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Pirna

Was wird ohne die tschechischen Pendler?

Arbeitskräfte aus dem Nachbarland sind für viele Betriebe wichtig. Für die meisten ist aber jetzt die Grenze zu. Firmen lassen sich etwas einfallen.

In der Asklepios-Sächsische-Schweiz-Klinik in Sebnitz sind 25 Mitarbeiter aus Tschechien beschäftigt.
In der Asklepios-Sächsische-Schweiz-Klinik in Sebnitz sind 25 Mitarbeiter aus Tschechien beschäftigt. © Daniel Schäfer

Roman Kotecký* ist verunsichert, weshalb er seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen will. „Ich bin seit Montag krank zu Hause bei Děčín, der Rücken“, sagt er. „Deshalb weiß ich noch gar nicht, wie es mit mir weitergeht.“ Wenn er am Freitag wieder gesund ist und auf Arbeit zur Baufirma nach Pirna fährt, muss er einen großen Koffer packen. Denn wie bisher nach der Schicht wieder heimfahren zu Frau und zwei Kindern, ist dann nicht mehr möglich. Die tschechische Regierung hat seit Donnerstag  die Grenze auch für Berufspendler geschlossen. Wer im Ausland arbeitet, muss dort für mindestens drei Wochen bleiben. Nach Rückkehr aus Deutschland wartet eine 14-tägige Quarantäne. Nur für Personal in medizinischen und sozialen Berufen sowie im Rettungsdienst wurde das Pendelverbot im letzten Moment wieder ausgesetzt.

„Unser Arbeitgeber soll uns eine Unterkunft besorgt haben, sagte mir ein Kollege. Die ist aber über eine Stunde weg vom Bauhof. Und wie die Firma unsere 14-tägige Quarantäne wegsteckt, ist mir auch noch nicht klar“, so Kotecký weiter.

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So wie Kotecký geht es vielen der mehr als 9.000 Einpendler aus Tschechien nach Sachsen. Sie müssen entscheiden, ob sie ihre Familie allein lassen, noch die Miete für eine zweite Wohnung stemmen oder im Ernstfall ihren Job aufgeben müssen. „Nach langem Hin und Her haben mein Partner und ich uns nun doch entschieden, zu Hause zu bleiben“, sagt Zuzana Petersenová aus Teplice. Sie arbeitet seit acht Jahren für einen Gebäudereiniger in Dresden, der Schulen und die Universität säubert. „Ich kann unsere Regierung sogar verstehen. Dass in Deutschland keine Mundschutzpflicht besteht, ist ein großes Problem und wohl auch der Auslöser für die Entscheidung“, sagt Petersenová. Erleichtert wurde ihre Entscheidung, zu Hause zu bleiben, durch die Zusage des Arbeitgebers, ihr Kurzarbeitsgeld zu zahlen und ihren Arbeitsplatz bis zu einem Jahr für sie frei zu halten.

Doch dieses Glück haben nicht alle. Und nicht jede Firma kann von heute auf morgen auf ihre Mitarbeiter verzichten. In einigen Branchen, wie der Gebäudereinigung, medizinischen Versorgung und Hotels und Gastronomie, aber auch der Post und dem Großhandel stellen Tschechinnen und Tschechen streckenweise schon über die Hälfte der Belegschaft einer Firma.

„Auch tschechische Arbeitnehmer haben Anspruch auf Kurzarbeitergeld, da sie ebenso in die Sozialkassen eingezahlt haben“, sagt Markus Schlimbach, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Sachsen. Für ihn offenbart die Entscheidung, die Grenzen auch für Pendler zu schließen, ein „kopfloses Agieren der tschechischen Regierung. Wenn Pendler jetzt in irgendwelchen Unterkünften unterkommen, ist die Ansteckungsgefahr viel höher“, sagt er. Für Arbeitgeber wie Beschäftigte sind die Folgen der Grenzschließung nicht absehbar. „Was ist mit der 14-tägigen Quarantäne? Greift das Infektionsschutzgesetz, über das Arbeitnehmer entschädigt werden?“, fragt Schlimbach.

Von der neuen Regelung betroffen sind auch rund 600 deutsche Auspendler nach Tschechien. Auch für sie gilt, dass sie mindestens drei Wochen in Tschechien bleiben müssen. „Nach der Rückkehr nach Deutschland können wir zwar keine Quarantäne verlangen. Aber sie dürfen ebenfalls erst nach 14 Tagen wieder nach Tschechien einreisen“, sagt ein Sprecher des tschechischen Innenministeriums. Gänzlich von Einschränkungen befreit bleiben Personen, die im internationalen Güterverkehr tätig sind.

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge arbeiten rund 2.300 Beschäftigte aus Tschechien und Polen, darunter 1.900 Grenzpendler, informiert die Arbeitsagentur Pirna. Vor allem für die Pendler aus Tschechien ändern sich die Bedingungen wegen der Corona-Epidemie drastisch. 

Bei der Krankenhausgesellschaft  Asklepios gibt es nach der Entscheidung, dass Angehörige des Gesundheits- und Rettungswesens doch weiter pendeln dürfen, großes Aufatmen. Im schlimmsten Fall wären so  25 Beschäftigte  der Asklepios-Kliniken in Sebnitz und Hohwald weggefallen. So viele Beschäftigte sind an beiden Standorten insgesamt in den Bereichen Medizin, Pflege, Reinigungsdienst und Küche beschäftigt. "Ihre Unterstützung ist immer und gerade jetzt wichtig für uns und ihr Ausfall stellt uns vor neue Herausforderungen", sagt Asklepios-Regionalgeschäftsführer Patrick Hilbrenner. 

Um die Ausfälle zu kompensieren, hätte die Klinik auf Honorarkräfte zurückgreifen müssen. Das hätte sich vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels schwierig gestaltet. Darüber hinaus hätte man die Abläufe neu strukturieren müssen. Nicht zuletzt auch weil die Kliniken nach den Vorgaben Kapazitäten für mögliche Coronapatienten freihalten muss. "Ein Rückgang des Personals generell reduziert natürlich die Kapazitäten der Betreuung, auch von möglichen Corona-Patienten, in unseren Häusern", sagt er. Was die tschechischen Mitarbeiter betrifft, hatten am Donnerstag einige geplant frei, andere Pflegekräfte sind da, einige Ärzte hatten durch das Dienstmodell ohnehin die Nacht in Sebnitz verbracht und zwei weitere Kollegen sind vorsorglich geblieben.

Die Mitarbeiter der Wäscherei Reichel in Dippoldiswalde, hier Daniel Gerlach, tragen inzwischen einen Mundschutz und Handschuhe. 35 ihrer Kollegen kommen aus Tschechien gependelt. 
Die Mitarbeiter der Wäscherei Reichel in Dippoldiswalde, hier Daniel Gerlach, tragen inzwischen einen Mundschutz und Handschuhe. 35 ihrer Kollegen kommen aus Tschechien gependelt.  © Egbert Kamprath

Die Wäscherei Reichel mit ihrem Hauptsitz in Dippoldiswalde und einem Zweigbetrieb in Schönfeld, einem Ortsteil von Thermalbad Wiesenbad, beschäftigt auch viele Mitarbeiter aus Tschechien. Die Belegschaft des Unternehmens ist schon seit Jahren international. Alleine an den Standort Dippoldiswalde, wo insgesamt rund 120 Mitarbeiter arbeiten, kommen rund 35 Kollegen regelmäßig aus dem Nachbarland zur Arbeit. Auf diese Zahl an Arbeitskräften kann Reichel nicht verzichten.  „Für die finden wir derzeit eine Lösung, damit sie hier unterkommen können. Wir organisieren eine Hotelunterkunft. Die sind auch hoch motiviert, damit sie weiterarbeiten können“, sagt Geschäftsführer Hartmut Reichel. 

Reichel will seine Mitarbeiter im Betrieb halten, auch wenn er momentan weniger ausgelastet ist als vor Beginn der Corona-Krise. Reichel versorgt Hotels, Gaststätten, Krankenhäuser und Heime mit Wäsche. Die Gastronomie benötigt momentan kaum Wäsche und auch der Bedarf in den Krankenhäusern ist zurückgegangen. Sie bereiten sich auf eine Corona-Epidemie vor und haben daher die anderen Bereiche zurückgefahren. 

Die Auswirkungen der nun komplett geschlossenen Grenze bekommt auch die Dürrröhrsdorfer Fleisch- und Wurstwaren GmbH zu spüren, wie Marketingleiterin Stephanie Ehrentraut bestätigt.  Auch dort verzichte man ungern auf die sehr guten tschechischen Arbeitskräfte. Insgesamt 15 Personen sind betroffen, davon acht direkt angestellte Dürrröhrsdorfer-Mitarbeiter und sieben Leiharbeiter. Betroffen davon ist sowohl die Produktion Fleisch und Wurst als auch die Küche, ebenso der Fuhrpark und die Filialen. "Derzeit können wir diese personelle Herausforderung noch mit internen Personalumschichtungen, Anpassungen im Einkauf und Arbeitszeitverlagerung kompensieren", sagt Stephanie Ehrentraut. Je länger die Grenzschließung für Pendler gelte, desto schwieriger werde dies aber.

Auch in den mittelgroßen Bäckereien des Landkreises arbeiten Tschechen. So auch in der Bäckerei Bärenhecke. „Wir sind eine der wenigen Branchen, die noch produzieren können, um die Grundversorgung abzusichern", sagt der Vorstandsvorsitzende Roman Seifert. Dabei helfen tschechische Kollegen mit. Wie viele, möchte er nicht verraten. Falls diese wegen der neuen tschechischen Ein- und Ausreiseregeln nun nicht mehr zur Arbeit kommen können, werde das nicht zu Filialschließungen führen, so Seifert. Wenn bei einer der 17 Verkaufsstellen in Dresden und im Landkreis Öffnungszeiten reduziert werden, oder wenn diese geschlossen werden muss, habe das wirtschaftliche Gründe. Sein Unternehmen schaut sich die Umsatzzahlen der jeweiligen Filialen sehr genau an. „Jeden Tag werden die neu bewertet“, so Seifert. Und danach wird entschieden. Seifert rechnet im Übrigen damit, dass die neuen Regeln für die tschechischen Pendler in ein oder zwei Wochen wieder gelockert werden.

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