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Ostritz wappnet sich fürs nächste Neonazi-Treffen

Im November soll es das nächste „Schild und Schwert“-Festival geben. Die Friedensfest-Macher bereiten sich schon vor.

© Matthias Weber

Von Frank Seibel

Ostritz. Eigentlich sollte es vor allem ein besinnlicher Abend werden, als sich die Macher des Ostritzer Friedensfestes diese Woche trafen: Rückschau auf das größte Ereignis in Ostritz seit der 775-Jahr-Feier vor zwei Jahren halten. Noch einmal die ganz persönlichen Erinnerungen an das vorletzte Aprilwochenende, als in der kleinen Stadt 3 000 Menschen ein Friedensfest für Demokratie und Toleranz sowie das Open-Air-Festival „Rechts rockt nicht“ feierten – und etwa 1 200 Neonazis sich mit ihrem „Schild und Schwert“-Festival zu völkischem Nationalismus bekannten und gegen die Grundwerte einer liberalen Demokratie protestierten. Das alles abgesichert von 3 500 Polizisten und einigen hundert Helfern von Feuerwehren und Rettungsdiensten.

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Mit großer Kraftanstrengung hat es die kleine Stadt Ostritz geschafft, nicht als „Nazi-Stadt“ abgestempelt zu werden. Am vorletzten April-Wochenende organisierten Privatleute und Vereine ein großes Friedensfest auf dem Marktplatz und reagierten damit auf ein Festival von Neonazis auf dem Gelände des alten Hotels „Neißeblick“ am Rande der Ostritzer Altstadt. So standen nach Schätzungen der Polizei etwa 1 200 Neonazis rund 3 000 Menschen gegenüber, die sich für Demokratie und Toleranz eingesetzt haben.

Von „Gänsehaut-Momenten“ und einer ganz besonderen Stimmung erzählten die Macher und Helfer des Friedensfestes, und für den Landtagsabgeordneten der Linken, Mirko Schultze und dem Team von „Rechts rockt nicht“ gab es ausdrücklich Lob und Applaus dafür, dass die linken Gruppen aus der Antifa-Szene sich mit ihrer Veranstaltung auf der Lederwerkswiese nicht in den Vordergrund gedrängt, sondern sehr gut mit dem Friedensfest auf dem Marktplatz kooperiert haben. Und Markus Kremser, der für die Beratungsfirma „B3“ die Pressearbeit fürs Friedensfest erledigt hat, beglückwünschte die Organisatoren des Friedensfestes. Denn es sei in Ostritz etwas geglückt, was vorigen Sommer im thüringischen Themar nicht geklappt hat: Rund um den Globus berichteten Medien vor allem über das bürgerschaftliche Engagement gegen Rechtsextremismus und erst in zweiter Linie über das Treffen der Neonazis auf dem Gelände des Hotels „Neißeblick“. Angefangen vom arabischen Sender Al Jazeera haben Zeitungen, Radio- und Fernsehsender aus allen Erdteilen über das Ostritzer Wochenende berichtet; Kremser schätzt die Zahl der Artikel, die im Internet verbreitet wurden, auf bis zu 80 000 – wobei natürlich Berichte von Nachrichtenagenturen vielfach und in mehreren Sprachen verwendet wurden. Sogar mit Blick aufs Geld gab es gute Nachrichten vom Organisationsteam. Beim Verkauf von Essen und Trinken haben die ehrenamtlichen Helfer unterm Strich ein ordentliches Plus gemacht, sagte Georg Salditt als einer der Hauptverantwortlichen fürs Friedensfest. Einen großen Teil davon spendet das Orga-Team: 500 Euro fürs Mewa-Bad in Ostritz, 500 Euro für eine Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit im Pfälzer Ort Kandel und 500 Euro für Initiativen, die im thüringischen Themar Aktionen gegen Neonazis organisieren. Weil abzusehen war, dass es weitere Veranstaltungen der rechten Szene beim Hotel Neißeblick geben würde, hat das Friedensfest-Team gleich einen Teil des Gewinns in die „Kriegskasse“ gelegt.

Doch nun geht es schneller und größer weiter als zunächst gedacht. Der thüringische NPD-Vorsitzende Thorsten Heise hat – formell als Privatperson – für das Wochenende vom 2. und 3. November ein weiteres Schild- und Schwert-Festival angemeldet – wiederum als politische Kundgebung, also nicht zu verbieten. Diesmal erhält das Neonazi-Treffen den Beinamen „Festival für Frieden und Freiheit“. Als Provokation empfinden die ehrenamtlichen Organisatoren des Ostritzer Friedensfestes diesen Plan und vor allem den Titel. „Hier wird bewusst unser Friedensfest attackiert“, sagt Georg Salditt vom Organisationsteam. So wurde am Mittwoch aus einem gemeinsamen Treffen, bei dem alle Beteiligten auf das besondere Wochenende vom 20. bis zum 22. April zurückblicken, schon das nächste Vorbereitungstreffen: Was werden wir tun, wenn die Neonazis wieder kommen? Dass etwas passieren muss, darin waren sich die Organisatoren und Helfer für das Friedensfest im April einig. Offen ist bislang, welche Aktionen die Ostritzer dem geplanten nächsten Treffen von Neonazis entgegensetzen. Vor der Kälte Anfang November fürchte sich niemand, saget Bürgermeisterin Marion Prange (parteilos) kämpferisch: „Die Ostritzer harren auch bis spät abends auf ihrem Weihnachtsmarkt aus.“ Eine Demonstration mit Kerzen, stille Mahnwachen, Spendenläufe zugunsten von Neonazi-Aussteigerprogrammen: Die Liste der Ideen ist lang.

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Das Internationale Begegnungszentrum (IBZ) im Kloster Sankt Marienthal hat vorsorglich Veranstaltungen auf öffentlichen Flächen in Ostritz angemeldet. „Wir gehen damit noch weiter als im April“, sagte Stiftungsdirektor Michael Schlitt zur SZ. „Denn wir wollen keinen Meter den Neonazis überlassen.“ Schon beim Friedensfest ging es darum, dass die Neonazis auf ihr Festgelände neben dem Bahnhof beschränkt bleiben und nicht demonstrativ durch die Straßen der Stadt ziehen können, etwa zum Kriegerdenkmal am anderen Ende des Ortes. Michael Schlitt will mit seiner IBZ-Stiftung wieder die rechtliche Verantwortung für die Aktionen gegen Rechts übernehmen. Aber ohne Hilfe, sagte der Stiftungsdirektor, wird es nicht gehen. Denn während die ehrenamtlichen Helfer beim Friedensfest einen Überschuss erwirtschaften konnten, bleibt das IBZ auf einem Minus von 10 000 Euro sitzen. Das sind die Kosten für Zelt, Technik, Sicherheitsdienste. Insgesamt, so Schlitt, habe das Friedensfest über 40 000 Euro gekostet. Den größten Teil haben Zuschüsse vom Freistaat, vom Kreis und der Sparkassenstiftung gedeckt. Aber für die Stiftung bleibt ein Minus. „Ohne personelle und finanzielle Hilfe werden wir künftige Aktionen nicht tragen können“, sagt Schlitt.