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Orthopädische Einlagen in Maßarbeit

Als Handwerksmeisterin darf Katja Schmidt in Weißwasser trotz Corona öffnen. Aber die Kunden bleiben weg.

Katja Schmidt führt den Familienbetrieb in Weißwasser in dritter Generation. Die Auswirkungen von Corona fordern der 47-Jährigen alles ab – und das nicht nur handwerklich.
Katja Schmidt führt den Familienbetrieb in Weißwasser in dritter Generation. Die Auswirkungen von Corona fordern der 47-Jährigen alles ab – und das nicht nur handwerklich. © Joachim Rehle

Dass der Abbruch so dramatisch kommt, hätte sich Katja Schmidt nicht vorstellen können. Die Orthopädie-Schuhmachermeisterin in Weißwasser arbeitet noch letzte Aufträge ab. Dann ist Schluss. Ähnlich den Physiotherapien gehören auch Orthopädie-Schuhtechniker zum Kern der Gesundheitsversorgung und ähnlich wie bei den Therapeuten bleiben auch bei ihnen Patienten und Kunden weg. 

„Abgesehen von alldem, was zur Versorgung der Corona-Patienten gehört, ist das Gesundheitssystem heruntergefahren. Die Wartezimmer sind leer, die älteren Menschen gehen nicht mehr zum Arzt und auch sonst nicht mehr raus“, erklärt Katja Schmidt. Das sei zum Schutz der Senioren ja auch so gewollt. Die Auswirkungen dessen bekomme sie zu spüren. Täglich. Derzeit habe sie gerade noch zehn Prozent der Aufträge, die sonst zur Fertigung orthopädischer Einlagen bei ihr eingehen. „Das ist eine mittlere Katastrophe“, sagt sie.Die Orthopädie-Schuhtechnikwerkstatt auf der Hermannstraße in Weißwasser lebt von den Maßarbeiten – für diabetische Füße, aber auch zur Korrektur von Fehlstellungen bis hin zur Unterstützung in schweren Fällen wie Amputationen oder schweren Klumpfüßen. Die Betroffenen können keine normalen Schuhe tragen. Das sind zumeist ältere Menschen, aber ebenso schon Kinder und Jugendliche mit einem angeborenen Handicap.

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Die Präzisionseinlagen sind Unikate und werden nach der computergesteuerten Analyse der Patientendaten individuell hergestellt. Katja Schmidt fertigt die Holzleisten und konstruiert danach die Schäfte. Eine Mitarbeiterin näht die Teile zusammen. In der Werkstatt werden diese über den Leisten gezogen und daraus die orthopädischen Schuhe gemacht. In etwa eine Woche dauert eine solche Maßanfertigung.

Bedrückende Situation für alle

Im Januar und Februar geht es in der Werkstatt ohnehin etwas ruhiger zu, so die Erfahrung von Katja Schmidt. Sobald es aber Frühling und damit wärmer wird, wollen auch die Menschen raus, die nicht so gut zu Fuß sind. Sie brauchen dann spezielles Schuhwerk. Die Kosten dafür tragen in der Regel die Krankenkassen. In diesem Jahr ist das wegen Corona alles anders. Doch nicht nur die Verordnungen der Ärzte für die Maßanfertigungen bleiben aus.

Als zweites Standbein werden in der Werkstatt von Katja Schmidt ganz normale Schuhmacherleistungen ausgeführt bis hin zu Lederreparaturen aller Art an Taschen, Rucksäcken und Planen. Über Ostern geht dieser Teil des Geschäfts besonders gut. Viele, die in die alten Bundesländer ausgewandert sind und über die Feiertage ihre Angehörigen in Weißwasser besuchen, bringen ihre Schuhe zur Reparatur hierher mit. „Über Ostern und über Weihnachten ist das so, weil es diese Dienstleistungen im Westen kaum gibt“, weiß Katja Schmidt von ihren Kunden. Doch da diesmal über Ostern Verwandtenbesuche wegen Corona ausgesetzt waren, blieben auch diese Kunden weg.

Drei ihrer sieben Mitarbeiter sind deswegen in Kurzarbeit. Man merkt Katja Schmidt an, dass ihr dieser Schritt schwergefallen ist. Sie habe sich seit acht Jahren „ein schönes Team zusammengestellt“, in dem jeder Mitarbeiter seine spezielle Aufgabe hat. „Ich musste noch nie jemanden nach Hause schicken“, sagt sie bedrückt. Doch in der jetzigen Situation sei ihr keine andere Wahl geblieben.Vor dem Geschäft steht ein Schild mit dem Hinweis: Geöffnet. Auch bekomme sie noch immer Anrufe, ob sie denn offen habe. Mit einer Ausnahmeregelung gegenüber anderen Schuhgeschäften durfte Katja Schmidt die ganze Zeit über verkaufen. Allerdings nur Schuhe, die passend zu einem Auftrag für die Versorgung mit orthopädischen Einlagen erworben werden.

Desinfektion nach jedem Kunden

Jeder Kunde werde so bestellt, dass er einzeln betreut werden kann. Außerdem werde nach jedem Kunden der Laden desinfiziert. „Wir haben das Glück, dass wir wenigstens die ganze Zeit noch arbeiten dürfen“, sagt Katja Schmidt und verweist auf die anderen kleinen Läden in Weißwasser, die schon seit vier Wochen zu sind.Den Betrieb gibt es fast 90 Jahre. Zu dem über die Jahre gewachsenen Kreis der vielen Stammkunden am Hauptsitz von Orthopädie-Schuhtechnik Schmidt in Weißwasser und in den Geschäftsstellen in Spremberg und Forst gesellen sich immer wieder Neukunden. „Weil die Menschen immer älter werden, viele der Senioren Diabetiker sind und Diabetes viele Fußprobleme mit sich bringt“, begründet Katja Schmidt. 

Seit 2011 führt sie das Unternehmen – in dritter Generation, wie sie stolz betont. Es sei ihr quasi in die Wiege gelegt worden. Was Handwerkliches habe sie immer machen wollen, erzählt die 47-Jährige. Maskenbildnerin wollte sie eigentlich werden. Als das nicht klappte, entschied sie sich für das Handwerk ihres Vaters. Sie wurde Orthopädieschuhmacherin, seit 1998 ist sie Meisterin ihres Fachs.

Als ihr Vater Bodo Schmidt in den Ruhestand ging, übernahm sie die Firma. Ihre Mutti Ilse unterstützt sie im Laden und macht die Buchführung. Mit Sohn Erik, der sich im letzten Ausbildungsjahr befindet, ist bereits die vierte Generation auf dem Weg. Jedoch sei jetzt nicht der Zeitpunkt, „um groß über Pläne nachzudenken“, etwa wie es mit der Firma mal weitergehen soll, fügt Katja Schmidt hinzu. Mit dem Plan A kämpfe sie ums Überleben des Familienbetriebs, einen Plan B hat sie dafür nicht. Das kleine Unternehmen decke im Normalfall zwar alle Kosten, aber es bleibe nicht viel übrig, um Rücklagen zu bilden. Die Orthopädieschuhmachermeisterin hofft, dass – womöglich auch mit Abstrichen – der normale Betrieb in zwei Wochen wieder losgeht. Sonst werde es eng, sagt sie.

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