merken
PLUS Sachsen

"Wir ticken ostdeutsch"

Die Architekten Dorit und Martin Richter führen seit über 20 Jahren in Dresden eine Ost-West-Ehe. Was ist bei ihnen anders?

Die Architekten Dorit und Martin Richter führen seit über 20 Jahren in Dresden eine Ost-West-Ehe. Was ist bei ihnen anders? Wie haben sie sich angepasst? Wie fühlen ihre Kinder?
Die Architekten Dorit und Martin Richter führen seit über 20 Jahren in Dresden eine Ost-West-Ehe. Was ist bei ihnen anders? Wie haben sie sich angepasst? Wie fühlen ihre Kinder? © Matthias Rietschel

Sie strahlt, plaudert charmant, sie ist die perfekte Gastgeberin. Dorit Richter zeigt gern ihr schönes Haus am Loschwitzer Elbhang mit Traumblick über Dresden. Etwas später kommt ihr Mann hinzu, ruhig, sachlich, nachdenklich, er lässt seiner Frau gern das Wort. Da scheint ja wieder mal alles klar. Die Westfrau hat sich einen Ossi geangelt.

Und wieder zerbröselt ein lieb gewordenes Klischee. Dorit Richter (47) ist in Dresden geboren und aufgewachsen, die Mutter Architektin, der Opa Bauingenieur. Die aufregende Wendezeit erlebte sie auf der Kreuzschule, der große Wandel kam für die damals 16-Jährige zur richtigen Zeit. Sie hat nach dem Abi Architektur studiert, dann ein paar Monate in England gearbeitet, anschließend einen Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU angenommen. Martin Richter (56) kommt dagegen aus dem norddeutschen Kiel, wo die Zurückhaltung angeboren scheint. 

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Doris und Martin Richter.
Doris und Martin Richter. © Matthias Rietschel

Auch er stammt aus einer Architektenfamilie, auch er trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren und studierte Architektur in Karlsruhe, bekam dort seinen ersten Job. Auch sein Leben erhielt im November 1989 eine neue Wendung. Durch eine Nachricht im SWR, an die er sich noch genau erinnern kann: „Achtung, auf der A9 kommt Ihnen die DDR entgegen.“ Einige Monate später fuhr er in die Gegenrichtung, saß bald in einem Architektenbüro im heruntergekommenen Schloss Radeberg, in einer Stadt, die er damals schlicht als dunkel erlebte. Hier plante er mit seinen Kollegen die Sanierung von Bautzen und Pirna, beide Städte sind heute sächsische Schmuckstücke.

1995 kreuzten sich die Wege von Dorit und Martin. Er arbeitete inzwischen im Architekturbüro „Wörner & Partner“ in Dresden, wollte dort endlich selber bauen. Sie sammelte während des Studiums Praktikumserfahrungen. Er hat ihr gleich gefallen, aber gefunkt hat es erst einige Zeit später. Gemeinsame Sommerabende in Dresdner Biergärten und im Szeneviertel Neustadt brachten das Glück. Sie entdeckten, dass viele ihrer Ansichten ähnlich waren, dass sie vor allem einte, dass sie gestalten wollten, Städte entwickeln. Im Osten gab es dafür ein reichlich großes Betätigungsfeld. Beide sind heute noch sicher, dass diese Ähnlichkeit, trotz verschiedener Herkunft, die wichtigste Basis für ihre Ehe wurde.

Ost-West-Ehen interessieren die Wissenschaft

Für Dorit Richter war es gar nicht sicher, dass es mit einem Partner aus dem Westen funktioniert. Sie hatte vorher schon einen Freund von dort, sie nennt das heute „meine Westerfahrung“. Und die war nicht gut. Ständig musste sie verteidigen, was da im Osten gelaufen war, von Augenhöhe konnte keine Rede sein. „Martin war da ganz anders. Er hatte nichts Rechthaberisches und ein unbedingtes Interesse am Osten“, meint sie. Er nennt es selbst „offene Neugier“. Beide hatten sie sich viel zu zeigen und zu erklären. Und, so viel Schmalz muss sein, beide mögen Udo Lindenbergs „Mädchen aus Ostberlin“.

Hat sie sich verändert, verändern müssen? Dorit Richter erzählt von ihren ersten Besuchen im Westen und ihrem Gefühl: „Oh Gott, die erkennen mich alle als Ossi. Über die Zonen-Gabi mit der Banane konnte ich deshalb gar nicht lachen. Die hatten doch alle dort drüben ein überbordendes Selbstbewusstsein. Ich dagegen musste mir meines regelrecht erarbeiten.“ Deshalb hat sie sich auch über ihr Hochzeitsfoto geärgert. „Er eine Stufe über mir, wie konnte ich das nur zulassen!“ Heute lacht sie darüber. Geschichten aus der Vergangenheit. Es läuft. „Und wenn es mal nicht so läuft“, meint Martin Richter, „hilft mir die in der Jugend anerzogene Toleranz.“ Beide müssen lachen.

Sind die Richters nun ein typisches Ost-West-Paar? Professor Daniel Lois aus Aachen, der heute in München arbeitet und mit einer Chemnitzerin verheiratet ist, hat über 23 Jahre Tausende Ost-West-Paare befragt und interessante Studien vorgelegt. Diese Paare machen etwa vier Prozent in Deutschland aus, es dürften also etwa 800.000 sein. Es sind fast immer Studenten, Akademiker und Menschen, die viel unterwegs sind. 80 Prozent dieser Paare leben im Westen. Die traditionellsten Ehen mit dem Mann als Haupt-/Alleinverdiener führen rein westdeutsche Ehen. 

Dorit Richter hatte lange keinen Spaß an diesem Hochzeitsfoto: Der Ehemann aus dem Westen eine Stufe über Ihr, geht doch gar nicht. Heute lacht sie darüber. Foto: privat
Dorit Richter hatte lange keinen Spaß an diesem Hochzeitsfoto: Der Ehemann aus dem Westen eine Stufe über Ihr, geht doch gar nicht. Heute lacht sie darüber. Foto: privat © Matthias Rietschel

Die modernsten Ehen, in denen Gleichberechtigung am stärksten gelebt wird, sind die rein ostdeutschen. Ost-West-Ehen liegen dazwischen. Die meisten sind Männer aus dem Westen mit Frauen aus dem Osten eingegangen. Erst in den letzten Jahren gibt es auch mehr Frauen (West), die in Großstädten wie Berlin einen Mann aus dem Osten heiraten. Soziologen wollen herausgefunden haben, dass junge ostdeutsche Männer weniger Wert auf Status legen und familienorientierter sind. Alles in allem gleichen sich die Paare in Deutschland natürlich an, allerdings auf absehbare Zeit nicht vollständig. Als ein Hauptgrund wird die unterschiedliche Höhe der Erbschaften genannt.

Die Richters und ihr Freundeskreis passen ganz gut ins Schema, Paare in unterschiedlicher Konstellation. „Wenn wir uns treffen, verstehen wir uns alle gut, egal wer wo geboren wurde“, erzählt Dorit Richter. „Aber die Westmänner untereinander verstehen sich schon doch noch ein bisschen besser.“

Ost-West-Ehen

In Deutschland sind etwa vier Prozent aller Ehen Ost-West-Ehen.

Davon sind, im Westen lebend:

  • 53% West-Mann und Ost-Frau
  • 28% Ost-Mann und West-Frau

Davon sind, im Osten lebend:

  • 17% West-Mann und Ost-Frau
  • 3% Ost-Mann und West-Frau
1 / 3

Martin Richter glaubt, noch einen weiteren Aspekt gefunden zu haben, warum es funktioniert in seiner Ehe und warum sie sich beide wohlfühlen in Dresden. Er zögert ein wenig mit diesem Bekenntnis, aber dann sagt er klar: „Wir denken beide ostdeutsch.“ Oha, ein Wessi denkt ostdeutsch? Sie überlegen jetzt beide noch einmal, ob sie das so stehen lassen wollen. Aber dann sind sie sich sicher. Ja, das ist es. Sie können sich zusammen riesig freuen über jeden ostdeutschen Erfolg. Über eine Firmengründung, über ein neues Architekturprojekt, über einen Ost-Fußballtrainer, der es im Westen geschafft hat. Martin Richter hat genau registriert, dass der Ex-Dynamo Karsten Neitzel den Fußballklub seiner Heimatstadt Kiel einst aus der Bedeutungslosigkeit in die zweite Liga geführt hat.

Und natürlich sind sie stolz, dass ihr Architekturbüro, in dem Martin Richter Partner und Geschäftsführer ist, überall in Deutschland Kliniken, Uni-Gebäude, Museen und vieles andere baut. Projekte aus dem Osten wie das hypermoderne Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg finden große Aufmerksamkeit, nicht nur in der Fachwelt. Auch in Dresden ist die Firma aktiv. Sie hat gerade erst die königliche Orangerie im Dresdner Zentrum saniert und darin schicke Wohnungen eingebaut, auch mehrere Häuser am und um den Dresdner Neumarkt, zuletzt das Innside Hotel. Dorit Richter, die nicht mehr als Architektin arbeitet, sondern im Büro für Kommunikation und die überlebenswichtigen Architekturwettbewerbe zuständig ist, kann jedenfalls viele spannende Projekte vorzeigen. Aber es kommt noch besser. Das Architekturbüro „Wörner, Traxler, Richter“ aus Dresden, das inzwischen zu den großen in Deutschland gehört, eröffnete kürzlich in München eine Außenstelle. Ja, richtig gelesen, nicht etwa andersherum, wie das lange Zeit üblich war.

Verliert Martin die Lust an Sachsen?

Das ostdeutsche Denken führt über die Freude an Erfolgen hinaus. Martin Richter hat mit seinen Partnern der zweiten Generation seit der Gründung eine weitreichende Entscheidung getroffen. Sie haben zwei junge ostdeutsche Architekten zu Partnern berufen, um den nächsten Generationswechsel vorzubereiten. Damit kann hier ein Prozess in Ruhe ablaufen, der keineswegs selbstverständlich ist. 

Noch immer setzen Chefs, die aus dem Westen stammen, gern Nachfolger wieder aus dem Westen ein, vielleicht, weil der Neue doch noch mehr so tickt wie der Vorgänger. Im Architekturbüro wird deshalb niemand eine Ost-Quote fordern. Und es ist beiden Richters zu glauben, wenn sie versichern, dass das Ost-West-Thema bei ihnen in der Firma keines mehr ist.

Lebt Familie Richter ohne Sorgen? So ist es nicht. Es macht ihnen seit Jahren zu schaffen, dass sie auf den Baustellen im Westen und von der Familie immer wieder darauf angesprochen werden, was denn da im Osten los ist mit den Rechten, wie es sich denn in Dresden lebt, wenn Pegida durch die Straßen zieht. Immer wieder müssen sie erklären, dass es ihnen gut geht in Sachsen und der Osten keineswegs durchweg braun ist. 

Aber Dorit Richter gesteht auch, dass sie zeitweise schon besorgt war, ob ihr Martin die Lust verliert in Sachsen. Wegziehen mag sie sich nicht vorstellen, es ist doch längst ihre gemeinsame Heimat. Dorit Richter weiß aber auch, dass sie vorsichtig sein müssen mit ihrem Urteil. Ihnen geht’s schließlich gut. Martin Richter hingegen macht Mut, wie Ministerpräsident Kretschmer auf die Menschen zugeht, mit ihnen diskutiert, wie er kämpft. Und beide verbinden mit Corona sogar eine Hoffnung. Vielleicht finden Ost und West besser zueinander, es ist schließlich die erste gemeinsame Krisenerfahrung.

Anruf beim Paarberater

Sorry, aber diese Frage muss nun auch noch sein: Gibt’s besondere Probleme in ihrer Ehe? Sie gucken sich an, zucken mit den Schultern. Nein, natürlich nicht. Aber wer erzählt schon so etwas. Deshalb Anruf bei Partnerschaftsberater Christian Thiel in Berlin, der in der SZ regelmäßig eine Kolumne schreibt. Welche besonderen Probleme belasten denn Ost-West-Beziehungen? Thiel zögert keine Sekunde: „Gibt keine besonderen. Alle Paare streiten immer über dieselben Themen.“ Die da wären Geld, Status, Seitensprünge, Alkohol. Zum Beispiel.

Bleibt die Frage, mit welchem Selbstverständnis die Kinder leben. Tochter Leonie ist 18, hat gerade ihr Abi bestanden und will wie die Eltern Architektur studieren. Philipp ist 15 und geht noch zur Schule. Beide sind in Dresden aufgewachsen und, so betont ihre Mutter, sehr an Ostthemen interessiert. Gemeinsam guckt die ganze Familie Fernsehserien wie „Weissensee“, sie diskutieren darüber. Manchmal staunen sie, wenn die Mutter von den blauen Halstüchern erzählt, den Ermahnungen ihrer Eltern, in der Schule bloß kein falsches Wort zu sagen und von der ersten freien Debatte in der Schule, die sie erst mit 16 erlebte. Spannend, klar.

Weiterführende Artikel

Wie junge Wessis auf den Osten blicken

Wie junge Wessis auf den Osten blicken

Auf einer Radtour durch Ostdeutschland machen Kölner Abiturienten überraschende Erfahrungen. Ihre Sicht ist anders als die der Älteren.

Aber anders ist es, wenn ihr Vater von seiner Jugend erzählt. Seine jungen Jahre in Kiel vor 40 Jahren sind Leonie und Philipp aus Dresden näher als die ihrer Mutter. Die Jugend des Vaters hat einfach mehr mit ihrem eigenen Leben zu tun.

Die Serie "Ossi-Wessi-Wossi" gestaltet sächsische.de, ganz im Einheitsgedanken, in Kooperation mit dem Bonner General-Anzeiger. Der nächste Teil erscheint am 20. August.

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Episoden.

Mehr zum Thema Sachsen