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Ist Adolf Hitler noch Ehrenbürger in Ostritz?

Die Stadt lässt sich für ihr Engagement gegen Nazis feiern - und hat ein ungelöstes und umstrittenes Problem.

Ostritz' Bürgermeisterin Marion Prange ist durch die Reaktion ihrer Stadt auf Nazi-Veranstaltungen bundesweit bekannt geworden.
Ostritz' Bürgermeisterin Marion Prange ist durch die Reaktion ihrer Stadt auf Nazi-Veranstaltungen bundesweit bekannt geworden. © Archiv/Rafael Sampedro

Ausgerechnet Ostritz. Immer wieder weht mit Nazi-Treffen wie dem "Schild- und Schwert Festival" ein unerwünschter brauner Hauch durch das Neiße-Städtchen. Und immer wehren sich die Einwohner gegen den Nazi-Spuk - etwa mit dem Friedensfest. Und für dieses Engagement wurde Ostritz auch schon ausgezeichnet - etwa 2019 mit dem "Deutschen Engagement-Preis für Toleranz und Weltoffenheit". Und Bürgermeisterin Marion Prange (parteilos) erhält demnächst den "Helene-Weber-Preis" der Bundesregierung. Ausgerechnet Ostritz trägt nun noch einen lange vernachlässigten braunen Fleck auf seiner offiziellen Stadtchronik.

Das besorgte Schreiben eines Lesers erreichte die SZ-Redaktion in den vergangenen Tagen. Der Leser verweist dort auf die "Chronik der Stadt Ostritz", die 2016 anlässlich der 775-Jahr-Feier der Stadt im Oberlausitzer Verlag erschien - und auch vom Autor Gerhard Brendler im Ostritzer Stadtrat vorgestellt worden sei. In Kapitel 18 "Ostritz unter der Nazidiktatur" ist dort zu lesen, dass Adolf Hitler seit 1933 immer noch im Verzeichnis der Ehrenbürger der Stadt Ostritz geführt werde. "Weder von 1945 bis 1990, noch danach hat es einen Beschluss zur Aufhebung dieser Ehrenbürgerschaft gegeben", schreibt der Leser und fürchtet, dass dieser Umstand auch den "braunen Typen" bekannt werden könnte und ein schlechtes Licht auf die Stadt werfe.

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Was nicht mal die SED wagte

Jene Chronik von 2016 beschreibt einen Vorgang vom 24. Mai 1933. Bei der damals ersten Sitzung der neuen Stadtverordnetenversammlung wurden auf Vorschlag der NSDAP dem damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, dem Reichskanzler Adolf Hitler und dem Reichsstatthalter Martin Mutschmann die Ehrenbürgerwürde verliehen. Im gleichen Atemzug wurden Straßen und Plätze nach den Ehrenbürgern und anderen Nazi-Größen oder -Helden benannt. Der Ostritzer Marktplatz wurde so zum "Adolf-Hitler-Platz".

Und ausweislich des Verzeichnisses der amtlichen Ehrenbürger der Stadt Ostritz werden die drei dort immer noch aufgeführt. Zu solchen Ehrenbürger-Ernennungen griffen nicht mal die Sowjets oder die SED. Nach 1933 hat die Stadt Ostritz erst wieder 1994 eine Ehrenbürgerschaft verliehen.

Das Gesetz, das ausgerechnet für Hitler nicht gilt

Bürgermeisterin Marion Prange bestätigt auf SZ-Anfrage die Hinweise des Lesers. Auch ihr sei kein Ratsbeschluss bekannt, in dem die Ehrenbürgerschaft Hitlers oder der anderen beiden jemals aufgehoben worden sei. Nun wird niemand annehmen, dass Hitler in Ostritz oder anderswo noch als Ehrenbürger behandelt wird. Prange hat die Ortschronistin Josefine Schmacht recherchieren lassen. Die teilt mit: "Wir hatten das Thema in Ostritz schon einmal, waren aber der Meinung, durch den Tod Hitlers und seine tausendfache Verurteilung in der Welt sind alle Ehrenbürgerrechte erloschen."

Im Übrigen gelte hierzu die Direktive des Nr. 38 des Alliierten Kontrollrates vom 12. Oktober 1946 zur Bestrafung von Kriegsverbrechern und Nationalsozialisten, die für Kriegsverbrecher den Verlust von Ehrenbürgerrechten anordnet. Aber: Skurrilerweise gilt diese Direktive ausgerechnet für Adolf Hitler nicht. Weil er sich jeglicher Gerichtsbarkeit durch seinen Selbstmord entzog, wurde er nie von einem Gericht als Kriegsverbrecher verurteilt. 

Ostritz steht mit dem Problem nicht allein

Freilich steht Ostritz mit diesem unappetitlichen Ehrenbürger-Problem nicht alleine da. Adolf Hitler wurde zu Lebzeiten in Tausenden von Städten und Gemeinden zum Ehrenbürger ernannt. Das geschah nicht per Gesetz, sondern durch Druck auf Stadtverwaltungen oder dort, wo die NSDAP früh die Mehrheit in den Räten hatte durch gehorsame Mehrheitsentscheidungen - in manchen Städten gar noch vor der "Machtergreifung". Bundesweit gehen Kommunen unterschiedlich mit diesem Umstand um. 

Einige Großstädte wie Hamburg, München oder Aachen erkannten Hitler die Ehrenbürgerwürde unmittelbar nach dem Krieg oder in den frühen Nachkriegsjahren ab. Viele Kommunen beriefen sich darauf, dass eine Ehrenbürgerschaft ohnehin nur auf Lebenszeit verliehen werde und mit dem Tod automatisch erlösche. Dennoch fassten zig Kommunen bis in die letzten Jahre hinein Beschlüsse, die Hitler die Ehrenbürgerwürde ausdrücklich aberkannten. In Görlitz etwa war das 1990 der Fall.

Bürgermeisterin Marion Prange nimmt das lange unbehandelte Thema ernst. Einerseits möchte sie nicht, dass der Name Hitlers weiter im Ehrenbürger-Verzeichnis der Stadt steht. Andererseits möchte sie auch keine Geschichtsklitterung betreiben, indem der Name getilgt wird und man so tut, als habe es diesen Vorgang nie gegeben. Sie erwägt nun, mit dem Stadtrat und anderen Gremien zu sprechen. Am Ende könnte etwa ein Beschluss stehen, Hitler die Würde posthum abzuerkennen, diesen Vorgang aber in der Stadtchronik entsprechend zu kommentieren.

Bilder wie dieses vom "Schild & Schwert"-Festival gehen aus Ostritz immer wieder durch die Republik.
Bilder wie dieses vom "Schild & Schwert"-Festival gehen aus Ostritz immer wieder durch die Republik. ©  Archiv: Matthias Weber
Die Stadt feiert mit dem "Friedensfest" gegen die Nazis - und wurde dafür schon ausgezeichnet.
Die Stadt feiert mit dem "Friedensfest" gegen die Nazis - und wurde dafür schon ausgezeichnet. © - keine Angabe im huGO-Archivsys

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