merken
PLUS Niesky

Neiße-Paddeln ist der Sommer-Hit

Überall am Grenzfluss ist die Nachfrage riesig, es wird die beste Saison. Nur das Wetter macht mitunter einen Strich durch die Rechnung.

Mit Tempo über die Strudel am Wehr von Rothenburg - der Höhepunkt einer Schlauchboottour von Deschka nach Rothenburg.
Mit Tempo über die Strudel am Wehr von Rothenburg - der Höhepunkt einer Schlauchboottour von Deschka nach Rothenburg. © Archivfoto: Rolf Ullmann

Vor ein paar Tagen an der Görlitzer Altstadtbrücke:  Die Polizei kommt angefahren, ein Krankenwagen ist da, sogar Rettungsboote werden angebracht. Das Schlimmste steht zu befürchten.

Doch dann klärt sich alles ganz schnell auf: Ein Passant hatte die Rettungskräfte alarmiert. Ein Schlauchboot von "Boats & Friends" war allem Anschein nach am Wehr hängengeblieben. Die Passagiere befänden sich in Seenot, vermutete der Mann. Doch: Blinder Alarm! Die Ausflügler machten ihr Gefährt frei und paddelten weiter flussabwärts die Neiße hinunter. 

Anzeige
Görlitz zapft an!
Görlitz zapft an!

München muss pausieren, Görlitz feiert: Am 2. und 3. Oktober steigt im L2 Club die Premiere des Görlitzer Oktoberfestes!

Von dem Vorfall hat Stefan Menzel noch nicht mal etwas mitbekommen. "Aber ja", schmunzelt er. "Manchmal kommt es vor, dass die Boote aufsetzen." Der Geschäftsführer, der unter anderem auch den roten Görliwood-Doppelstockbus durch die Stadt schickt, weiß natürlich, dass die Besucher etwas Besonderes erleben wollen. Gefahr zu kentern bestehe deshalb aber nicht. Die Boote seien sehr flach. Und: "Wir hatten erst vor ein paar Tagen jemanden von der Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH hier. Da bekamen wir bestätigt, dass nichts daran gefährlich ist."

Görlitzer Schlauchboote fast immer ausgebucht

Das sehen offenbar auch die Gäste so, die ganz verrückt nach einer Fahrt auf dem Grenzfluss sind. "Unsere Firma gibt es erst seit vergangenem Jahr. Aber was ich hier momentan erlebe, ist schon toll", findet Menzel. 30 der markanten gelben Boote mit dem Schriftzug "Boats & Friends" hat er im Einsatz. Der Großteil davon ist regelmäßig ausgebucht. Vor allem an den Wochenenden ist kaum noch ein freies Boot zu bekommen. "Unter der Woche ist zwar ein bisschen weniger los. Aber wir registrieren deutlich mehr Anfragen als früher", erzählt der Görlitzer. Nach kurzem Überlegen lässt er seiner Freude dann freien Lauf: "Es ist schon krass, was hier am Telefon und übers Internet abgeht."

Im Schlauchboot die Skyline von Görlitz genießen. Immer mehr Besucher der Neißestadt nutzen diese Chance.
Im Schlauchboot die Skyline von Görlitz genießen. Immer mehr Besucher der Neißestadt nutzen diese Chance. © BDXMEDIA.DE

Gebucht wird nahezu alles aus dem aktuellen Angebot. Die kürzere, etwa zwei Stunden lange Route führt vom Hauptquartier in Altstadthöhe bis nach Ludwigsdorf. Von Görlitz-Weinhübel aus bis zum Firmensitz dauert es rund drei Stunden. "Überall hier gibt es wunderbare Natur. Und auch die Schönheit unserer Stadt kann man vom Fluss aus erleben", schwärmt Menzel. Als Kunden hat er ein gemischtes Publikum ausgemacht - etwa je zur Hälfte Deutsche und Polen. "Familien, Freunde, Firmen und Gruppen - die meisten nutzen unsere Pakete." Das bedeutet: Team-Challenge auf der Neiße und oft noch anschließendes Grillen. Mit dem hitzebedingt niedrigen Wasserstand gab es bis jetzt noch keine Probleme. "Wir haben hier nur ganz wenige flache Stellen, über die das Boot dann geschoben werden muss."

Fast noch euphorischer mit seiner Einschätzung ist Tino Kittner. "Wir erleben eines unserer besten Jahre, wenn es nicht gar das allerbeste ist", sagt der Geschäftsführer von Neiße-Tours in Rothenburg. Es sei unglaublich, was sich seit der Lockerung der Corona-Einschränkungen abspiele an und auf der Neiße. Nicht nur an den Wochenenden, auch wochentags - seine 70 Boote seien fast immer belegt. "Im März, April war ich noch recht skeptisch. Aber seitdem hat sich das Gegenteil eingestellt. Statt Däumchen drehen heißt es jetzt richtig schuften. Manchmal wissen wir gar nicht, wie wir die Nachfrage befriedigen sollen."

Dresdner und Cottbuser paddeln in Rothenburg

Den Wegfall von Klassen- und Firmenfahrten haben Interessenten - meist Familien - vor allem aus dem Dresdner und Cottbuser Raum längst wettgemacht. "Wir haben dort auch ordentlich in Werbung investiert. Aber das zahlt sich jetzt aus", ist der Firmenchef froh, dass seine Strategie nun Früchte trägt. Bei Neiße-Tours macht es offenbar das Komplettpaket aus Paddeln, Zelt- und Campingplatz, Taverne und Pension. "Wer einmal bei uns sein Zelt aufgeschlagen hat, der will auch aufs Wasser. Das ist eine Symbiose, die funktioniert absolut."

Vor allem die Strecke zwischen Deschka und Rothenburg ist bei den Gästen sehr beliebt. Da gibt es Stromschnellen und am Neißehafen schließlich noch den atemberaubenden "Ritt" übers Wehr. Aber auch neißeabwärts können sich Paddler in ihren Schlauchbooten weiter vergnügen. "Mit der 'Pension Winkelhof' in Sagar und der Firma 'Lausitz Kanu' in Forst haben wir einen sehr guten Draht", erklärt Kittner. Bei Mehrtagestouren stehe dann ein Bootswechsel in Bad Muskau an.

Rosemarie Engemann von der gleichnamigen Fleischerei hat trotz des Niedrigwassers im Hirschfelder Ortsteil Rosenthal gut Lachen. Für sie ist der Schlauchbootverleih nur ein Nebengeschäft.
Rosemarie Engemann von der gleichnamigen Fleischerei hat trotz des Niedrigwassers im Hirschfelder Ortsteil Rosenthal gut Lachen. Für sie ist der Schlauchbootverleih nur ein Nebengeschäft. © Archivfoto: Thomas Eichler

Weit weniger glücklich ist Rosemarie Engemann von der gleichnamigen Fleischerei in Hirschfelde, Ortsteil Rosenthal, die zugleich eine Schlauchboot-Ausleihe betreibt. Auch hier fehlt es zwar nicht an Interessenten, die meist auf dem Neißeradweg daherkommen, eine Bootstour starten und sich vom Endpunkt der Fahrt am Kloster St. Marienthal wieder zurück zum Ausgangspunkt bringen lassen wollen. Doch oft schon mussten Engemanns den Freizeitspaß absagen. "Wir haben vom Umweltamt die Auflage bekommen, dass der Pegelstand mindestens 135 Zentimeter betragen muss. Wenn er darunterliegt, dürfen wir nicht fahren." Und das kam in den zurückliegenden Wochen immer häufiger vor.

Niedrigwasser bremst das Paddeln in Rosenthal aus

"Der Mai ist noch gut gelaufen, auch der Juni", erzählt die Geschäftsinhaberin. "Aber ab dem Juli war es ziemlich trocken." Große Hoffnungen, dass sich die Lage bessert, hat sie nicht. "Wenn ich mir den August anschaue und das wenige, was da an Niederschlägen runterkam, ist das Niedrigwasser nicht verwunderlich." Und so müssen die 18 Boote wahrscheinlich weiter im Depot warten, bis es in der Neiße wieder stärker plätschert.

Den Grund für die so unterschiedliche Situation im Vergleich zu den Kollegen am Unterlauf des Grenzflusses sieht Rosemarie Engemann im Zustrom. "Außer der Mandau haben wir hier kaum nennenswerten Zulauf. Und da sieht es auch sehr dürftig mit Wasser aus." Neißeabwärts gebe es dagegen ein paar Flüsse mehr: Pließnitz, Wittig (Witka) und Rothwasser (Czerwona Woda). "Wir können nur hoffen, dass es im Herbst noch mal ein bisschen besser wird." In den Oktoberferien laufe die Saison dann aber aus.

Pro7 bringt am Sonntag, 23. August, ab 19.05 Uhr im Wissensmagazin "Galileo" einen Städtewettbewerb zwischen Görlitz und Bamberg. Gezeigt wird, welche der beiden Städte in Zeiten des coronabedingten Deutschlandtourismus attraktiver ist. Einige Szenen dazu wurden auch bei "Boats & Friends" und mit dem Görliwood-Bus gedreht.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Niesky