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"Pegida hat eigentlich keinen Zweck mehr"

Im Zeit-Interview berichtet unser Polizei- und Gerichtsreporter Alexander Schneider von seinen Erfahrungen bei Pegida und spricht von "sektenhaften Zügen".

Alle zwei Wochen versammelt sich Pegida noch montags in der Altstadt. Immer dabei:  Unser Polizei- und Gerichtsreporter Alexander Schneider.
Alle zwei Wochen versammelt sich Pegida noch montags in der Altstadt. Immer dabei: Unser Polizei- und Gerichtsreporter Alexander Schneider. © Symbolbild: dpa

Er war von Anfang an dabei: Alexander Schneider, langjähriger Polizei- und Gerichtsreporter für die Sächsische Zeitung in Dresden, berichtet seit Entstehen der Organisation vor fast fünf Jahren über Pegida. Etwa 150 der bisher 191 Kundgebungen hat er beobachtet – so viele wie kaum ein anderer Journalist.

Das nahm Zeit Online zum Anlass, unseren Reporter zum Thema zu befragen. Das Interview führte Doreen Reinhard, freie Journalistin aus Dresden, die unter anderem auch für die Sächsische Zeitung und Sächsische.de schreibt.

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Polizei- und Gerichtsreporter Alexander Schneider. 
Polizei- und Gerichtsreporter Alexander Schneider.  © Sven Ellger

Schneider berichtet im Interview von den momentanen Pegida-Demonstrationen in Dresden, ein harter Kern von etwa 1.000 Anhängern, die sich im Sommer jeden zweiten Montag treffen. "Die Ereignisse in Chemnitz vor einem Jahr waren eine Zäsur", erklärt Schneider. Dort hat die Pegida-Führung Seite an Seite mit AfD-Politikern demonstriert. "So öffentlich wurden diese Bündnisse noch nie gezeigt." Danach sei die AfD zumindest öffentlich wieder schnell auf Distanz gegangen. Laut Schneider treten seitdem keine  AfD-Politiker mehr bei Pegida auf.

Auf Nachfrage, ob Pegida nicht ein "Haufen Nazis" sei, entgegnet Schneider: "Manche bezeichnen Pegida pauschal als Nazi-Bewegung, doch dafür ist die Menge zu diffus." Es seien Rechtsextremisten darunter, aber nicht nur. Oft sehe man dieselben Gesichter. "Andere gehen zum Kegeln, diese Leute gehen eben zu Pegida." 

Neben Paradiesvögeln wie einem Mann in Cowboy-Montur sehe Schneider auch viele gut situierte Leute, "60 plus, Rentner, die früher ordentliche Jobs hatten, heute in ihren Häuschen wohnen." Viele erzählten ihm, dass sie mit den Zuständen im Land nicht klar kämen und die Politik dafür verantwortlich machten.

Pegida-Forderungen sind inzwischen Politik

Viele der Forderungen, die Pegida einst aufgestellt hatte, darunter eine Verschärfung der Asylpolitik, seien auch durch die AfD längst in den politischen Alltag eingeflossen, hat Schneider beobachtet. "Neue Forderungen kommen von Pegida schon lange nicht mehr. Die Bewegung hat eigentlich keinen Zweck mehr."

Wie Pegida sich finanziere, sei für Journalisten noch immer ein Rätsel. "Es stehen bei den Kundgebungen Spendentonnen herum, da wird auch Geld eingeworfen, aber das kann nicht alles sein", so Schneider. Lutz Bachmann, der seit Mitte 2016 auf Teneriffa lebt und für die Kundgebungen nach Dresden fliegt, habe mal in einem seiner Gerichtsprozesse behauptet, er bekäme Spenden von Menschen, die Interesse an seiner politischen Arbeit hätten.

Eine Kundgebung von Pegida am 25.09.2017 auf dem Neumarkt in Dresden.
Eine Kundgebung von Pegida am 25.09.2017 auf dem Neumarkt in Dresden. © Paul Sander

Der Ton bei Pegida sei von Anfang an "hart, roh, abfällig" gewesen. Schneider: "Es gab Sprechchöre wie 'Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen', die man bis dahin nur von Rechtsextremisten hörte. Durch Pegida ist der Diskurs nach rechts gerückt." Plötzlich hätten Menschen auf der Straße menschenverachtende Dinge gesagt. Durch die AfD sehe man inzwischen bundesweit, dass heute anders gesprochen werde als vor fünf Jahren.

Schneider erklärt auch, warum die Sächsische Zeitung weiterhin die stark geschrumpften Pegida-Demonstrationen begleite: "Für uns ist es eine Chronistenpflicht. Früher sind viele Kollegen hingegangen, aber das hat nachgelassen. Ich bin übrig geblieben und ein Kollege, der mich seit zwei Jahren begleitet." Meist seien sie die einzigen Journalisten, nur manchmal kämen welche aus dem Ausland, "um sich das auch mal anzuschauen".

Sehnsucht nach Führerfiguren

Weil Pegida eine radikale Bewegung sei und dort auch Straftaten geschähen, müsse man die Versammlungen im Auge behalten. "Ich bin Polizei- und Gerichtsreporter und habe bei Pegida von Anfang an bekannte Gesichter gesehen. Leute, die in Hooligan-Prozessen und rechtsextremen Netzwerken auftauchten. Da zeigen sich Verbindungen." Inzwischen wird nur noch vermeldet, wenn etwas Polizeirelevantes passiert.

Schneider schildert auch seinen persönlichen Antrieb, Pegida zu beobachten: "Man sieht, wie sich dort Verhaltensweisen ändern. Dinge ins Kippen kommen, die unser Land eigentlich zusammenhalten." Er selbst stamme aus Bayern, lebe aber schon seit 27 Jahren im Osten. "Sicher, in Westdeutschland lief früher auch nicht alles toll. Aber ich finde, unser Land hat sich doch super entwickelt. Als dann noch die Einheit dazukam, das war ein Highlight für mich. Und jetzt sehe ich, wie es hier die Sehnsucht nach weniger Pluralismus, nach Führerfiguren, nach völkischer Politik gibt. Das macht mich fassungslos." 

Lutz Bachmann, Initiator und Mitbegründer von Pegida, während einer Pegida-Veranstaltung am 15.07.2019 in Dresden.
Lutz Bachmann, Initiator und Mitbegründer von Pegida, während einer Pegida-Veranstaltung am 15.07.2019 in Dresden. © Matthias Rietschel

Gewalt sei von Anfang an bei den Demonstrationen dabeigewesen, erzählt Schneider. "Von Seiten einiger Pegidisten und einiger Gegendemonstranten kamen anfangs schon mal Steine oder Böller geflogen." Seit Chemnitz habe etwa die Zahl von Hitlergrüßen gefühlt zugenommen. Das könne aber auch daran liegen, dass die Polizei seitdem genauer hinschaue. 

"Die Polizei würde sagen, dass es insgesamt eher friedliche Demonstrationen sind", sagt Schneider. "Wenn man die große Anzahl der Kundgebungen mit der Anzahl der Strafbestände verrechnet, stimmt das auch. Beim Dresdner Stadtfest passiert jedenfalls mehr. Man muss aber auch sagen: Beim Stadtfest werden keine Journalisten angegriffen. Bei Pegida passiert das schon mal." 

"Wir gehen zu zweit, um einen Zeugen zu haben"

Der Reporter ergreife selbst Vorsichtsmaßnahmen, um sich bei den Demonstrationen zu schützen: "Wir gehen auch deshalb zu zweit hin, um einen Zeugen zu haben, falls etwas passiert. Bei jeder Demo gehe ich beim Einsatzleiter vorbei, damit der mich mal gesehen hat. In den ersten Jahren habe ich immer das Gleiche angezogen, eine Jeansjacke, eine rote Hose, eine Kappe. Das war für mich eine Art Uniform, damit mich die Leute wiedererkennen und irgendwann wissen, dass ich der Journalist bin." Schneider wolle sich aber nicht abschotten, sondern mit den Menschen dort reden, Diskussionen, die sonst virtuell stattfinden, live führen. "Es ist mir auch ein Anliegen, als Journalist zu zeigen, wie wir unsere Arbeit machen. Als bei Pegida anfangs Zehntausende auf die Straße gingen, mussten wir doch damit rechnen, dass auch ein Großteil unserer Leser dabei war. Also auch meine Leser. Die will ich doch verstehen."

Im Laufe der Jahre habe er viele interessante Gespräche bei Pegida geführt, sagt Schneider. Er könne auch nachvollziehen, dass Menschen sich über die Politik ärgern. "Aber beim harten Kern von Pegida bringen Gespräche nicht mehr viel." Die Bewegung  habe inzwischen sektenhafte Züge, etwas Massensuggestives. "Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich vieles nicht verstehen werde. Als Westdeutscher doppelt nicht."

In anderen Städten, vor allem im Westen, sei Pegida nicht vorstellbar gewesen. "Ich lese viel zur Aufarbeitung der Wende, über Biografien, die hier nun mal oft völlig anders verlaufen sind als im Westen", erzählt Schneider. "Aber manches bleibt mir eben verschlossen, ich weiß nicht, wie sich das Leben in einer Diktatur angefühlt hat." 

Bei Pegida und der AfD werde ja oft beklagt, dass man heute vieles nicht mehr sagen dürfe. Schneider findet das unlogisch: "Heute kann doch alles gesagt werden. Pegida ist doch genau dafür ein Beispiel."

"So viele gottverdammte Montagabende"

Hätte er vorher gewusst, dass er "so viele gottverdammte Montagabende" zu Pegida gehen würde, hätte er damit wahrscheinlich nicht angefangen, gibt Schneider zu. "Es ist nicht vergnügungssteuerpflichtig." Er sei dünnhäutiger geworden, habe auch schon zu einem Kollegen gesagt: "Ich ertrage das nicht, wenn heute schon wieder die ewig gleichen Schimpftiraden kommen." Und: "Die Reden von Lutz Bachmann könnte ich inzwischen wahrscheinlich selbst halten, weil sich seine Textbausteine so sehr ähneln."

Schneider wird auch nach dem Gegenprotest zu Pegida gefragt. Den gebe es bis auf wenige kurze Pausen seit Ende 2014 immer, erzählt der Reporter. Oft nur 100 Leute, bei Anlässen wie Wahlen auch mal 200, 300. "Ich kriege zwar keinen Cent mehr, wenn ich zu Pegida gehe, aber ich mache meine Arbeit. Auch freiwillig, man muss mich nicht dazu zwingen. Aber diese Leute, die kriegen gar nichts. Die machen das aus reinem Engagement und Empathie."

Viele gäben sich richtig Mühe, schrieben Texte, veranstalteten Lesungen. "Aber das interessiert in dieser Stadt kaum jemanden. Die meisten Leute hetzen vorbei, wollen sich damit nicht auseinandersetzen. Manche rümpfen die Nase, auch über die Gegendemonstranten. Aber man kann wenigstens sagen, Pegida wird montags auch widersprochen."


Pegida-Anhänger und Gegendemonstranten während einer Pegida-Kundgebung am 28. Oktober 2017 auf dem Theaterplatz.
Pegida-Anhänger und Gegendemonstranten während einer Pegida-Kundgebung am 28. Oktober 2017 auf dem Theaterplatz. © Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild

Das Miteinander von Polizisten und Demonstranten habe sich eingespielt, berichtet Schneider. Er kenne die Kritik, dass es auch bei Polizisten Sympathien für Pegida und die AfD gäbe. "Ich bin da hin- und hergerissen. Es ist doch wie im richtigen Leben. Klar gibt es unter Polizisten auch Beifall für rechte Positionen und sicher auch Erklärungen dafür, warum es in diesem Beruf vielleicht sogar häufiger der Fall sein könnte. Aber ich erlebe auch viele andere Polizisten, die professionell sind in ihrem Job und tiefe Einblicke in die Szene haben."

Pegida könnte es länger geben als wir glauben, resümiert Schneider. "Wenn die AfD bei der Landtagswahl ein hohes Ergebnis erzielt, könnte das auch Pegida wieder Auftrieb geben." Oder es sei aus irgendeinem Grund von einem Tag auf den anderen doch endlich Schluss damit. "Mal sehen, wie lange ich es noch schaffe, montags dahin zu gehen."

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