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Neues Gesetz bringt Fotografen in Not

Passbilder sind das Hauptgeschäft von Steffen Gutschow. Damit er die weiter machen kann, musste er viel investieren.

30.06.2020 , Foto: Dietmar Thomas , Waldheim Fotograf Steffen Gutschow zum Thema Passbilder , Passfotos
30.06.2020 , Foto: Dietmar Thomas , Waldheim Fotograf Steffen Gutschow zum Thema Passbilder , Passfotos © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Ein großer Mann mittleren Alters betritt das Fotostudio von Steffen Gutschow in Waldheim. Er benötigt Passbilder für den Führerschein. Der Fotograf positioniert seinen Kunden vor aufgestellten Scheinwerfern. „Mund zu, Kopf runter, in die Kamera schauen.“ Die Ansagen sind kurz und knapp, aber eindeutig. Innerhalb weniger Sekunden ist das perfekte Bild im Kasten. Nach wenigen Minuten der Auftrag erledigt, der Kunde hat bezahlt und den Laden wieder verlassen. 

Es sind Aufträge wie dieser, die Steffen Gutschow über Wasser halten. Mit denen der leidenschaftliche Fotograf seinen Lebensunterhalt finanziert. Damit er dem Beruf auch zukünftig nachgehen kann, musste der 56-Jährige jetzt tief in die Tasche greifen. Und sich eine aufwendige, teure, neue Fototechnik anschaffen. Denn nur mit dieser kann Gutschow in Zukunft auch weiterhin Passbilder für die Behörden erstellen. Die Bilder sollen in Zukunft nur noch auf digitalem Weg zur Behörde gelangen. Das zumindest sieht der Entwurf des Gesetzes zur Stärkung der Sicherheit im Pass-, Ausweis und ausländerrechtlichem Dokumentenwesen vor. 

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Schutz vor manipulierten Bildern

Hintergrund ist ein Mehr an Sicherheit. Denn Passbilder können manipuliert werden. Möglich ist dies zum Beispiel, in dem Bilder von Gesichtern mehrerer Personen in einem Programm übereinander gelegt werden. Die Rede ist dann vom sogenannten „Morphing“. 

„Ist ein Pass mit einem solchen manipulierten Lichtbild hergestellt, kann nicht nur der Passinhaber, sondern unter Umständen auch eine dritte Person, deren Gesichtszüge im Passbild enthalten sind, den Pass zum Grenzübertritt nutzen“, heißt es in dem Gesetzesentwurf. Die Funktion der Identitätskontrolle des Passes sei damit im Kern bedroht. Im Nachhinein sei es nicht möglich, die Manipulation zuverlässig zu erkennen. 

In einem ersten Entwurf des Gesetzes sollten die Passbilder nur noch direkt vor Ort in den Bürgerbüros angefertigt werden können. Dort sollten dann Automaten diese Aufgabe übernehmen. Für Steffen Gutschow und zahlreiche andere Fotografen wäre das das Aus gewesen. Denn die Passbilder sind nach wie vor sein Hauptgeschäft. Und das läuft sogar jetzt während der Corona-Krise, in der viele andere Aufträge wie beispielsweise für Hochzeiten weggefallen sind. Selbst seine Öffnungszeiten hat Gutschow denen der Behörden angepasst, um den Nachfragen nachzukommen. Kunden aus Waldheim, aber auch aus Leisnig, Hartha und darüber hinaus kommen dafür zu ihm ins Studio.

Ab 1. Mai 2025 nur noch digitale Passbilder

Weil immer mehr Fotografen auf die weitreichenden, geschäftsschädigenden Folgen des Gesetzes hingewiesen haben, hat die Bundesregierung nachgebessert. Nun soll es weiterhin möglich sein, die Bilder beim Fotografen anfertigen zu lassen. Allerdings sollen die Fotos voraussichtlich ab 1. Mai 2025 nur noch digital übermittelt werden. Bis jetzt erhalten die meisten Kunden ihre Bilder noch als Ausdruck in die Hand, oft als Set mit einem großen Bild dazu. Die Aufnahmen müssen dann allerdings zur weiteren Bearbeitung in den Behörden wieder eingescannt werden.

Mit der ausschließlich digitalen Übermittlung fällt dieser Zwischenschritt in Zukunft weg und, wenn ein manipuliertes Bild auftauchen sollte, könnte dessen Ursprung besser nachvollzogen werden. Doch die Fotografen benötigen dafür eine neue Technik. Und diese hat ihren Preis. „Ich bin jetzt 56 Jahre alt. Ich hatte gedacht, ich komme mit dem alten System bis zur Rente. Aber das geht nicht“, sagt Steffen Gutschow, der im November sein 30-Jähriges als Fotograf feiert. Zum Glück hatte er die finanzielle Rücklage, um in die Technik investieren zu können. Kurz vor dem coronabedingten Lockdown im März habe er das Gerät bekommen. Und schon jetzt habe er einige positive Erfahrungen damit gemacht.

Die zahlreichen Zwischenschritte zwischen der Aufnahme des Bildes und dem Ausdrucken fallen weg beziehungsweise werden vereinfacht. Statt alles händisch mit einem Bildbearbeitungsprogramm am Computer anzupassen, ist das Passbild nun nach wenigen Schritten fertig. Der Kunde kann nach gut fünf Minuten das Geschäft wieder verlassen. Vorher hat es fast doppelt so lang gedauert, bis alles im Kasten war. Aber noch gibt Steffen Gutschow die Passbilder als Ausdruck mit. 

Behörden warten auf fertiges Gesetz

Schon jetzt könnte er die Bilder digital den Ämtern zukommen lassen, über ein besonders gesichertes De-Mail-Postfach. Dann müssten aber auch die Behörden ein solches Postfach nutzen, um die Bilder empfangen zu können. Doch bisher habe er diese Option noch nicht genutzt, sagt der Waldheimer. In Zukunft soll die Übertragung mittels eines Zusatzmoduls zu seinem neuen Fototower aus erfolgen. Doch der fehlt Gutschow im Moment noch. Denn solange das Gesetz noch nicht verabschiedet ist, kann auf dem Gerät auch nicht die nötige Software aufgespielt werden.

Und auch die meisten Bürgerbüros in der Region haben sich mit dem Thema noch nicht befasst. „Gegenwärtig ist eine digitale Übermittlung von Passfotos noch nicht möglich“, sagte Andrea Kettner, die Leiterin des Bürgerbüros in Waldheim. Sobald das Gesetz durch den Bundestag verabschiedet worden sei, würden der Verfahrenshersteller (HSH) sowie das Rechenzentrum der Stadtverwaltung (KISA) den Kommunen entsprechende Möglichkeiten anbieten und mit dem Bürgerbüro eine bürgerfreundliche Lösung finden, äußerte sich Andrea Kettner.

„Der Entwurf des Gesetzes wurde von der Bundesregierung am 3. Juni beschlossen und dem Bundestag zur Beratung und Verabschiedung zugeleitet“, weiß Harthas Bürgermeister Ronald Kunze (parteilos). Solange das Gesetz noch nicht verabschiedet sei und ein Termin für das in Kraft treten feststehe, solange würden die Bürger für die Passbilder weiter an Fotografen verwiesen. Aus Döbeln sagte Stadtsprecher Thomas Mettcher: „Derzeit gibt es noch viele offene Fragen, die einer Klärung bedürfen. Wenn diese geklärt sind, werden wir uns mit einer Umsetzung beschäftigen.“

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