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Osterspaziergang im Alleingang

Ob Kassiererinnen mit Scheibe oder Menschen zu Hause: Sie wollen jeden Tag gut aussehen. Teil 11 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Robert Michael/dpa/SZ

Heute früh komme ich irgendwie schwer in Gang. Ich versuche es mit etwas Gymnastik. Dann möchte ich mir einen Kaffee kochen, aber der ist alle. Ich fahre in den nächstgelegenen Supermarkt. Mir fällt auf, dass ich seit Tagen das Auto nicht bewegt habe. Der Tank ist voll, dabei kostet der Diesel zurzeit nur 1,08 Euro. Wie gewohnt will ich in den Markt gehen, werde aber am Eingang aufgefordert, mir einen Einkaufswagen zu nehmen. Der wird desinfiziert, dann erst darf ich eintreten, aber nur einzeln und mit Abstand zu den anderen. In dem Laden stapeln sich die Waren, einige Kunden tragen Mundschutz, die Kassiererin sitzt hinter Plexiglas, in dem ich mich spiegle. Das wirkt, als würde ich mich selber abkassieren. 

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Ich fahre zur Sparkasse, will Geld abheben, aber der Automat funktioniert nicht. Ich fluche, muss zugleich daran denken, wie ich als Junge einmal im Monat zur Sparkasse ging, um einen Teil meines Taschengeldes einzuzahlen. Die dicke Dame, die mich bediente und immer ziemlich bedient aussah, saß hinter einer Glasscheibe, in deren Mitte eine Metallklappe, um miteinander zu sprechen zu können. Ich kam allerdings zu dem Quatschloch gar nicht hoch. Beim Hinausgehen sah ich stolz auf den mit Hand geschriebenen Eintrag, wieder drei Mark gespart. Irgendwann in den 1990er-Jahren muss es gewesen sein, dass die offene Gesellschaft auch die Sparkassenglasscheiben abschaffte. Und seit einigen Jahren schafft sie immer mehr Filialen ab, weil der Kunde im Homeoffice digital sein Homebanking erledigen soll.

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Der Kaffee bringt mich langsam in Schwung. Ich lese, wie jeden Morgen, die Mails, die ich bekomme. Danke an dieser Stelle für den herzlichen Zuspruch. So erfahre ich zum Beispiel von der 84-jährigen Helga Höhne, dass Thomas, einer meiner Freunde aus Kindertagen, zurzeit im Elsass lebt. Er arbeitet als Regisseur und Schauspieldozent. In den 1980er-Jahren studierte er in Leipzig an der Theaterhochschule, im selben Jahrgang wie Claudia Schmutzler, die im ersten Go-Trabi-Go-Film mitspielte. Auch Ahmad Mesgarha, der seit über 30 Jahren zum Ensemble des Dresdner Staatsschauspiels gehört, Hasko Weber, Intendant des Nationaltheaters Weimar, und Kabarettist Uwe Steimle studierten damals in der Messestadt. Über die Studenten verfasste ich einen meiner ersten Beiträge für die Zeitschrift „Theater der Zeit“. Helga Höhne schreibt zudem, dass sie zu Hause ihren Alltag ganz alleine organisiert: „Ich habe beschlossen, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Große Körperpflege, ein gutes langes Frühstück und schöne Kleidung, das muss heute sein. Wenn ich am Spiegel vorbeigehe, muss ich mir selbst gefallen.“ 

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SZ-Leserin Annette Haufe schreibt mir: „Auch wir gehören zu der ,kritischen Infrastruktur`und müssen/dürfen auf Arbeit. Unsere fünfjährige Tochter betreuen wir nebenbei. Da in Sachsen die Kita-Gebühren erstattet werden, möchten wir unsere Beiträge gerne spenden, dort wo Geld von Nöten ist bzw. sein wird. Schön, wenn sich noch mehr Eltern finden würden!“ Mal sehen, was der Aufruf auslöst. 

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Rainer Rönsch wandelte Goethes Osterspaziergang ab und schickt mir seine Version der ersten Strophe für das Jahr 2020:„Sieh nur, sieh, wie keine Menge sich durch Gärten und Felder zerschlägt,wie der Fluss in Breit und Länge keinen einzigen lustigen Nachen bewegt,und, nur mit lauer Luft beladen,entfernt sich auch der letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden blinken uns nur Verbotsschilder an. Ich hör vom Dorf heut kein Getümmel. Hier hat das Virus seinen Himmel. Wie lange wird das noch so sein? Ich bin ein Mensch und ganz allein!“ 

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Wir spielen am Abend Monopoly. Soweit sind wir schon. Später sehen wir uns auf der Internetseite der Staatsoper unter den Linden „Il Trovatore“ von Giuseppe Verdi an, es singen Anna Netrebko, Gaston Rivero, Plácido Domingo und Marina Prudenskaya. Fast jeden Tag stellt das Berliner Opernhaus neue Videos ins Netz. Am 6. April wird der Dresdner Bass René Pape im „Tannhäuser“ zu erleben sein. Auf der Seite der Dresdner Semperoper geben Mitglieder des Ensembles Wohnzimmerkonzerte. Sängerin Christa Mayer grüßt beispielsweise wunderbar unperfekt von ihrem heimischen Dachboden mit kleinen musikalischen Botschaften aus der Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini.

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"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

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