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Operation Orgel

Das Instrument in der Neugersdorfer Kirche wird saniert – zum ersten Mal seit 70 Jahren. Dabei kommt nicht nur Werkzeug zum Einsatz.

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© Matthias Weber

Von Romy Altmann-Kühr

Durch eine knarzende Holztür geht es ins Herzstück der Neugersdorfer Kirche: die Orgel. Hinter der Tür auf der Empore unterm Kirchengewölbe verbirgt sich das Instrument. Einen ganzen Raum von bestimmt zehn Quadratmetern nimmt die komplexe Konstruktion aus Pfeifen, Pedalen, Leitungen und Hebeln ein. Drinnen steht ein Staubsauger bereit. Über eine klapprige Holzstiege geht es noch eine Etage höher. Dort klettert auf einem schmalen Brett ein Mann in Arbeitskleidung zwischen den Orgelpfeifen herum. Pullover und Hose sind voller Staub. „Wenn sie über Jahrzehnte in ihrem Wohnzimmer nicht staubsaugen, sieht es auch so aus“, sagt Orgelbaumeister Andreas Hahn und wischt mit dem Zeigefinger über ein Holzbrett. Eine dicke Dreckschicht bleibt am Finger haften. 1883 ist die Orgel in der Neugersdorfer Kirche eingebaut worden, jetzt wird sie saniert. Über 130 Jahre alt ist der Staub sicher nicht. Seitdem ist hier durchaus schon Staub weggewischt worden. Doch richtig überarbeitet wurde die Orgel seit 70 Jahren nicht. 1947 wurden die letzten größeren Umbauten vorgenommen, weiß der heutige Kantor, Amadeus Egermann.

Es wird höchste Zeit, das Instrument komplett zu überarbeiten. Auch, weil über die Jahrhunderte verschiedene Generationen an der Orgel herumgewerkelt haben. Manchmal offenbar unsachgemäß, wie Andreas Hahn auf dem Holzgerüst verdeutlicht. Er zieht eine mittelgroße Pfeife aus ihrer Halterung. Ihr oberer Rand ist aufgesägt und völlig verbogen. Wahrscheinlich ist in früheren Jahrzehnten jemand mit Werkzeug zugange gewesen um die Größe der Pfeife und damit den Klang zu verändern. Andere sind verbeult oder haben Risse. Da muss Andreas Hahn auch schonmal mit dem Lötgerät ran. „Das ist richtiges Handwerk“, sagt er über seinen Beruf. Dieses Handwerk üben Hahn und seine Kollegen schon in sechster Generation bei der Orgelbau-Firma Jemlich in Dresden aus. Seit der Gründung 1808 ist der Betrieb in Familienhand.

Nicht alle Einbauten stammen aus der Bauzeit der Orgel. Die wohl größte Veränderung gab es in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als die Prospektpfeifen aus Zinn abgegeben werden mussten, um sie für Kriegszwecke zu verarbeiten. Die Prospektpfeifen sind die an der Front des Instruments. Sie sind vom Kirchenschiff aus für Besucher zu sehen. Bei den letzten umfangreichen Umbauten nach dem Krieg wurden auch Bleileitungen eingebaut, weil man annahm, dass dadurch die Luft besser strömen würde. Wie Kantor Egermann erklärt, sei das aber nicht nötig. „Wir wollen die Orgel in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Die Umbauten aus den 1940er Jahren kommen weg“, sagt der Kirchenmusiker. Deshalb müssen auch die Bleileitungen raus und liegen nun im Kirchenflur.

Raus müssen auch alle 2000 Pfeifen der Neugersdorfer Orgel – aber nur vorrübergehend. Andreas Hahn und seine Kollegen haben sie ausgebaut, sortiert und akribisch beschriftet, damit später alles wieder an seinen Platz findet. Eine Woche haben sie dafür gebraucht. Mitglieder aus der Kirchgemeinde haben beim Ausräumen und Abtransportieren geholfen. „Vormittags die Rentner, am Nachmittag sind Jugendliche zum Helfen gekommen“, erzählt Neugersdorfs Pfarrerin Brigitte Lammert. Die meisten der Orgelpfeifen werden in die Jemlich-Werkstatt nach Dresden gebracht und dort überarbeitet, repariert, wieder ausgebeult. An erster Stelle steht aber die gründliche Reinigung. Im Inneren der Pfeifen hat sich nicht nur Staub angesammelt, der die Funktion und damit den Klang beeinträchtigt. Auch Putz, der von Decke und Wänden rieselt, fällt in die Pfeifen. Und manchmal birgt so ein Instrument unappetitliche Überraschungen: Die Gerippe von Fledermäusen, die sich in Pfeifen verirrt haben und darin verendet sind, findet Andreas Hahn öfter. In Neugersdorf ist ihm aber noch keine untergekommen.

Mit dem Ausbau der Orgelteile haben Hahn und seine Kollegen erst einen kleinen Teil der Sanierung geschafft. Die Reparaturen werden jetzt etliche Monate dauern. Erst ab dem Frühjahr, wenn es in der Kirche wieder warm genug zum Arbeiten ist, können sie die Pfeifen an Ort und Stelle einbauen. Über die Wintermonate trifft sich die Kirchgemeinde ohnehin im benachbarten Lutherhof, dem Kirchgemeindehaus, zum Gottesdienst. Denn dort gibt es eine Heizung – und auch eine kleine Orgel. Die Weihnachtsgottesdienste werden aber auch dieses Jahr in der Kirche gefeiert, sagt Pfarrerin Lammert. Da passen immerhin 1 000 Leute rein. Ganz so viele werden diesmal nicht Platz finden. Denn die Emporen auf einer Seite stehen nicht als Sitzplätze zur Verfügung. „Auf der Empore werden einige der ausgebauten Pfeifen gelagert“, erklärt Frau Lammert. Die ganz großen bleiben zur Reparatur und Reinigung in der Kirche, für den Transport in die Werkstatt sind sie zu sperrig. Immerhin sind die größten Pfeifen aus Holz knapp fünf Meter lang. Auf den Klang der Orgel müssen Besucher dieses Jahr zur Christvesper verzichten. „Aber wir haben andere Möglichkeiten, den Gottesdienst musikalisch zu begleiten“, so die Pfarrerin. Zum Beispiel den Posaunenchor. Ihre Sanierung ist schon lange Thema in Neugersdorf. Seit vor zehn Jahren die Kirche restauriert wurde, kam der Wunsch auf, auch die Orgel in Angriff zu nehmen. 220 000 Euro sind jetzt veranschlagt. Zum Eigenanteil der Kirchgemeinde gibt es Fördermittel, einen Teil gibt die Landeskirche ebenso wie die Stadt Ebersbach-Neugersdorf. Spätestens in einem Jahr, schätzt Pfarrerin Lammert, soll die Orgel wieder funktionstüchtig sein. Damit dieses Ziel erreicht wird, hat Orgelbauer Andreas Hahn noch Arbeit vor sich – und klettert wieder auf’s Holzgerüst.

Am 17. September können Besucher einen Blick in den Orgelraum werfen. Die Kirche lädt zum Erntedankfest und Tag der offen Tür ein, Besichtigungen: 14 bis 18 Uhr