merken
PLUS Bautzen

Ostern ohne goldnen Kranz

Ohne Corona hätte Peter Paschke aus Neschwitz in diesem Jahr zum 50. Mal am Osterreiten teilgenommen. Der Verzicht trifft ihn hart.

Pferd Lando und seinem Besitzer Peter Paschke steht in diesem Jahr ein ruhiger Ostersonntag bevor. Statt bei der Prozession von Ralbitz nach Wittichenau die Osterbotschaft zu verkünden, bleiben sie daheim.
Pferd Lando und seinem Besitzer Peter Paschke steht in diesem Jahr ein ruhiger Ostersonntag bevor. Statt bei der Prozession von Ralbitz nach Wittichenau die Osterbotschaft zu verkünden, bleiben sie daheim. © SZ/Uwe Soeder

Neschwitz. Gut möglich, dass es im kleinen Neschwitzer Ortsteil Caßlau immer so beschaulich zugeht wie an diesem Morgen kurz vor Ostern. Links und rechts der schmalen Ortsdurchfahrt sieht man gepflegte Vorgärten. In den Bäumen zwitschern Vögel, ein Zement-Mischer dreht gemächlich seine Runden. Corona scheint hier ganz weit weg - und doch hadert nahezu der ganze Ort mit den Folgen des gefährlichen Virus.

Kurz vor dem Ortsausgang in Richtung Zerna trifft man Peter Paschke. Gemeinsam mit seiner Frau Christine bewohnt er hier ein Einfamilienhaus mit Stallungen und Freilauf für die beiden Pferde Lando und Ladek – "viel zu groß", wie Peter Paschke sagt, der hier bis vor Kurzem noch die Familie seiner Tochter beherbergte. "Drei Generationen unter einem Dach – da war immer was los", sagt Paschke versonnen.

Anzeige
Virtueller Hochschulinfoabend
Virtueller Hochschulinfoabend

[email protected]! Am 14. und 15. April 2021 bietet die HSZG bei zwei Onlineveranstaltungen Antworten auf alle Fragen rund um ein Studium an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Das Ehepaar Paschke vermisst den Trubel. Mit Blick auf die ebenso ruhigen Feiertage, die ihnen bevorstehen, sagen sie: "Ostern wird in diesem Jahr ganz komisch." Das droht in zweierlei Hinsicht: Als herzliche Familienmenschen müssen Paschkes nicht nur auf die gemeinsame Osterfeier mit Kindern und Enkeln verzichten, sondern als gläubige Sorben auch auf sämtliche Traditionen und Bräuche rund um das Fest der Auferstehung.

Ostern hat für beide seit jeher eine tiefe Bedeutung. Der verliehen sie viele Jahre lang ihren ganz eigenen Rhythmus: Er als Osterreiter hoch zu Ross unterwegs von Ralbitz nach Wittichenau, sie vollauf beschäftigt mit der Bewirtung der Wittichenauer Reiter in Ralbitz. 

Ein Ostern wie noch nie zuvor

In diesem Jahr bleiben Paschkes während der Osterfeiertage daheim. Eine neue Erfahrung für beide – eine bittere noch dazu. Besonders für Peter Paschke: "1969, mit 14 Jahren, bin ich zum ersten Mal zu Ostern mitgeritten. Zweimal habe ich seither gefehlt; einmal aus gesundheitlichen Gründen, einmal, weil ich kein Pferd hatte. In diesem Jahr wäre mein 50. Jubiläum gewesen."

Das zu erreichen, sei nicht selbstverständlich. Selbst nicht für passionierte Osterreiter wie ihn, sagt er und deutet an die Wand neben der Küchentür. Halbversteckt hinter einer Statue der Jungfrau Maria hängt dort neben einem geschlagenen Kupferteller eine Urkunde. Beides Erinnerungen an besondere Jubiläen aus seiner Osterreiter-Karriere, erklärt Peter Paschke: "Den Teller habe ich zur 25. Teilnahme bekommen. Die Urkunde zur 40. Das wurde irgendwann eingeführt, weil nur wenige Reiter die 50 schaffen."

Um die 40 Kilometer legt die Ralbitzer Prozession auf ihrem Weg nach Wittichenau an jedem Ostersonntag zurück. Erstmals zogen zwei Prozessionen, deren Wege sich nach altem Brauch nicht kreuzen dürfen, 1541 von einer Gemeinde in die andere. Das Wort "Krise" war damals noch längst nicht erfunden.

Gut acht Stunden dauert der Ritt; wird immer wieder unterbrochen von Gebeten. "Früher haben wir darüber gelacht, heute geht das schon ganz schön in die Glieder", sagt Paschke, der die Schmuckgeschirre seiner beiden pechschwarzen Hengste schon geputzt hat.

In diesem Jahr hätte ein weiterer Jubiläums-Teller den Weg an seine Wand gefunden; während der Prozession hätte er zum traditionellen Gehrock mit Zylinder einen goldenen Kranz getragen – das Erkennungszeichen für Reiter, die ein halbes Jahrhundert lang die Osterbotschaft in der Oberlausitz verkündet haben.

Mit Lando (.l) hätte Peter Paschke in diesem Jahr sein 50. Osterreiten absolviert. Auf Ladek wäre sein 14-jähriger Neffe bei der Prozession mitgeritten - zum ersten Mal.
Mit Lando (.l) hätte Peter Paschke in diesem Jahr sein 50. Osterreiten absolviert. Auf Ladek wäre sein 14-jähriger Neffe bei der Prozession mitgeritten - zum ersten Mal. © SZ/Uwe Soeder

Auf beides muss er nun ein weiteres Jahr warten. Und auf einiges mehr: Auf Paschkes zweitem Pferd Ladek hätte an diesem Sonntag erstmals sein 14-jähriger Neffe sitzen sollen – geschmückt mit dem grünen Kranz, wie ihn Debütanten beim Osterreiten tragen. Außerdem war Paschke gespannt auf die frisch sanierte Wittichenauer Kirche. "Die habe ich auch noch gar nicht gesehen. Einfach traurig", sagt er.

Aber Paschkes haben für sich einen Weg gefunden, ihr Osterfest zu retten: Sie kontern mit Humor und moderner Technik. "Der Papst muss schließlich auch zurechtkommen, so ganz allein auf dem Petersplatz", sagt Peter Paschke. "Wir werden hier vor dem Kreuz in unserem Garten den Rosenkranz beten. Die Gottesdienste schauen wir uns im Livestream an. Da haben wir dann jeder das Gebetbuch in der Hand und singen mit", ergänzt Christine Paschke.

Ähnlich wird es auch Robert Matschie mit seiner Familie handhaben. Der evangelische Osterreiter lebt mit seiner Frau, drei Kindern und den Schwiegereltern auf einem gemeinsamen Hof. "Rund um die Osterzeit war bei uns immer richtig Bambule", erzählt er. Zwölf Pferde starteten in den vergangenen Jahren von hier. Auch Reiter wohnten über die Feiertage bei den Matschies; bekamen häufig Besuch. "Im Laufe so eines Osterwochenendes hatten wir dann schon 100 bis 150 Leute auf dem Hof", sagt Matschie. "Das fällt jetzt komplett aus." 

Kein Osterreiten ohne Messe

Einige Gottesdienste wird er sich gemeinsam mit seiner Frau im Internet ansehen; er hat selbst die Aufnahme des Karfreitagsgottesdienstes der evangelischen Gemeinde unterstützt. Gemeinsam mit den sorbischen Nachbarn wolle man vielleicht ein paar Lieder über den Gartenzaun singen. "Mehr geht ja gar nicht, ohne gegen die Regeln zu verstoßen", sagt Matschie. 

Die Absage der Osterprozessionen sieht er mit gemischten Gefühlen: "Einerseits wäre es natürlich im Sinne der Tradition gewesen, wenn das Osterreiten ohne Zuschauer stattgefunden hätte. Es geht dabei schließlich nicht um das Spektakel, sondern darum, die Osterbotschaft in die Gemeinde zu bringen. Aber wie will man das kontrollieren? Das wäre nicht praktikabel."

Ein Osterreiten ohne Messe, ergänzt er, würde sich außerdem falsch anfühlen. Sein Fazit: "Während alles abgesagt wird, wäre es nicht richtig gewesen, wenn die Sorben hier einen Sonderweg durchgesetzt hätten, - und letztlich auch nicht richtig christlich." Durch die Livestreams, sagt er, gebe es immerhin die Möglichkeit, einen Teil des gewohnten Alltags weiterzuleben. "Und der ein oder andere Pfarrer bringt schließlich tröstliche Botschaften in dieser verrückten Zeit."

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Bautzen