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Görlitzer Kirchplatz ist ein geeigneter Erinnerungsort

Der Görlitzer Oberbürgermeister will mit der Umbenennung an die Friedliche Revolution erinnern. Kann das gelingen?

Albrecht Naumann war Pfarrer an der Görlitzer Frauenkirche. Er sagt hier seine Meinung zu den Plänen, den Kirchplatz in "Platz der Friedlichen Revolution" umzubenennen.
Albrecht Naumann war Pfarrer an der Görlitzer Frauenkirche. Er sagt hier seine Meinung zu den Plänen, den Kirchplatz in "Platz der Friedlichen Revolution" umzubenennen. © Nikolai Schmidt

"Platz der Friedlichen Revolution" soll der Platz heißen, der gegenwärtig offiziell  den Namen "An der Frauenkirche" trägt und im Volksmund "Kirchplatz" genannt wird. Die SZ bat Albrecht Naumann um seine Meinung zu der geplanten Umbenennung. Im Herbst 1989 war er Pfarrer an der Frauenkirche in Görlitz und einer der Initiatoren der Friedensgebete:

1. Es ist gut, die Umbenennung jetzt durchzuführen. Der historische Abstand von 31 Jahren (eine Generation) lässt im Rückblick die Friedensgebete mit dem Beginn in der Frauenkirche als Kristallisationspunkt aller künftigen Aktivitäten der sich friedlich entwickelnden Revolution in Görlitz erkennen.

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 Und jetzt ist die Erlebnisgeneration noch da, die das bezeugen kann. Deshalb ist es gut, das jetzt zu tun. Als Pfarrer darf ich daran erinnern, dass in ebensolchem historischen Abstand zu Jesus Sterben und Auferstehen die Texte des Neuen Testamentes entstanden sind. Und wie wichtig hat sich die Verschriftlichung für die Kirche bis heute erwiesen.

Veränderungswillen der Görlitzer

2. Jede neue Generation braucht Erinnerungsorte, mit denen sich Geschichte erinnern und erzählen lässt. Wenn die Friedliche Revolution mit den Friedensgebeten in der Frauenkirche in Verbindung gesetzt wird, wird festgehalten, dass die Frauenkirche mit dem Friedensgebet ein Schutzraum war für Menschen in Erwartung realer Bedrohung durch die „bewaffneten Organe“. Neben der vor Gott ausgesprochenen Klage und Bitte waren die Friedensgebete auch Demonstration und Manifestation des Veränderungswillens der Bürger und ein Bekenntnis zu gewaltfreiem Protest und Veränderung. 

Das Friedensgebet hat erst die Atmosphäre des Mutes und der Hoffnung geschaffen, die zum „Ausbruch aus dem Gefängnis“ der lähmenden Resignation und Verzweiflung, zum „aufrechten Gang“ wurde. Deshalb ist es gut, dass mit der Namensgebung die Erinnerung an die Friedliche Revolution mit der Frauenkirche verbunden bleibt. Damit wird auch festgehalten, welchen konstruktiven, versöhnenden Dienst die Kirche für die Gesellschaft als Ganzes aber auch für jeden Einzelnen leistete und zu leisten in der Lage ist.

3. Die aktuellen Nachrichten über die eskalierenden Demonstrationen, Proteste aus den USA, die Androhung von Militärgewalt und die Rufe nach friedlichem Protest führen uns emotional wieder in die Situation der DDR im Herbst 1989, als bei uns der Einsatz militärischer Gewalt drohte. 

Mitgefühl mit Pastoren in Amerika

Ich fühle mit, wenn amerikanische Bischöfe und Pastoren ihre Kirchen öffnen zum Gebet und zur Fürbitte und dabei auch Solidarität zeigen, mit den Menschen, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit auf die Straße treibt. Mir ist das vertraut.

4. Revolutionen beginnen nie mit einem Plan. Sie entstehen aus einem Augenblick, der sich entfaltend auswirkt, weil er richtig genutzt wurde und weil die Bedingungen günstig waren. Das ist die Demut und auch das Glück in der Görlitzer Variante der Friedlichen Revolution, dass sich aus einem Anfang in der Frauenkirche eine Bewegung entwickelte, die so viele begeisterte und deshalb in der Lage war, die gesellschaftlichen Umbrüche so konstruktiv zu begleiten, dass alle Görlitzer mit Recht stolz sind auf die Friedliche Revolution, die mit dem Friedensgebet in der Frauenkirche am 6. Oktober 1989 ihren Anfang nahm.

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