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Pacults letzter Arbeitstag

Nach dem 0:3 gegen den FSV Frankfurt fliegt Dynamos Trainer. Die Trennung ist unvermeidlich.

© Robert Michael

Sven Geisler

Die Fans beweisen Galgenhumor. Hämisch feiern sie jeden hilflosen Querpass der eigenen Mannschaft, klatschen anerkennend, als der dreifache Torschütze des Gegners ausgewechselt wird. „Das habe ich so noch nie erlebt“, sagt Cristian Fiel – und der 33-Jährige hat schon viel erlebt in seiner Karriere. Auch bei Dynamo. Doch wenn die „Ultras“, die bedingungslos zum Verein stehen, ihr Transparent einrollen und die Gesänge einstellen, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein.

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Ratlos ist Zlatko Dedic nach diesem erneuten Desaster mit Dynamo. Zwar steht er diesmal in der Startelf, bleibt aber wirkungslos. Dabei wollte der Stürmer an erfolgreiche Zeiten in Dresden anknüpfen.
Ratlos ist Zlatko Dedic nach diesem erneuten Desaster mit Dynamo. Zwar steht er diesmal in der Startelf, bleibt aber wirkungslos. Dabei wollte der Stürmer an erfolgreiche Zeiten in Dresden anknüpfen. © Robert Michael

Und es ist nichts außergewöhnlich Gutes an diesem Sonntag, der für die ganz in Gelb spielenden Dynamos ein schwarzer ist. Es ist nicht so sehr das 0:3 gegen den FSV Frankfurt, die zweite Heimniederlage in Folge. Vielmehr der ideen-, mut- und hilflose Auftritt erschreckt. Sogar die Spieler selbst. Einige jedenfalls wie Romain Bregerie. „Wir spielen nicht zusammen, nur individuell“, meint der Franzose. Seine Kritik: „Du musst für die Mannschaft spielen, aber im Moment machen wir das nicht. Wenn ein Fehler passiert, ist nie einer da, das zu korrigieren.“ Also werden sie gnadenlos bestraft. Diesmal durch den Albaner Edmond Kapllani.

Dass die „Pacult raus!“-Rufe laut werden, als der Trainer zum dritten Mal wechselt, verwundert niemanden mehr. Der Österreicher hat an seinem letzten Arbeitstag in Dresden einiges probiert und damit viel riskiert. Obwohl er zuvor seine Taktik massiv verteidigt hatte, stellt er auf zwei Spitzen um, bringt Zlatko Dedic. Und zur allgemeinen Überraschung Amine Aoudia; Mickael Poté sitzt auf der Bank. Zudem besetzt er die rechte Außenbahn mit Tobias Müller und die linke Abwehrseite mit Innenverteidiger Adnan Mravac neu. Doch es passt nichts zusammen.

„Besser auf die Zunge beißen“

Pacult wusste wohl, was kommen würde. Vor dem Anstoß hatte der Österreicher beim Fernsehsender Sky noch über die „Amateure“ im Verein und im Umfeld geschimpft, mit deren „Störaktionen“ die Spieler belastet würden. „Was soll man über Ahnungslose sagen?“, meinte er. Nach dem Abpfiff wollte er sich dann „besser auf die Zunge beißen“, obwohl er selbst erkannt hatte, dass es reichlich Diskussionsbedarf gibt. Doch auch die Frage, ob er sich von der Mannschaft im Stich gelassen gefühlt habe, ließ Pacult unbeantwortet.

Als er in der Pressekonferenz noch bekräftigt, „in Ruhe weiterarbeiten“ zu wollen, diskutieren die Verantwortlichen schon über seine Entlassung. Sportchef Steffen Menze lässt zwar ausrichten, nichts sagen zu wollen, Aufsichtsratschef Thomas Bohn schaut „nur mal interessehalber“ in der Mixed-Zone vorbei, und Geschäftsführer Christian Müller wird nicht gesehen. Aber gerade das Schweigen der Bosse ist ein deutliches Zeichen. Pacults Kredit ist nach vier Spielen ohne Sieg endgültig aufgebraucht. Sofern er jemals welchen hatte.

Bestenfalls am Anfang seiner zweiten Amtszeit, als er im Dezember vorigen Jahres auf den am Ende lethargisch wirkenden Ralf Loose folgte. Da galt Pacult als der geeignete Nachfolger, als einer, der den Spielern Beine machen werde. Deshalb blieb der Aufstand unter den Fans aus, obwohl er den Verein 2006 im Stich gelassen und sich freigekauft hatte, um zu Rapid Wien zu gehen. Schwamm drüber, zweite Chance.

Pacult schaffte den Klassenerhalt, der – so wird Menze in der Pressemitteilung zur Entlassung zitiert – „untrennbar mit seiner Arbeit verbunden“ sei. Aber wirklich Vertrauen konnte der Wiener nicht gewinnen, denn schon vor der Relegation gegen den VfL Osnabrück war sein Rauswurf beschlossene Sache. Vom 3:1-Erfolg gegen den damaligen Tabellenletzten Jahn Regensburg ließ sich die Vereinsspitze umstimmen – wohl nicht aus Überzeugung, sondern weil die Funktionsträger fürchteten, ihre Entscheidung würde auf Unverständnis stoßen. Allerdings geriet die Trainerdiskussion durch Indiskretionen der Gremien in die Öffentlichkeit. Pacult ging angeschlagen und angefressen in die neue Saison, witterte überall Verrat.

Der Riss, stellt Müller nun fest, hätte „nur durch sportlichen Erfolg in der neuen Saison gekittet werden können“. Stattdessen stehen die Schwarz-Gelben nach vier Spielen auf einem Abstiegsplatz. Die Fanseele kocht angesichts der seelenlosen Vorstellungen erst gegen Union Berlin und nun gegen den FSV Frankfurt, der in Fußball-Dresden nach wie vor als Gegner gilt, den Dynamo bezwingen sollte, nein, muss.

Danach geht alles ganz schnell. Nur gut drei Stunden nach dem Abpfiff teilt die SGD per Pressemitteilung offiziell mit, Pacult „mit sofortiger Wirkung beurlaubt“ zu haben. Die Trennung sei „nach den beiden desaströsen Heimniederlagen … innerhalb von nur neun Tagen … für uns unvermeidlich“ gewesen, kommentiert Geschäftsführer Müller die Entscheidung. Sportchef Menze betreut die Mannschaft bis auf Weiteres als Interimscoach. „Parallel dazu erfolgt die Suche nach einem neuen Cheftrainer in seiner Verantwortung.“

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Für Menze ist es bereits die dritte Trainerentlassung bei Dynamo nach Matthias Maucksch im April 2011 und Ralf Loose im Dezember 2012. Als dessen Nachfolger war damals auch Olaf Janßen im Gespräch. Dem 46-jährigen Kölner, zurzeit Co-Trainer von Berti Vogts in Aserbaidschan, wurde die Aufgabe aber wegen mangelnder Erfahrung als Chefcoach dann doch nicht zugetraut. Ob er im neuen Auswahlverfahren zu den Kandidaten gehört, ist eher fraglich. Es heißt aus Vereinskreisen, neue Namen seien im Spiel. Und man wolle sich mit der Entscheidung Zeit lassen.