merken
PLUS

Feuilleton

Per Floskel-Attacke in den wilden Osten

Die Pop-Rockband Revolverheld besinnt sich in Dresden effektvoll auf ihre Jugend.

Sänger, Gitarrist und Medienprofi Johannes Strate hielt sein Dresdner Publikum problemlos bei Laune.
Sänger, Gitarrist und Medienprofi Johannes Strate hielt sein Dresdner Publikum problemlos bei Laune. © kairospress

Von Tom Vörös

Acht Uhr abends, der Showdown einer Band namens Revolverheld im wilden Osten hat gerade begonnen. Und wer mit der Band noch nie zuvor ins musikalische Live-Gefecht gezogen war, muss sich zunächst vor ganzen Salven von Worthülsen in Acht nehmen. In etwa: „So wie jetzt, wird’s nie wieder sein / Wir sind immer noch da / Die Momente sind geblieben / Das kann uns keiner nehmen / Wir sind wie Brüder / Du sagst, wir leben nur einmal / Das Herz schlägt bis zum Hals“.

Anzeige
Wie leben Familien in Sachsen?

Die große Umfrage zur Familienzufriedenheit geht in eine neue Runde. Jede Antwort zählt!

Doch hat man die erste große Floskel-Attacke einmal überstanden, dann kann man sich selbst dabei beobachten, wie man sich zunächst schüchtern in den Sattel schwingt und sich von der Band auf ihrem Ritt durch eine typisch deutsche Popmusiklandschaft treiben lässt – wie die anderen auch, am Sonnabend in der ausverkauften Jungen Garde Dresden.

Es fällt zunehmend schwer, dieser Musikerbande und ihrem Anführer Johannes Strate irgendeinen Ton oder Textfetzen krumm zu nehmen. Zumal sie im Vorfeld auch keinen Güterzug überfallen hatten, sondern brav Parkeisenbahn gefahren waren. „Das darf ich meinem Sohn gar nicht erzählen“, sagt Strate und stimmt „den traurigsten Song“ an, den er je geschrieben hat. 

Proppevoll: Die Junge Garde war ausverkauft.
Proppevoll: Die Junge Garde war ausverkauft. © kairospress

 In „Unsere Geschichte ist erzählt“ trauert der Familienvater per Akustikgitarre balladesk seinen wild-romantischen Zeiten hinterher. Und irgendwie wird man auch bei anderen Liedern den Eindruck nicht los, die seit 16 Jahren aktive Band Revolverheld singt sich ihre Jugend zurück und versucht, die starken Gefühle von damals mit aktuellen Liedern wie „Immer noch fühlen“ per Einweckglas ins Charts-Regal zu stellen: „Der erste Rausch / das erste Lieblingslied laut / Die erste Zigarette auf der Schultoilette“.

Der Soundtrack zum großen Gestern bekommt gegen Ende des Konzerts sogar eine eigene Choreografie, mit einer Boygroup-Einlage à la Backstreet Boys, während im LED-Hintergrund die Zeit der Tonband-Kassetten gefeiert wird. Bei dieser Breitseite Nostalgie kommt man fast ins Grübeln, ob die Revolverhelden noch etwas Tiefgründiges zu erzählen haben.

Als sie eine ruhige bis schluchzige Version des Wir sind Helden-Hits „Denkmal“ anstimmen, klingt die Band auf einmal so tiefgründig, wie man es sich von besonnenen Ex-Cowboys wünschen würde. Mit „Ich werde nie erwachsen“ verjüngen sich Band und Publikum aber erneut und spielen mit großen Luftballons. Dieser Moment, das Jetzt, muss schließlich zum Greifen nah sein, um ihn zu fühlen.