krieg in Westdeutschland gelebt und in den meisten Fragen ganz andere Vorstellungen hatte als sie, ergab sich auch mit diesen ihm unbekannten Männern nach kurzer Zeit dieses stillschweigende Einvernehmen aufgrund der in jungen Jahren ähnlich verlaufenen Biografien.

Natürlich hat diese Übereinstimmung, diese besondere Verbundenheit, nicht in der gesamten Kriegsgeneration geherrscht. Fanatische Militaristen und alte Nazis gab es auch nach 1945 überall, und gerade in den beiden deutschen Staaten. Aber sie muss zwischen den meisten Menschen bestanden haben, die den Krieg überlebt hatten.

Mit Sicherheit bestand sie zwischen denen, die das heutige Europa ins Leben gerufen haben, wie etwa dem Sozialisten François Mitterrand und dem Konservativen Helmut Kohl. Deren Ziel war es niemals, die Eigenheiten oder gar die Souveränität der in der Europäischen Union zusammengeschlossen Nationen verschwinden zu lassen. Es ging ihnen immer nur darum, die Beziehungen so zu gestalten, dass Konflikte nie wieder in militärische Auseinandersetzungen ausarten könnten.

Mit dieser Absicht war bereits 1957 von Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, den Niederlanden und der Bundesrepublik Deutschland die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet worden. Dieser Vorläufer der EU sollte zunächst einen größeren Markt schaffen, mit dem das Wirtschaftswachstum beschleunigt und der Wohlstand der Menschen vermehrt werden sollte. Das weitergehende Ziel war jedoch der Erhalt des Friedens. Durch die wirtschaftliche Verflechtung der Staaten sollten Kriege für immer unmöglich gemacht werden. An dieser eigentlichen Legitimation eines vereinigten Europa hat sich auch nichts geändert, nachdem ab 1973 viele weitere Staaten der aus der EWG hervorgegangenen Europäischen Gemeinschaft und dann der 1992 gegründeten Europäischen Union beigetreten waren.

Gerade weil das nun deutlich größere Europa auch von deutlich größeren Interessenkonflikten – etwa zwischen den nördlichen und südlichen sowie zwischen den östlichen und westlichen Mitgliedstaaten, aber auch zwischen den Führungsmächten Deutschland und Frankreich – geprägt ist, muss man sich dieses ursprüngliche Anliegen immer wieder vor Augen halten. Schon allein diese Konflikte stellen die EU vor kaum noch zu bewältigende Herausforderungen.

Die südeuropäischen Staaten, die von den Fluchtbewegungen nach Europa besonders betroffen sind, fühlen sich von der EU alleinegelassen. Tatsächlich bemüht man sich seit Jahren um eine gemeinsame Asylpolitik, kommt dabei aber nur langsam voran. Die osteuropäischen Staaten empfinden es als anmaßend, dass ihnen die EU vorwirft, insbesondere im Hinblick auf die Unabhängigkeit der Justiz nicht die gebotenen rechtsstaatlichen Standards zu gewährleisten. Auch hier ist nicht ersichtlich, wie in die Diskussion Bewegung gebracht werden könnte. Aber immerhin wird sie fortgesetzt.

Dies ist vor allem für das Verhältnis von Deutschland und Polen von Bedeutung. Es ist nicht so schlimm, wenn Nachbarn Meinungsverschiedenheiten haben, solange sie noch darüber reden. Absolut unbefriedigend ist auch, dass man auf dem Weg zu den notwendigen Reformen auch deshalb nicht vorankommt, weil sich Frankreich und Deutschland nicht darüber einigen können. Wer, wenn nicht diese beiden Nationen können den anderen die Richtung weisen? Allerdings wissen beide um ihre Verantwortung, die mit dem Brexit noch anwachsen wird.


Sieben Fakten rund um das Europaparlament und seine Wahl:

1.WANN IST DIE EUROPAWAHL?

Die Wahl zum EU-Parlament findet alle fünf Jahre statt – 2019 wird zum neunten Mal gewählt. Das offizielle Datum in diesem Jahr ist nicht ein einzelner Tag, sondern es sind ganze vier: Vom 23. bis zum 26. Mai kann in den aktuell 28 EU-Mitgliedsstaaten gewählt werden. Der Grund für die unterschiedlichen Wahl-Tage sind die Wahlgewohnheiten der EU-Länder: In Deutschland wird am Sonntag (26. Mai) gewählt, in den Niederlanden findet die Wahl zum Beispiel schon am Donnerstag statt.

2. WER DARF WÄHLEN?

Wahlberechtigt ist man in den meisten EU-Staaten mit 18 Jahren. Ausnahmen gibt es aber zum Beispiel in Österreich: Hier darf man schon mit 16 Jahren wählen; in Griechenland ist man mit 17 Jahren wahlberechtigt. Wer in Deutschland wählen will, muss seinen Hauptwohnsitz seit mindestens drei Monaten hier haben und volljährig sein. Bei der diesjährigen EU-Wahl sind 60,8 Millionen Deutsche wahlberechtigt. Hinzu kommen knapp vier Millionen weitere EU-Bürger, die in Deutschland leben und hier wählen können.

3. WER WIRD GEWÄHLT?

Jedes Mitgliedsland wählt eine bestimmte Anzahl an Abgeordneten, die sich nach der Größe des Landes richtet – in den Ländern mit der kleinsten Bevölkerung wie Malta oder Luxemburg sind es sechs, aus Deutschland ziehen die meisten und damit ganze 96 Abgeordnete ins EU-Parlament ein. Nach der Wahl wird das neue EU-Parlament voraussichtlich aus 705 Abgeordneten bestehen – sollte Großbritannien die EU nicht wie geplant verlassen, werden es 751.

4. UNGLEICHE WAHL

Die Europawahl ist frei, direkt und geheim. Aber das demokratische Prinzip, dass jede Wählerstimme gleich viel wert ist, gilt nicht. So repräsentiert aktuell jeder der 96 Abgeordneten aus Deutschland mehr als 860.000 der etwa 83 Millionen Einwohner. Im Gegensatz dazu steht einer der sechs Parlamentarier von Malta für knapp 80.000 Inselbewohner. Im Parlament haben die Stimmen der Abgeordneten aber dasselbe Gewicht - egal wie viele Einwohner ihres Landes sie vertreten. Das ist in den EU-Verträgen festgeschrieben.

4. WAHLPFLICHT

Nur in fünf EU-Ländern gibt es eine Pflicht zur Teilnahme an der Wahl: Belgien, Luxemburg, Bulgarien, Zypern und Griechenland. Diese Regel gilt auch für Deutsche, die in einem dieser Staaten leben und dort zur Abstimmung zugelassen sind.

5. PARTEIENVIELFALT

Seit den Anfängen des Europaparlaments 1979 hat sich die Zahl der dort vertretenen nationalen Parteien von 57 auf momentan 212 erhöht. Grund ist die Zunahme der Mitgliedstaaten von 9 auf 28. Die Zahl der Fraktionen blieb dagegen weitgehend stabil. In der aktuellen Wahlperiode erhöhte sich ihre Zahl von sieben auf acht.

6. BEZÜGE

Ein EU-Abgeordneter erhält monatlich 8757 Euro, die er versteuern muss. Hinzu kommen eine Kostenpauschale von 4513 Euro und ein Tagegeld von 320 Euro pro Teilnahme an Sitzungen. Die Grundbezüge orientieren sich am Gehalt eines Richters am Europäischen Gerichtshof.

7. WAHLBETEILIGUNG

2014 gingen im EU-Durchschnitt 42,6 Prozent der EU-Bürger zur Wahl. Die Männer lagen mit 45,0 Prozent deutlich vor den Frauen (40,7). In Deutschland beteiligten sich nur geringfügig mehr Männer (49,5) als Frauen (48,9).

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Dies werden sie auch bei den Verhandlungen um den EU-Haushaltsrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 unter Beweis stellen müssen, bei denen auch über die künftige Verteilung der Strukturförderungsmittel für die einzelnen Regionen entschieden werden wird. Das Ergebnis wird Sachsen unmittelbar betreffen, das bis heute rund 20 Milliarden Euro Strukturförderung erhalten hat. Ohne diese Förderung stünden wir heute deutlich schlechter da. Auch deswegen ist es gut, dass der im Herzen Europas gelegene Freistaat immer mehr in die Rolle eines Brückenbauers zwischen Ost und West hineinwächst.

Auch wenn man zu dem Schluss kommt, dass die EU zwar noch die Kraft hat, nicht nur die beispielhaft genannten, sondern auch noch viele andere Hindernisse letztendlich zu überwinden, bleibt die Frage, ob sich nicht viele Probleme alleine schneller lösen lassen könnten. Ob man sich die mühselige Plackerei in der EU nicht ersparen sollte. Diese Frage führt meine Generation wieder zu den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern. Wir haben von ihnen gehört, wie schnell es zum Krieg kommen kann. Und wir haben von ihnen gelernt, dass der Friede nur zuverlässig gesichert werden kann, wenn die europäischen Nationen gemeinsam agieren.

Weil sie damit recht behalten hatten, sind wir die Letzten, die mit Zeitzeugen der beiden Weltkriege aufgewachsen sind. Unsere Kinder konnten sie teilweise auch noch erleben. Unsere Enkel können sich auf jeden Fall nur noch an uns halten, die wir keine direkten Zeugen, sondern nur noch Zeugen vom Hörensagen sind.

Das macht die Sache sicher schwerer. Andererseits sind die Überzeugungen derjenigen, die Europa vorangebracht haben, trotzdem die beste Basis, die wahrhaft gigantischen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte zu bewältigen. Wir sollten uns daher trotz aller Zweifel zu den Einsichten unserer Eltern und Großeltern bekennen.

Oder lässt sich wirklich ernsthaft vertreten, dass in einer globalisierten Welt Herausforderungen wie der Klimawandel, die Umgestaltung der Energiepolitik, die anwachsenden Flucht- und Migrationsbewegungen oder die Bekämpfung des Terrorismus von einem oder von nur wenigen Staaten besser bewältigt werden könnten als von einem Staatenbund mit annähernd dreißig Mitgliedern? Selbst wenn sich dieser Staatenbund nur langsam bewegt?

Noch dazu in einer Welt, deren Geschehnisse maßgeblich von drei nur auf die eigenen Interessen bedachten Großmächten bestimmt werden, gegen die sich einzelne europäische Nationen niemals behaupten können? Einer Welt, in der die Freiheits- und Menschenrechte zunehmend missachtet werden? Frieden ohne Freiheit ist genauso unzulänglich wie Freiheit ohne Frieden. Auch dies ist ein Grund, sich auf das zu besinnen, was Großvater vom Krieg erzählt hat.

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