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Großenhain

Parklust, Poesie und Politik

Das 9. Erlebnisfest der Sinne, neun Jahre nach dem Tornado, ließ Hunderte Besucher durch den lauschigen Stadtpark schlendern. 

Kilian Forster (r.) und Christian von Richthofen machten bei „Autoauto“ auf einem Peugeot erst Musik, bevor sie ihn genüsslich rhythmisch zerlegten.
Kilian Forster (r.) und Christian von Richthofen machten bei „Autoauto“ auf einem Peugeot erst Musik, bevor sie ihn genüsslich rhythmisch zerlegten. © Anne Hübschmann

Großenhain. Haben Sie schon einmal ein Glaubensbekenntnis mit Vollgas gehört? Am Freitagabend war das bei der Autoauto-Show der Jazztage Dresden möglich. Zwei Herren im Smoking zertrümmerten auf der Hauptbühne einen blauen Peugeot „Shisha E“. Weil die Show kürzlich auch zum Bachfest in Leipzig gelaufen ist, kann man sich denken, dass es vorrangig um Musik geht. Und tatsächlich verstand es Christian von Richthofen – ein entfernter Verwandter des Roten Barons, Fliegerass Manfred von Richthofen – verblüffend, das Auto als Schlagzeug zu nutzen, während Bassist Kilian Forster auf dem Dach Handstand machte. Als beide schließlich mit dem Vorschlaghammer zu Walzerklängen dem Fahrzeug den Rest gaben, rief jemand aus dem Publikum: „Das ist ja wie auf dem Semperopernball.“ Tatsächlich waren da auch Besucher, denen das nicht gefiel. Eine noch größere Herausforderung wurde der Film im Anschluss. Bei „10 Milliarden“ geht es um die Welternährung der Zukunft. Da hielten nur noch Wenige bis zum Schluss durch, und die Gastroanbieter an der Hauptbühne hatten ein bisschen das Nachsehen. Nur einer war zufrieden: Peter Philipp von Riesaer Blue Water. Er bot in Kräuterbutter geröstete Heuschrecken mit Nussgeschmack an. Der Vorrat war in Windeseile ausverkauft.

Cornelia Fischer an ihren Ausgrabungen auf dem Kunstpfad. Hier der Plastikmann „de Saxe“.
Cornelia Fischer an ihren Ausgrabungen auf dem Kunstpfad. Hier der Plastikmann „de Saxe“. ©  Anne Hübschmann

Ein Gramm Glück kann durchaus auch Musik sein. Das zeigten drei Männer der gleichnamigen Band, die die Kunstführungen von Angelina Vollenweider begleiteten. Drei Mal täglich zog der kleine Tross durch den Park zu sieben Objekten, die zum Thema „Ein Sturm weht vom Paradiese her“ entstanden waren. Fand so mancher das Motto anfang ziemlich abstrakt, sagte eine ältere Frau am Schluss: „Jetzt kann ich mir besser vorstellen, was das mit uns zu tun hat.“ Interesse weckte der Homo sapiens de Saxe, den Cornelia Fischer vergraben hat – neben vielen Kleinigkeiten, die Kinder ausbuddeln konnten. Am Parkteich ließ Silke Rath aus Hamburg nach und nach 14 Gelatineplatten im Wasser verschwinden. „Vieles ist nicht von Bestand, was wir doch so wertvoll finden“, meinte sie und sprach von Handys oder Flachbildschirmen. Besser sei es, die Lebenszeit zu genießen. Die Künstlerin machte es vor, ihr Badeanzug hing zum Trocknen auf einer Parkbank.

Die gesunde Drittelstunde
Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Herrlich chillen konnten die Besucher im „Strogaland“, eingerichtet auf der Streuobstwiese vom Stroga Festival e. V. Hierher zog es auch Ältere.
Herrlich chillen konnten die Besucher im „Strogaland“, eingerichtet auf der Streuobstwiese vom Stroga Festival e. V. Hierher zog es auch Ältere. ©  Anne Hübschmann

Kinder und Jugendliche hatten ihren Spaß vor allem rund um die Mückenschänke. Hier lockte neben dem Handwerkerdorf der Bus Adventure-Rooms. „In 25 Minuten muss man den Ausgang gefunden haben“, sagte Mitarbeiter René Viol. Wer`s nicht schaffte, wurde trotzdem herausgelassen. Zahlreiche Vereine, von der Bücherei bis zum Kneippverein, von der Diakonie bis zu Kleinhayn, boten Mitmachaktivitäten. Dicht umringt war auch Hugo, der Roboter, bei dem alle Kinder große Augen machten. Wie kann er ihre Fragen beantworten? Wer Joscha, den Mann mit dem Steuerpult im Hintergrund entdeckte, wusste wie. Technisch ging es zudem im Strogaland auf der Streuobstwiese zu. Hier baute sich auch Konrad (12) aus Dresden einen kleinen Synthesizer. Andere versuchten sich im Techno-Workshop bei DJ György de Val. An die 40 Helfer hatte der Stroga e. V. mobilisiert, um einen chilligen Platz zu bespielen. Einen Cocktail aus regionalen Zutaten auf einem originellen Sitzmöbel zu schlürfen, das fand viele Interessenten. Leucht-Lampen und LED-Platten machten Strogaland vor allem am Abend zum Anziehungspunkt.

Doch auch hier war es politisch: Mit einem authentischen Rückblick auf Großenhains Subkultur und dem Film über iranische DJs, die es mit dem Staat zu tun kriegen. Ein Licht aufgegangen ist allen dann am Sonnabendabend bei der traditionellen Illumination. 20 Jugendliche der Jungen Gemeinde rund um Michael Berg ließen in liebevoller Kleinarbeit ein Meer aus Kerzen entstehen, das wieder alle begeisterte. Auch zwischen den Röderbrücken brannten Fackeln – doch die Feuerwehr ließ nichts anbrennen.