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Ostern wird auf Weihnachten verschoben

Während ringsum alles abgesagt wird, kommen mit der Post auffallend viele Rechnungen. Teil 3 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© dpa

Kleines Lachen am Morgen. Der Radebeuler Karikaturist Lutz Richter sendet mir einen Mailgruß. Er schickt im Anhang ein gezeichnetes Bild, auf dem sehe ich eine Versammlung von Hasen, die beschließen, Ostern auf Weihnachten zu verschieben. Ich kann das Wort „Absage“ aber eigentlich nicht mehr hören, denn es folgt Nachricht auf Nachricht, was alles nicht stattfindet. Auch ich musste eine für Donnerstag geplante Ausstellungseröffnung mit dem Karikaturisten Uwe Krumbiegel in der Galerie „Komische Meister Dresden“ im Quartier an der Frauenkirche absagen. Gleichzeitig finde ich plötzlich unverhältnismäßig viele Rechnungen im Briefkasten. Offenbar treiben jetzt alle ihr Geld ein. Ich fluche, aber überweise, denn den anderen geht es ja nicht besser als mir.

Das Fluchen geht weiter. Unser Café „Ilses Kaffeestube“ im Tom Pauls Theater am Markt in Pirna mussten wir schließen. Wir folgten damit einer Verfügung des Landratsamtes vom Dienstag. Die Mitarbeiterinnen und der Auszubildende räumen die Küche aus, verschenken Lebensmittel, frieren ein – großer Kehraus. Geschäftsführerin Kerstin Kochan stellt, wie empfohlen, Antrag auf Kurzarbeit.

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Am Dienstagabend nimmt der Landrat seine Verfügung zurück. Wir hätten also am Mittwoch, wie überall sonst in Sachsen, das Café von 6 bis 18 Uhr weiter öffnen können. Aber jetzt sind keine Vorräte mehr da, alle Bestellungen storniert, die Mitarbeiterinnen zu Hause. Wir überlegen neue Varianten, aber das Hickhack nervt.


Zum Mittag gehe ich mit Tom Pauls in Pirna auf den Wochenmarkt, der wie immer stattfindet. Ich spüre in mir den Impuls, beim Bauern einen großen Sack Kartoffeln zu kaufen. Ich nehme nur einen kleinen und finde selbst das doof. In der Schlange vorm Fleischerstand rückt eine ältere Frau immer näher an mich ran. Sie schnieft und hustet leicht. Ich lasse sie vor. Ich habe es auch in Zeiten ohne Corona nie gemocht, wenn in einem Laden Leute an der Kasse mir den Einkaufswagen an den Hintern schieben, aber heute finde ich die schniefende Dame besonders lästig. Ich gehe mir später, zum dritten Mal an diesem Tag, gründlich die Hände waschen und bemerke, wie sich mein Verhalten ändert, die Sinne schärfen sich.


Ein Freund ruft mich an, fragt, ob ich es unterstützen würde, dass wir eine Gruppe zur Hilfe älterer Menschen im Wohngebiet gründen. Ich sage sofort zu, muss zugleich daran denken, wie ich einst als Jungpionier Einkäufe für Rentner erledigte. Wir gründeten damals nach dem Vorbild von „Timur und sein Trupp“ aus dem Buch von Arkadi Gaidar einen kleinen Hilfstrupp. Ich muss schmunzeln. Vor einem Jahre habe ich mit Freunden den „Ersten Sächsischen Männerverein“ gegründet. Was als Spaß begann, um sich zu treffen, kleine Veranstaltungen zu organisieren, könnte jetzt anders wichtig werden.


Später laufe ich zur Apotheke, hole Medikamente für eine Nachbarin. Vor der Tür steht eine Schlange, alle in gebührendem Abstand. Als ich fast dran bin, stockt die Ausgabe. Ein Kunde vor mir will ein Rezept für seine offenbar krebskranke Frau einlösen. Aber die einen Medikamente müssen erst bestellt werden, die anderen, die er benötigt, stehen nicht auf dem Rezept. Er stöhnt, ist verzweifelt. Alle anderen bleiben ruhig. Als ich dran bin, meint eine Mitarbeiterin der Apotheke, ich solle mal mein Witzebuch vorbeibringen oder eine lustige Anekdote erzählen. Wir lachen, der Mann lächelt kurz. Später bringe ich das Buch noch vorbei.


Im Home-Office schreibe ich weiter. Meine Frau plant für ihre Schülerinnen und Schüler an ihrem Gymnasium Aufgaben. Als sie die ins Netz stellen will, scheitert sie, denn die Seite öffnet sich nicht, der Server scheint überlastet. Also wird alles über Mail verteilt. Für kommende Woche wird sie von der Schulleitung aufgefordert, die Betreuung von Kindern in einer Grundschule mit abzusichern.


Auf einer Baustelle gegenüber arbeiten die Handwerker den ganzen Tag, die gelben Säcke werden abgeholt. Am späten Nachmittag gehe ich im Park spazieren. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, alle grüßen freundlich. Abends habe ich keine Lust, die Tagesschau zu gucken, fange stattdessen an, das Buch „Die Pest“ von Albert Camus zu lesen. Ich finde ein Zitat, das mir sehr gefällt: „Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben.“

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer

Teil 1: Einfach mal anhalten, wenn die Welt durchdreht

Teil 2: Wie die Notbremsung eines Düsenjets

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