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„Orosz tut zu wenig für weltoffenes Dresden“

Dresdens Ausländerrat feiert sein 20. Jubiläum. Der Vorsitzende Sebastian Vogel fordert, dass sich die Oberbürgermeisterin stärker für Ausländer engagiert.

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Herr Vogel, Ihr Verein ist von Dresdnern vor allem im Zusammenhang mit der Ermordung von Marwa El-Sherbini wahrgenommen worden. Arbeiten Sie sonst lieber im Hintergrund?

Keineswegs. Unser Verein hat neben vielen ehrenamtlichen drei feste Mitarbeiter, die Ausländer fünf Tage pro Woche in der Begegnungsstätte zu lebenspraktischen und juristischen Fragen beraten. Außerdem organisieren wir die Interkulturellen Tage, Gedenkfeiern für Jorge Gomondai und Marwa El-Sherbini und andere Veranstaltungen. Es gibt ein breites Netz von Juristen, Ärzten, Dolmetschern und anderen, die uns unterstützen. Leider sind es meist schlimme Ereignisse, nach denen unsere Arbeit stärker ins Licht der Öffentlichkeit rückt.

Oberbürgermeisterin Helma Orosz hat nach dem Attentat auf die Ägypterin angekündigt, sich stärker mit den Problemen von Ausländern zu beschäftigen und mehr zu tun, sie besser zu integrieren. Ist ihr das gelungen?

Es gab einen guten Anfangsschwung. Frau Orosz hat einen runden Tisch mit muslimischen Frauen ins Leben gerufen, die nach dem Attentat besonders bestürzt waren und sich nicht mehr in die Öffentlichkeit wagten. Es waren die Anfänge eines Dialogs, mehr leider nicht. Inzwischen hat die Oberbürgermeisterin diese Arbeit an die Integrationsbeauftagte abgegeben. Diese ist sehr engagiert, hat aber kein eigenes Budget und ist in den Grenzen der Verwaltung gefangen. Viele Ausländer wünschen sich, dass Helma Orosz sich persönlich einsetzt. Es ist eine Frage der Wertschätzung, wenn die Oberbürgermeisterin selbst aktiv wird und entscheidet.

Aber es gibt doch sogar einen Ausländerbeirat.

Mit ihm ist es ähnlich wie mit der Integrationsbeauftragten. Seine Entscheidungen sind weder für den Stadtrat noch für die Verwaltung bindend. Er müsste gleichberechtigt mitreden können, dann hätten wir viel erreicht.

Dresden geriet durch Naziaufmärsche, rechte Stadträte und den Mord an der Ägypterin in die bundesdeutschen Schlagzeilen. Sind die Dresdner ausländerfeindlich?

Es gibt ja nicht „den Dresdner“ und „den Ausländer“. Die Menschen sind verschieden. Fakt ist, dass das Image der Weltoffenheit, das sich Dresden so gern gibt, nicht mit der Realität übereinstimmt. Weltoffenheit kann nicht postuliert werden, dieses Image muss man sich erarbeiten. Negative Rückmeldungen bekommen wir von Ausländern täglich. Sie werden beleidigt, bedroht und verfolgt. Und daran hat sich leider in den 20 Jahren unserer Arbeit nichts geändert.

Was unternimmt Ihr Verein dagegen?

Wir arbeiten mit Migranten und Dresdnern gleichzeitig. Es gibt Projekte für Kinder von Einwanderern, damit sie besser und schneller Deutsch lernen. Wir gehen in Schulen und stellen dort die Kultur und Tradition anderer Länder vor. Unsere Zielgruppe Nummer eins sind Kinder und Jugendliche. Wenn die sich frühzeitig kennenlernen, leben sie mit ihren Erfahrungen, nicht mit ihren Vorurteilen. Es wäre schön, wenn die Dresdner stärker auf Ausländer zugehen, sich mit ihnen treffen, mit ihnen über ihre Heimatländer sprechen, um sie kennenzulernen.

Aber gibt es nicht auch inDresden Ausländer, bei denen man das Gefühl hat, sie bleiben lieber unter sich, lernen die Sprache nicht und wollen von deutscher Kultur nichts wissen?

Klar gibt es die. Wir erreichen mit unserer Arbeit längst nicht alle. Integration heißt, in etwas hineinzuwachsen. Aber wir können von den Menschen aus anderen Ländern sicher nicht erwarten, dass sie in Deutschland ihre Wurzeln vergessen, ihre Kultur aufgeben und plötzlich alle deutschen Tugenden annehmen wollen. Andererseits ist die Sprache ein Schlüssel zur Gesellschaft. Wer sie nicht spricht, kann nicht teilhaben.

Was brauchen Sie für die weitere Arbeit?

Es gibt einige Baustellen, bei denen vor allem die Stadt helfen könnte. So halte ich es nicht für sinnvoll, in einzelnen Stadtteilen besonders viele Ausländer anzusiedeln. Man produziert keinen Dialog, wenn Migranten und hier Geborene selbst in einer Stadt getrennt von einander leben. Wir brauchen Geld für neue Projekte, um Ausländern zu helfen, schneller Fuß zu fassen und gleichzeitig Deutschen die Berührungsängste zu Menschen aus anderen Ländern zu nehmen.

Gibt es neue Projekte?

Wir bauen gerade ein dreijähriges Projekt zur Gesundheitsberatung auf, bei dem wir Hilfe benötigen. Die deutsche Krankenversicherung ist für viele Ausländer ein Buch mit sieben Siegeln, sie finden oft gerade in den ersten Monaten ihres Aufenthaltes keine Ärzte, die ihre Sprache sprechen und wissen nicht, wie sie Krankenhäuser auswählen sollen. Das betrifft durchaus auch Wissenschaftler von Frauenhofer-Instituten, die dabei Hilfe brauchen. Mit der AOK sind wir bald im Gespräch, ich hoffe auf weitere Partner.

Was hat Sie bewogen, sich für Ausländer zu engagieren?

Zuerst mal Neugier. Ich habe als Siebenjähriger meine Mutter in die Wohnheime vietnamesischer Vertragsarbeiter unserer örtlichen Strumpffabrik im Erzgebirge begleitet. Meine Mutter hat ihnen Deutsch beigebracht. Vor acht Jahren habe ich im Rahmen der Friedensaktion Aktionen Demonstrationen und Veranstaltungen gegen den Irakkrieg organisiert. Damals habe ich viele Migranten kennengelernt, die aufgrund von Krieg aus ihrer Heimat geflohen waren. Wenn man sich offen darauf einlässt, andere Menschen kennenzulernen, dann ist es ein leichtes, ihnen auch zu helfen.

Gespräch: Kay Haufe.