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Großenhain

Opernsänger in Görliwood

Stefan Bley ging in Großenhain in die Schule und Musikschule. Heute ist er am Theater Görlitz und zum dritten Mal Stadtrat.

Stefan Bley stammt aus Großenhain und ist schon lange nicht nur Sänger am Görlitzer Theater. Sondern auch seit zehn Jahren Stadtrat in der Neißestadt.
Stefan Bley stammt aus Großenhain und ist schon lange nicht nur Sänger am Görlitzer Theater. Sondern auch seit zehn Jahren Stadtrat in der Neißestadt. © Nikolai Schmidt

 Görlitz ist eine Stadt, auf die momentan sehr viele schauen. Da ist die Oberbürgermeisterwahl, die ganz knapp nicht von einem AfD-Anwärter gewonnen wurde, da war der offene Brief berühmter Filmleute, die vor der Beschädigung von „Görliwood“ warnten. Und mittendrin ein ehemaliger Großenhainer, der als Opernsänger am Theater zum dritten Mal für die „Bürger für Görlitz“ in den Stadtrat gewählt wurde. Ein politischer Künstler sozusagen.

Stefan Bley ist 1954 in Meißen geboren. Aufgewachsen in Großenhain war Hausmusik von klein auf sein tägliches Brot. „Mein Vater Werner, der am Tag Glas und Porzellan in der Berliner Straße über den Ladentisch reichte, verstand es trefflich, unserem Blüthner-Flügel harmonische Töne zu entlocken. Meine Mutter fügte ihre Geigentöne dazu, und so wurde ich oft in den Schlaf musiziert“, erinnert sich der 65-Jährige. Seine ersten „quietschenden Versuche“ ertrug Johannes Gredy an der Musikschule, die viele Jahre später seinen Namen trug. Gleichzeitig entdeckte Bley seine Freude am Singen in der Kurrende der Marienkirche bei Kirchenmusikdirektor Gadsch, seinem „Nennonkel“ Herbert. Gredy und Gadsch ermunterten den Jungen ab der siebenten Klasse, seine Ausbildung an der Spezialschule für Musik in Dresden fortzusetzen. „Mit dem Stimmbruch wechselte ich auch das Fach. Aus dem angehenden Geiger wurde ein hoffnungsvoller Sänger“, so Bley mit Augenzwinkern. „Ein gewagter Schritt, den ich bis heute keinen Tag bereut habe.“ Seine Eltern waren immerhin auch interessierte Mitglieder im Freundeskreis der Landesbühnen Sachsen.

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Seit 36 Jahren glücklich verheiratet

Sein erstes und noch andauerndes Engagement folgte in Görlitz. Als Anfänger im Beruf hatte Bley viele Träume und noch ganz viele Unsicherheiten. „Um Beides auf ein Normalmaß zu bringen, war mir eine Kollegin besonders hilfreich.“ Sie hatte als Leiterin der künstlerischen Betriebsbüros die Übersicht und auch die Fäden in der Hand, damit ein geregelter Arbeitsablauf an einem Theater überhaupt möglich wird. „Dass dies auch im Privatleben nicht schaden kann, ist nach 36 jähriger Ehe nicht zu leugnen.“ Von Anfang an war Stefan Bley gewerkschaftlich engagiert, und seit es Betriebsräte gibt, hat er manche Stunde Freizeit für die Kollegen und das Gedeihen des Theaters „geopfert“. So war es wohl auch nur ein kleiner Schritt, dass der Görlitzer sich vor zehn Jahren entschied, für die „Bürger für Görlitz“ als Stadtrat zu kandidieren. Bei den diesjährigen Kommunalwahlen wurde er schon zum dritten Mal gewählt. Bley hat sich nach eigener Angabe als „Moderator“ schon oft bewährt. Ihm gehe es auch in der aktuellen Debatte um Görliwood um mäßigen, steuern, lenken. „Dies kann auch in so einem vielschichtigen Gremium wie dem Stadtrat nützlich sein“, so Stefan Bley. Dass er zu den beliebtesten Protagonisten des Görlitzer Theaters gehört, ist also kaum verwunderlich. „Ich bin nur eins von vielen Rädchen im Getriebe“, versucht der Opernsänger, zu beschwichtigen. „Jeder bewundert die Leute auf der Bühne, aber wie viel im Hintergrund passiert, sehen viele nicht.“ Seit über 40 Jahren erlebt Stefan Bley in Görlitz mit, wie viele Hände und Köpfe dafür gebraucht werden, dass eine Aufführung wirklich schön wird, dem Publikum gefällt und auch Zuschauer von weiter weg anzieht. „Denken Sie an unsere wunderbaren Kostüme, die es wirklich Spaß macht, anzuziehen, an die eindrucksvollen Kulissen und die Requisiten, die in unseren Werkstätten für jede Inszenierung neu gefertigt werden“, sagt Bley. Auch dort arbeiteten Männer und Frauen, die genauso viele Jahre wie er selbst dabei seien. Er nennt die Maskenbildner, die Bühnentechniker, deren Arbeit nur selten gewürdigt werde, und noch viele Abteilungen mehr, ohne die ein Sänger, Tänzer, Musiker oder Schauspieler nicht im Rampenlicht stehen könnte. Dennoch: Bley steht ohne Frage mit seinem Gesicht und seiner Stimme für das kleine Görlitzer Opernhaus, und das seit 1978.

Er empfand es von Beginn an als großes Glück, „in so einer schönen Stadt einem so schönen Beruf nachgehen zu können“. Das habe er vor 40 Jahren gedacht, und das empfinde er noch heute so. „Ich lebe wahnsinnig gern in Görlitz.“ Deshalb liegt ihm auch die Entwicklung der Stadt am Herzen. Bley selbst weiß, dass ein so langjähriges Engagement an einem Haus heute äußerst selten ist. Dafür erinnert er sich auch an Dinge, die manch jüngerer Kollege nie erlebt hat. An Zeiten etwa, in denen jede Rolle doppelt besetzt war. Oder an die Skatrunden, mit denen er und Kollegen sich in der Garderobe die Zeit zwischen den Proben vertrieben. „Heute schauen die meisten in die Noten oder aufs Handy“, sagt Bley.

Noch immer Haus mit drei Sparten

Auch erinnert er sich natürlich noch an das unsanierte Theater. Erst seit 2000 singt Stefan Bley vor einem sanierten Saal. Andere Bauaufträge sind noch offen. „Aber ich will mich nicht beschweren“, sagt er. Man könnte froh sein, dass Kultur in Görlitz ein so hohes Ansehen genieße und dass ein Haus mit drei Sparten nach wie vor gewünscht sei. Gäste aus Städten ähnlicher Größe im Westen Deutschlands sagten immer wieder: „Seid froh, wir haben schon seit Jahren kein Theater mehr.“

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