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Ostern ohne Osterreiter

Wegen der Corona-Pandemie fallen die Prozessionen in der Oberlausitz aus. Die Gläubigen pflegen den jahrhundertealten Brauch dennoch - nur anders.

Zwei Jungs spielen auf ihrem Hof in Rosenthal mit einem Holzpferd Osterreiten. Die eigentlichen Prozessionen müssen wegen der Corona-Pandemie ausfallen.
Zwei Jungs spielen auf ihrem Hof in Rosenthal mit einem Holzpferd Osterreiten. Die eigentlichen Prozessionen müssen wegen der Corona-Pandemie ausfallen. © Robert Michael/dpa

Von Simona Block

Crostwitz. In der sorbischen Lausitz ist es an diesem Ostersonntag ungewohnt ruhig. Nur die Glocken der katholischen Kirchen, die die Botschaft der Auferstehung Jesu verkünden, durchbrechen die Stille und schaffen wenigstens ein Stück Vertrautheit. Das "Haleluja, zwonce zwony" ("Halleluja, läutet die Glocken"), stets von den Osterreitern gesungen, ertönt diesmal aus Gärten und Höfen. Wegen der Corona-Pandemie bleiben Gehrock und Zylinder auch bei Pfarrer Mercin Lukas Delenk in Crostwitz (Landkreis Bautzen) im Schrank und das Pferd im Stall.

Osterreiter tragen seit Jahrhunderten am Ostersonntag die Botschaft von der Auferstehung Christi in Prozessionen hoch zu Ross in die jeweilige Nachbarpfarrei. Die Wurzeln dieses Brauchs reichen bis in die vorchristliche Zeit zurück, als man durch Feldumritte glaubte, die jungen Saaten vor der Missgunst des Bösen schützen zu können. Die heutigen Prozessionen sind öffentliches Bekenntnis zum christlichen Glauben, dabei dürfen aber nur Männer im Sattel sitzen.

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Das traditionelle, stets von vielen Touristen bestaunte sorbische Osterreiten fällt diesmal aus. "Es fehlt nicht nur das", sagt der 57-jährige Delenk, der seit 30 Jahren die Frohe Botschaft auch vom Pferderücken aus verkündet. Auch alle anderen Bräuche und die Vorbereitungen in der katholischen Region östlich von Dresden, in der die nationale Minderheit lebt, sind passé. "Die Menschen haben aber für sich andere Wege gefunden", sagte Delenk.

Pfarrer Daniel Dzikiewicz ist auf dem Bildschirm einer Videokamera während der Übertragung des Ostergottesdienstes aus der katholischen Kirche in Crostwitz zu sehen.
Pfarrer Daniel Dzikiewicz ist auf dem Bildschirm einer Videokamera während der Übertragung des Ostergottesdienstes aus der katholischen Kirche in Crostwitz zu sehen. ©  dpa/Robert Michael

"In diesem Jahr sind wir alle verpflichtet, Ruhe zu bewahren und Einkehr zu halten." Viele Gläubige gingen schon in der Karwoche allein oder in kleinen Gruppen spazieren sowie auf dem Friedhof die Kreuzwegstationen ab. In der Nacht fuhr ein Mobil das Osterlicht von Dorf zu Dorf. "Im Ort haben die Leute, jeder in seinem Grundstück, gestanden und die Frohe Botschaft gesungen, auch nach dem Gottesdienst", berichtete Delenk.

Wie andere Pfarrer in Sachsen war auch Delenk am Morgen beim Ostergottesdienst allein in seiner Kirche, per Livestream oder Rundfunk aber mit seiner und den anderen sorbischen Gemeinden verbunden. "Es ist furchtbar, eine leere Kirche zu haben." Für ihn ist Ostern 2020 "ungewöhnlich, merkwürdig" und eine sehr große Herausforderung.

Der Vater der Jungen wäre eigentlich dieses Jahr zum 30. Mal bei den Osterreitern mitgeritten.
Der Vater der Jungen wäre eigentlich dieses Jahr zum 30. Mal bei den Osterreitern mitgeritten. © Robert Michael/dpa

Im Wallfahrtsort Rosenthal, etwa zehn Kilometer entfernt, spielen zwei Nachbarskinder Osterreiter im heimischen Hof und singen in Festtagsmontur mit Zylinder die üblichen Lieder - einer sitzt dabei auf einem Holzpferd, der andere hat sich ein Steckenpferd untergeklemmt. "Ich wäre dieses Jahr zum 30. Mal in den Sattel gestiegen", erzählt der Vater des einen Jungen.

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In Crostwitz habe der jüngste Sohn eines unlängst verstorbenen 81-Jährigen aus der Gemeinde am frühen Morgen am Grab des Vaters Osterlieder gesungen, erzählt Delenk. "Der Mann hatte vor seinem Tod gesagt: "in diesem Jahr werdet Ihr mich umreiten"; das ging nun nicht." (dpa)

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