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Pfingstausflug mit Lerneffekt

Hunderte Großenhainer trotzten der Hitze und radelten zum Mühlentag nach Skassa.

Von Manfred Müller

Strahlend blauer Himmel und Temperaturen über der 30-Grad-Marke – wer gestern mit dem Rad zum Mühlentag fuhr, musste die Sonnenschutzcreme in Griffweite behalten. Dennoch kamen Hunderte von Besuchern in die Skassaer Neumühle, um das Pfingstfest am Röderknie ausklingen zu lassen. Die handwerkliche Schauveranstaltung ist zu einem Volksfest geworden; hier kann man nach der Mühlenbesichtigung auch über einen kleinen Bauernmarkt bummeln oder im Schatten der uralten Lindenbäume bei einem Bier mit Bekannten plauschen.

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Müllermeister Jürgen Boeltzig war schwer damit beschäftigt, den Besuchern des Mühlentages die Historie des Skassaer Familienbetriebes und die Funktionsweise der ratternden Mahlwerke zu erläutern. Weizen muss den mehrstöckigen Mühlenkomplex 17 Mal durchlaufen, bevor das Mehl an die Bäckereien ausgeliefert werden kann. Für die Bäcker in der Region ist die Neumühle zu einem der wichtigsten Partner geworden. Ihr Kernliefergebiet ist der Raum Großenhain-Riesa-Gröditz. Deshalb tragen die Produkte der Neumühle das Markenzeichen „Qualität aus unserer Heimat“. Aber die Mehltanker fahren auch weit in den Leipziger Raum und bis ins Brandenburgische hinein, in einem Umkreis von 100 Kilometern. Neben Weizen- und Roggenerzeugnissen gewinnen Dinkelprodukte immer mehr an Bedeutung. Die kann man sowohl im kleinen Mühlengeschäft erwerben als auch in den Bauernläden der Umgebung. Müsli, Mehle, Nudeln und Bioprodukte sind bei der Kundschaft ebenso begehrt wie Kräutertee, der hier in großer Vielfalt angeboten wird.

Gedenkminute für den Alt-Müller

Die Geschichte der Skassaer Neumühle reicht zurück bis ins Jahr 1445. Im Jahr 1900 erwarb Ahnherr Wilhelm Boeltzig die Anlage, und seitdem haben drei weitere Generationen die Handwerkstradition fortgesetzt. Für den im März verstorbenen Senior Wilfrid Boeltzig wurde gestern eine Gedenkminute eingelegt – er hatte die Mühle sicher durch die DDR-Planwirtschaft und die wirtschaftlichen Umbrüche nach der deutschen Einheit gesteuert. Im vorigen Jahr hatten Boeltzigs Söhne Jürgen und Wernfried den Familienbetrieb übernommen. „Jeder soll heute sehen, wie viel Arbeit wir in unser Handwerk investieren“, sagt Jürgen Boeltzig. „Dann kaufen die Leute vielleicht eher einheimische Produkte, auch wenn sie ein paar Cent teurer sind als im Supermarkt.“ Dass heute in den Billigmärkten frisches Brot gebacken wird, bereitet auch den Müllern in der Region Sorgen. Wird doch dadurch die Verarbeitungskette Bauer-Müller-Bäcker durchbrochen, was der regionalen Wirtschaft keinesfalls gut tut. Vor der Wende gab es in Sachsen etwa 700 Mühlenbetriebe, von denen heute weniger als 50 übriggeblieben sind.

An der Röder betreiben die Boeltzigs ein kleines Kraftwerk, in dem Strom für die Mahlwerke erzeugt wird. Der Generator ist ein technisches Meisterwerk aus dem Jahr 1937; er zählt bei Mühlentagen stets zu den beliebtesten Fotoobjekten. Das moderne Mühlenlabor war für Besucher leider nicht zugänglich. „Die Geräte sind einfach zu teuer“, sagt Jürgen Boeltzig. „Wenn da etwas kaputt geht, haben wir ein Problem.“ Die Mehlherstellung erschöpft sich nicht darin, Getreide in die Walzenstühle rieseln zu lassen. Die Eingangsqualität des Getreides ist sehr wichtig, damit am Ende ein ordentliches Produkt aus der Mühle kommt. Deshalb müssen Roggen und Weizen zunächst die Laborprobe bestehen, die mit Hilfe einer ganzen Reihe von exotischen Messgeräten ausgeführt wird. Um immer über die Qualität ihrer Produkte im Bilde zu sein, haben die Boeltzigs sogar einen Backofen in ihrem Labor stehen.

Einige der Stammgäste konnten sich gut an das Pfingstfest 2010 erinnern, als der Tornado in nur zwei Kilometer Entfernung seine Schneise zog. Seine Ausläufer rissen im Mühlengarten oberschenkelstarke Äste ab und ließen sie auf Bierzelte und Imbissstände stürzen. Das Dach des Nebengebäudes wurde von gewaltigen Hagelkörnern durchlöchert, und die Nachmittagsgäste mussten sich im Inneren der Mühle in Sicherheit bringen.