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Papierflieger schweben durch die Altstadt

Kultur. Mitten auf der Brüderstraße paukten Berliner Studenten am Wochenende Polnisch – als Teil einer Kunstaktion.

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Von Varinia Bernau

Mitten auf der Brüderstraße stehen graue Schultische und davor, an eine Metallleiter gebunden, die Tafel dazu. Die 13-jährige Jagoda in bunten Klamotten und mit wippendem Pferdeschwanz gibt die Lehrerin: „Ja mamna imie Jagoda“, sagt sie, in betont deutlicher Aussprache, zu ihren Schülern, die auf den Bänken lümmeln, Papierflieger werfen und einander an den Haaren ziehen. Wer sich mal meldet, dem schallt ein hämisches „Streber!“ entgegen.

Die meisten Schüler sind doppelt so alt wie ihre Lehrerin, die sichtlich Freude daran hat, sie zu maßregeln: Aufstehen, nach vorn – und dann die ganze Vokabelliste noch einmal herunter beten, ohne aufs Heft zu schauen!

Zum Schluss mussten sie also doch noch die Schulbank drücken, die zehn Studenten von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die die ganze Woche lang durch Görlitz gestreift waren, um sich inspirieren zu lassen. Ihre Mission: Leer stehende Orte dieser Stadt mit Kunst wieder zu beleben. Einige haben bereits Kreidezeichnungen an Häuserwänden hinterlassen, andere mit dem skurrilen Fahrrad, an dessen Gepäckträger ein Gartenstuhl samt Lampenschirm als Beifahrersitz baumelt, die Straßen mit Geklapper und Geschepper erfüllt.

Zum Abschluss nahmen sie am Sonnabend mitten in der Fußgängerzone Polnischunterricht und paukten all das, was sie die Woche über in Zgorzelec mit Händen und Füßen übersetzt hatten. Viele der Passanten bleiben stehen. Irritiert, amüsiert. Ein älterer Herr setzt sich sogar mal in die erste Reihe. Aber als er mit seiner Banknachbarin ein Schwätzchen beginnen will, schreitet Jagoda ein:„Würden Sie bitte weitergehen und den Unterricht nicht stören?!“

Die Görlitzer haben sich gegenüber der Künstlertruppe sehr neugierig gezeigt, nachgefragt, bilanziert der Hochschulprofessor Rainer W. Ernst. Viele Gespräche haben er und seine Schützlinge so führen können. „Wir sind besoffen von Eindrücken.“

Eine Postkartenserie wollen die Berliner hinterlassen – als Ergebnis dieser Woche und Auftakt des auf die kommenden vier Jahre angelegten Kunstprojekts „Neue Welten in alten Häusern“. Sebastian Wenger von der Galerie Entschleunigung hat die Künstler zur Rückkehr eingeladen: Jedem Einzelnen widmete er ein Boot aus Orangenschalen, verziert mit einer Funken sprühenden Wunderkerze, die er am späten Sonnabend auf die Neiße setzte.