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Paten für Stolpersteine gesucht

Drei kleine Messingplatten erinnern an eine jüdische Familie in Bischofswerda – und an ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte.

© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch

Bischofswerda. Die drei Steine auf einem Fußweg in Bischofswerda, jeder so groß wie ein Pflasterstein, fallen kaum auf. Als sie im Sommer 2015 verlegt wurden, glänzten sie goldfarben. Seitdem dunkelte das Messing nach. Jetzt sind die Steine so grau wie der Asphalt, in den sie eingelassen wurden. „Hier wohnte Samuel Hoffmann“, ist auf einem der Beschläge zu lesen. Jahrgang 1876. Deportiert nach Theresienstadt 1942. Freigekommen am 5. Februar 1945.

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Hier, das ist ein Mietshaus an der Bischofsstraße. Bis zum Jahr 1942 lebte darin die Bischofswerdaer Kaufmannsfamilie Hoffmann. Die drei Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig verlegte, erinnern an Samuel Hoffmann, dessen Frau Friderike und die Tochter Hella. Dem Burkauer Lehrer und Heimatforscher Mathias Hüsni ist es zu danken, dass es die Stolpersteine auch in Bischofswerda gibt. Er hatte den Kontakt zu Gunter Demnig hergestellt und bei der Stadt erfolgreich für die Zustimmung und einen Zuschuss geworben.

Er komme oft an diesem Haus vorbei, berichtet Mathias Hüsni. Für ihn sei es jedes Mal eine Genugtuung, sagt er, dass die Steine mit den Namen der jüdischen Familie dort liegen. „Wir haben leider keine Fotos von der Familie. Die Nazis haben es geschafft, dass sie heute gesichtslos sind. Aber dank der Stolpersteine können die Hoffmanns nicht mehr in Vergessenheit geraten“, sagt er. Das 1992 von Gunter Demnig gestartete Projekt gilt mit fast 70 000 Steinen (Stand August 2018) in 1 265 Kommunen Deutschlands und in 21 weiteren Staaten Europas als größtes dezentrales Mahnmal der Welt. Mathias Hüsni, der unter anderem Ethik unterrichtet, war es wichtig, dass auch Bischofswerda mit dabei ist. Auch mit Blick auf nachwachsende Generationen. „Das Fehlen eines Stadtmuseums als ein Zentrum der Bildung macht sich bemerkbar“, sagt er.

In Bischofswerda gibt es nur wenige Spuren jüdischen Lebens. Seit 1880 (frühere Zahlen liegen nicht vor) lag die Zahl jüdischer Einwohner stets unter zehn. Trotzdem gibt es auch hier dunkle Punkte und erschütternde Schicksale. Wie das der Familie Hoffmann. Samuel Hoffmann hatte seit 1910 ein Textilwarengeschäft an der Dresdner Straße 3. Seine Tochter Hella war liiert mit einem später in Kamenz führenden Nazi. Gleich nach dem Machtantritt Hitlers, also schon 1933, emigrierte sie nach Brasilien. Ob sie der Karriere ihres Mannes im Wege stand oder ob dieser ahnte, was sie erwarten würde und er ihr Leben retten wollte, ist unbekannt. Die Eltern blieben in Bischofswerda zurück. Die Tochter schrieb ihnen regelmäßig, und stolz zeigte der Vater den Nachbarn Bilder von ihr aus dem südamerikanischen Land. Warum die Eltern der Tochter nicht folgten, weiß keiner mehr zu sagen.

Nach Theresienstadt deportiert

Wie alle Juden in Deutschland erlitten die Hoffmanns in den 1930er-Jahren schwere Repressalien. Mit Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze 1935 wandelte sich die Situation für sie grundlegend. In den Folgejahren wurden sie enteignet, entrechtet, mussten an der Jacke den „Judenstern“ und in ihrem Namen den Zusatz „Israel“ bzw. „Sarah“ tragen. Als die Hoffmanns dann im Krieg wie alle Juden in Deutschland keine Lebensmittelzuteilungen mehr bekamen, steckte der eine oder andere ihnen etwas zu, bis sie 1942 am helllichten Tag abgeholt und in das Ghetto Theresienstadt gebracht wurden. Dort verliert sich die Spur von Friderike Hoffmann. Geschichtsforscher gehen davon aus, dass sie den Völkermord an den Juden nicht überlebte. „Schicksal unbekannt“, steht jetzt auf dem Stolperstein vor ihrem einstigen Wohnhaus.

Samuel Hoffmann wurde in Theresienstadt von einem Wachmann mit einem Gewehrkolben geschlagen – so stark, dass sein Gesicht für den Rest seines Lebens von den Narben schwer gezeichnet war. Anfang 1945 wurde er vom Schweizer Roten Kreuz freigekauft und konnte in das Alpenland ausreisen. Nach dem Krieg kehrte er nach Bischofswerda zurück und zog 1947 nach Dresden um.

Ein anderes Schicksal ist das der Erbin Kiebitz. Die Eltern hatten auf der Wallgasse eine kleine Blumenfabrik. Die schöne und elegante Tochter heiratete Max Lehmann, den Besitzer der Schuhfabrik in Goldbach. Sie bauten sich an der Dresdner Straße in der Nähe ihrer Firma ein Haus. Als die Repressalien gegen die Juden begannen, schützte sie ihr deutscher Mann weitgehendst. In der Zeit nach 1941, als immer mehr Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden, begann er, seine Frau ständig zwischen der Goldbacher Firma und seiner Zweitfirma in Glashütte pendeln zu lassen. So gelang es ihm, sie über die gefährliche Zeit zu retten.

Ganz anders verlief das Leben von Fräulein Sonnenthal. Sie betrieb einen Kostümverleih an der Neustädter Straße. Als sie wegen des Gewerbeverbots für Juden den Verleih schließen musste, stand sie ohne Einkommen da. Einige Bischofswerdaer gaben ihr heimlich Arbeit, etwa das Nähen von Faschingskostümen für Kinder. Da sie allein stehend und kränklich war, kümmerten sich im Alter Schwestern aus dem evangelischen Altenheim um sie.

Die Stolpersteine an der Bischofsstraße laden ein, über Vergangenes nachzudenken. Dafür aber sollten sie stärker in den Blickpunkt rücken, auch optisch. Dass das Messing an Glanz verloren hat, ist ein ganz normaler chemischer Prozess. „Die Steine lassen sich polieren. Dann glänzen sie wieder wie neu“, sagt Mathias Hüsni. Und er regt an, dass beispielsweise eine Schulklasse eine Patenschaft übernehmen und die Gedenksteine pflegen könnte. Auch so lässt sich Geschichte an junge Leute herantragen. In Demitz machte man vor Jahren gute Erfahrungen damit. Im Rahmen des Programmes „Pegasus – Schulen adoptieren Denkmäler“ kümmerten sich Grundschüler zwei Jahre lang um zwei Denkmale im Ort und bekamen dafür einen Zuschuss von 500 Euro. Doch Initiative braucht nicht unbedingt ein Förderprogramm. Besser ist, wenn sie von der Basis her wächst.

Quellen: Juden in der Oberlausitz, Lusatia Verlag 1998 und Heidrun Schäfer „Nur mit Hilfe der Nachbarn überlebt“, SZ vom 27. Januar 2001