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Pegida trifft Dynamo

Die Abendspaziergänge führen nicht nur am Dresdner Stadion vorbei, sie beschäftigen auch den Fußball-Drittligisten.

Von Christoph Ruf

Es passierte am vorletzten Montag, als noch niemand ahnen konnte, dass die nächste Demo aus Sicherheitsgründen abgesagt werden muss. „Immer mehr Menschen“ sollen nach Dresden kommen, forderte Kathrin Oertel am Mikrofon. Im nächsten Schritt werde man Pegida europaweit vernetzen. Da klatschten auch die muskulösen Jungs in den hinteren Reihen. Und ihre Kollegen, die gleich hinter die Bühne eilten, um sich letzte Instruktionen für den „Abendspaziergang“ abzuholen.

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Auch zwei Stunden später, bei der Abschlusskundgebung am Skaterpark, sicherten die Jungs fürs Grobe das Gelände. Etwa hundert Hooligans blickten immer wieder Richtung City. Manche erwartungsfroh, die meisten eher gelangweilt. Sie schienen zu ahnen, dass die Gegendemonstranten sich auch jetzt nicht allzu nah an die Pegida-Leute herantrauen werden.

Robert Schäfer weiß, dass die Hooliganszene ein integraler Bestandteil von Pegida ist. „Ein Fußballstadion bildet natürlich den Bevölkerungsdurchschnitt ab, das ist bei uns nicht anders.“ Der Geschäftsführer von Dynamo Dresden hat dann auch registriert, dass einige Kritiker von seinem Verein gerade deshalb ein deutliches Bekenntnis gegen Pegida fordern.

Ihnen hält er entgegen, dass genau das einem Sportverein gar nicht zustehe. „Wir müssen uns als Sportverein politisch neutral verhalten.“ Doch das bedeute nicht, dass sich Dynamo nicht positionieren dürfe. „Wir müssen auch unsere Werte als Sport hochhalten. Und das bedeutet, sich gegen Fremdenfeindlichkeit und für Vielfalt auszusprechen.“ Genau das tue man seit Jahren: „Erst im November ist unsere Mannschaft mit dem Schriftzug ,Love Dynamo, hate racism‘ aufgelaufen.“ Die vielen Dynamo-Schals bei Pegida-Demos sieht Schäfer auch nicht so gerne: „Wer mit unseren Fanutensilien auf eine Pegida-Demo geht und Mitglied ist, verstößt gegen unsere Satzung. Dafür müssen wir weiter sensibilisieren.“

Aus diesem Grund hat Dynamo auch Anfang Januar einen Aufruf unterzeichnet, in dem man sich zusammen mit den Eislöwen, den Dresden Monarchs, der Volleyballabteilung des Dresdner SC und dem Volleyballclub Dresden von rechts abzugrenzen versucht: „Die Dresdner Vereine setzen sich für Akzeptanz und Respekt sowie gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ein.“

Hunderte Hooligans sind dabei

Das klingt deutlich, wäre aber von einem Pegida-Aktivisten leicht zu kontern: Fremdenfeindlich ist man bei Pegida angeblich ja nicht. Außerdem heißt es: „Aus Sicht des Sports ist es wichtig, den berechtigten Interessen der Bürger zuzuhören, ihre Sorgen ernst zu nehmen (...) und in einen offenen und fairen Dialog einzutreten.“

Entsprechend groß ist der Protest in den sozialen Netzwerken, auch Dynamo-Fans sprechen davon, man könne die Formulierung als „Kumpanei“ mit Pegida auffassen. Dabei merkt man den Formulierungen eher an, dass die Verfasser vor allem eines nicht wollen: anecken. Nicht bei den Pegida-Gegnern, denen das klare Bekenntnis gegen Rassismus gefallen dürfte. Und nicht bei deren Unterstützern, die die „berechtigten Interessen“ gern zur Kenntnis genommen haben dürften.

Mindestens 500 Hooligans dürften an jenem Montagabend in Dresden gewesen sein, viele Beobachter sind sich einig: Es sind wohl eher mehr. Die meisten von ihnen kommen aus Sachsen, auch der Berliner FC Dynamo ist gut vertreten. Wenn die Organisatoren der „Hooligans gegen Salafisten“-Demos derzeit so zurückhaltend sind, liegt das – neben internem Zwist – auch daran, dass viele ihrer Aktivisten bei Pegida und den Ableger-Demos untergekommen sind: Auch in Leipzig waren starke Hooligan-Bastionen unterwegs.

Natürlich ist nicht jeder Hooligan ein Rechtsradikaler und natürlich gibt es auch unter ihnen einige, die inhaltlich zu dem eher gemäßigten „Positionspapier“ stehen, auf das sich die Pegida-Offiziellen gerne berufen. Doch auch bei der bisher letzten Demo in Dresden wird klar, dass viele von ihnen tief in der rechten Szene verwurzelt sind. Von den Hools geht an diesem Abend allerdings keine Gewalt aus.

Die Fußballschläger scheinen tief verinnerlicht zu haben, was die Pegida-Bosse den Demonstranten eingeschärft haben: Wenn es zu Gewalt kommt, schadet das der Bewegung. Dass das stimmt, wissen Hooligans spätestens seit der aus dem Ruder gelaufenen Hogesa-Großdemo in Köln, als sich die Bewegung durch ihre Gewaltexzesse selbst ins Abseits manövrierte.

Und so fügen sich die Freunde der dritten Halbzeit bestens ein in die Masse der Pegida-Teilnehmer, die mehrheitlich aus Rentnern und Ehepaaren mittleren Alters besteht. Die Fußball-Hools reden hingegen nicht mit der Presse. Sie winken höhnisch grinsend ab, wenn da wieder einer mit einem Mikrofon naht, schütteln den Kopf oder murmeln Verwünschungen vor sich hin. Einer, der gerade einer Reporterin sehr deutlich gesagt hat, dass sie sich „verpissen“ solle, feixt kurz darauf mit seinem Kumpel: „Was ich sagen würde, darf im deutschen Fernsehen eh nicht gesendet werden.“ Gesendet werden in der Regel nur O-Töne. Und die liefern die vermeintlichen Normal-Bürger.

Dass jeden Montag Hunderte Kameradschaftsaktivisten und andere Neonazis mitmarschieren, ist allerdings ebenfalls Teil der Wahrheit. „Thor Steinar“, „Erik and sons“ und andere in der rechten Szene beliebte Marken sieht man bei Pegida zuhauf; für die wasserstoffblonde Frau mit der „88“, die in der Szene für Heil Hitler steht, in einem Ährenkreuz auf der Jacke, darf die politische Message auch deutlicher sein. An diesen Leuten scheint hier aber keiner Anstoß zu nehmen.

Danilo Starosta von der „Fachstelle Jugendhilfe – Demokratiewerte gegen Rechtsextremismus“, gehört zu denen, die seit den Anfangstagen von Pegida zur Wachsamkeit mahnen. „Man muss Dynamo als Verein zugestehen, dass er in seinem Einflussbereich engagiert gegen Rassismus vorgeht“, sagt er.

In der Fankurve, dem K-Block, wo die Ultras das Sagen haben, habe es keine Mobilisierung für Pegida gegeben, betont Starosta. Die Meinungen über Pegida gehen in Dresden auseinander. Auch im Stadion.

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