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Paraden, Patzer, Piplica

Ihm passierte das wohl kurioseste Eigentor der Bundesliga-Geschichte. Jetzt ist der Kult-Torwart sogar bei der WM.

© Ronald Bonß

Von Sven Geisler

Die Haare hat er mit einer Plastikklemme zu einem Stummelschwanz gebunden; sie sind dünner geworden und die grauen Strähnen nicht zu übersehen. Aber sie abzuschneiden, kommt für Tomislav Piplica nicht infrage. Immer noch nicht. Mittlerweile ist er 45 und der Zopf nach wie vor sein Markenzeichen. Obwohl – oder gerade weil – er sich wegen der auffälligen Frisur einst den Weg in die kroatische Fußball-Nationalmannschaft verbaute.

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Tomislav Piplica war als Torwart von Energie Cottbus für seine Flugeinlagen berühmt wie berüchtigt. Hier klärt er vor Ulf Kirsten. Der Ex-Dynamo war für Bayer Leverkusen dreimal Bundesliga-Torschützenkönig.
Tomislav Piplica war als Torwart von Energie Cottbus für seine Flugeinlagen berühmt wie berüchtigt. Hier klärt er vor Ulf Kirsten. Der Ex-Dynamo war für Bayer Leverkusen dreimal Bundesliga-Torschützenkönig. © Archivfoto: AP

Der Torwart war mit dem jugoslawischen U20-Team 1987 Weltmeister geworden, die Generation mit Robert Prosinecki, Davor Šuker, Zvonimir Boban und Predrag Mijatovic galt als ein großes Versprechen auf eine erfolgreiche Epoche. „Zusammen hätten wir so dominant sein können wie es Spanien seit 2008 ist“, sagt Piplica. Doch dann zerfiel mit dem Balkankrieg erst das Land und danach die Mannschaft. Er konnte wählen: Kroatien oder Bosnien, aber die Entscheidung nahm ihm der damalige kroatische Auswahltrainer ab. Piplica sollte sich die Haare abschneiden lassen.

Zeugwart bringt die falschen Sachen

Noch heute runzelt er fassungslos die Stirn. „Das ist doch keine seriöse Aussage, das konnte ich nicht ernst nehmen. Entweder ich habe die Qualität oder nicht.“ Von seinen Fähigkeiten schien jedoch auch Eduard Geyer nicht sofort überzeugt zu sein, was weniger am Zopf als vielmehr daran lag, dass Piplica so gar nicht dem Gardemaß für einen Torhüter entspricht. Als er im Sommer 1998 zum Probetraining bei Energie auftaucht, bringt ihm Zeugwart Hajo Prinz prompt das falsche Trikot. „Es war gleichzeitig ein Stürmer gekommen, zwei Meter groß. Dem gab Hajo die Torwart-Sachen. Wenn wir uns treffen, lachen wir jedes Mal über diese Verwechslung.“

Schmunzelnd erzählt Piplica, dass er sich anfangs sogar drei Zentimeter größer gemacht hat, also 1,85 Meter. Ede Geyer bleibt skeptisch, weshalb der Proband das Trainingscamp im österreichischen Linda-brunn nach drei Tagen verlassen will. „Mein Berater hat Ede Geyer dann gefragt: Wenn du von Anfang an nicht zufrieden bist, warum sollte er bleiben?“ Nach zwei Testspielen hatte Piplica den kritischen Trainer überzeugt – und stand fortan zehn Jahre im Tor von Energie, stieg mit den Lausitzern zweimal in die Bundesliga auf.

„Wir haben für kleines Geld, aber mit Riesenherz gespielt“, sagt Piplica. Dass sich Cottbus in der Eliteliga des deutschen Fußballs als rustikale Kämpfertruppe einen umstrittenen Ruf erwarb, kratzt ihn nicht. „Es hatte keiner damit gerechnet, dass so ein kleiner Verein, so eine kleine Stadt es in die Bundesliga schafft. Darauf bin ich stolz.“ Und was mangelnde technische Raffinesse betrifft: „Okay, wir haben vielleicht unattraktiven Fußball gespielt, aber mit viel Energie und Überzeugung.“

Vor dieser Leidenschaft der Cottbuser haben sie alle Respekt, auch den Bayern schlottern im Stadion der Freundschaft die Knie bei ihrem ersten Gastspiel am 14. Oktober 2000. Vilmos Sebök erzielt das Siegtor, Piplica bringt die Münchner zur Verzweiflung. „Das vergisst du nie.“ Trotzdem bleibt der Schlussmann mit den außergewöhnlichen Reflexen vor allem mit dem wohl kuriosesten Eigentor der Bundesliga-Geschichte in Erinnerung: Energie führt kurz vor Schluss gegen Mönchengladbach mit 2:1, ein harmloser Distanzschuss wird zur Bogenlampe abgefälscht, der Ball senkt sich so, dass ihn Piplica mit der sprichwörtlichen Mütze fangen könnte. Doch er steht wie festgenagelt, und so springt die Kugel von seinem Kopf ins eigene Tor.

Er winkt ab. „Menschen machen Fehler – im Leben wie im Fußball“, meint er und grinst. „Dann doch lieber einer, der Geschichte schreibt, als dass man ihn schnell vergisst.“ Geschichte schreibt Piplica auch als Trainer; nicht unbedingt beim FC Eilenburg, obwohl Platz zwei in der Sachsenliga für seine junge Truppe sensationell ist. Hauptberuflich ist er Torwart- und Assistenzcoach der Nationalelf von Bosnien-Herzegowina, die sich zum ersten Mal für die Weltmeisterschaft qualifiziert hat. „Wer unsere schwierigen Bedingungen kennt, muss erst recht sagen: Hut ab!“

In der Nacht zum Montag beginnt das Abenteuer in der Gruppe F und das gleich im Maracanã in Rio de Janeiro gegen seinen WM-Favoriten: Argentinien. „Die spielen sehr schnell, sehr aggressiv nach vorn, sind mit zwei, drei Kontakten am gegnerischen Strafraum.“ Im November haben sie ein Testspiel gegen die Gauchos mit 0:2 verloren. Aber wie einst mit Energie will Piplica mit Bosnien die Großen ärgern, auch wenn hinter den eigenen Stars wie Edin Dzeko, Vedad Ibisevic, Sejad Salihovic und Zvjezdan Misimovic die Breite fehle. „Wenn zwei verletzt sind oder schlechte Laune haben, wird es schon eng“, sagt Piplica mit einem Augenzwinkern.

Mit Nigeria und dem Iran kämpft WM-Debütant Bosnien um den Einzug ins Achtelfinale. Vorfreude, Aufregung – es sei von allem ein bisschen. Vor allem aber werde es eine völlig neue Erfahrung. „Wir sind zum ersten Mal mindestens 45 Tage ohne unsere Familien zusammen. Das kennen unsere Spieler nicht, und das müssen sie erst einmal verkraften“, meint Piplica, der nach der Absage für Kroatien noch zehn Länderspiele für Bosnien bestreiten durfte.

Mit dem Ende seiner Profikarriere 2009 wechselte er bei Energie nahtlos in den Trainerstab. Doch nach drei Jahren wurde sein Vertrag nicht verlängert. Piplica zog mit Frau Ada, Tochter Eva-Karmela (17 Jahre) und Sohn Zak-Paulo (12) nach Leipzig – wegen des guten sächsischen Schulsystems, wie er erklärt, und weil ein Flughafen in der Nähe ist für die Reisen zur Nationalmannschaft.

Comeback mit 43

Diese Aufgabe hat für ihn Priorität, auch wenn er weiß, dass es deshalb schwierig wird, einen Job bei einem höherklassigen Verein zu finden. Er arbeitete als Torwart-Trainer in Jena, als Sportdirektor in Torgau, bis sich in Eilenburg der Torhüter verletzte. Präsident Uwe Bergfeld hatte zufällig gerade einen Artikel über Kult-Keeper Piplica gelesen und dachte sich: Fragen kann man ja mal. „Ich war zuerst gar nicht begeistert, habe ihm fünf-, sechsmal abgesagt. Aber er hat mich immer wieder angerufen, deshalb habe ich gemerkt: Er brennt für die Sache.“ Also tagte der Familienrat, und schließlich stellte er sich selbst die Frage: „Warum solltest du alte Herren spielen, wenn du dich dafür zu jung fühlst?“

Mit 43 gibt Piplica sein Comeback in der sechsten Liga, bestreitet noch rund 30 Spiele. Inzwischen hält sich Eilenburgs Chefcoach nur noch als Ersatzmann bereit, aber so, wie er am Spielfeldrand mitgeht, könnte er jederzeit einspringen.