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Pflege mit Sprachproblem

Es gibt nicht mehr genügend Pflegekräfte im Landkreis Bauzzen. Ausländer könnten die Rettung sein. Aber geht das?

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© Sven Ellger

Jana Ulbrich

Landkreis. Thi Huong Doan (schon der Name ist schwierig) und Phuoc Long Tieu (noch schwieriger) lernen gerade, wie man Bettlägerige schiebert. Das kann Ausbilder Gunar Scheibe ja noch ganz gut zeigen. Mit dem Erklären wird es schon problematischer. Die junge Frau und der junge Mann aus Vietnam geben sich zwar alle Mühe, aber Deutsch ist schwer und Fachdeutsch noch viel schwerer. Die beiden jungen Vietnamesen gehören zu einer 16-köpfigen Gruppe künftiger Pflegekräfte, die sich die Oberlausitz-Kliniken in Bautzen und Bischofswerda und die Helios-Schlossklinik in Pulsnitz über irgendwelche Verbindungen vom Mekong-Delta geholt haben.

© SZ-Grafik

Ein riesengroßer Aufwand für ein einziges Ziel: In den Kliniken und Altenheimen der Region wird das Pflegepersonal knapp. „Es wird ohne Kräfte aus dem Ausland nicht mehr gehen“, ist Reiner E. Rogowski, Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken, überzeugt. „Es gibt für die Ausbildungsplätze nicht mehr genügend Bewerber, und es gibt vor allem auch nicht mehr genügend geeignete Bewerber, die den Anforderungen entsprechen“, sagt der Klinik-Manager.Die Zeiten, in denen sich das Krankenhaus für seine 25 Ausbildungsplätze die Besten aus 800 Bewerbern aussuchen konnten, sind längst vorbei. Im letzten Jahr haben sich 50 Schulabgänger um eine der Ausbildungsstellen beworben, nicht alle mit den nötigen Voraussetzungen. Im Abschlussjahrgang 2015 haben drei Auszubildende ihre Prüfungen nicht geschafft. „Das ist noch nie zuvor passiert“, sagt Reiner E. Rogowski. „Für uns ist da wirklich eine Welt zusammengebrochen.“

Hohe Anforderungen

Von den 25 Azubi-Stellen des jüngsten Ausbildungsjahres, werden, Ende Februar noch 18 besetzt sein. Einige haben festgestellt, dass der Pflegeberuf doch nicht das Richtige für sie ist, einige musste die Pflegedienstleitung aber auch bitten zu gehen, weil sie die hohen Anforderungen an den Pflegeberuf nicht erfüllen können.

Ob die jungen Vietnamesen es schaffen, ist auch noch nicht klar. Und auch nicht, ob sie am Ende tatsächlich in Deutschland bleiben. „Wir hoffen und wünschen es uns aber sehr“, sagt Reiner E. Rogowski. „Wir brauchen sie wirklich dringend.“ Dafür nehmen die Kliniken auch allen zusätzlichen Aufwand in Kauf. Weil sich das Sprachproblem als viel größer und schwieriger erwiesen hat als Anfangs erwartet, bekommt die Klasse jetzt noch zusätzlichen Deutschunterricht.

Auf die Motivation, den Fleiß und die Freundlichkeit der Vietnamesen lässt der Klinik-Geschäftsführer nichts kommen. „Diese Mentalität ist wirklich unglaublich“, sagt er anerkennend. Die jungen Leute seien ja auch mit ganz anderen Vorstellungen nach Deutschland gekommen. In Vietnam beispielsweise wird die Körperpflege, das Waschen und Essenreichen in der Regel von Verwandten übernommen und gehört nicht zur Arbeit eines Pflegers.

Aber trotz aller Schwierigkeiten, will Rogowski daran festhalten, Pflegekräfte-Nachwuchs auch weiterhin und noch verstärkt im Ausland zu suchen. An eine nächste Klasse aus Vietnam ist gedacht. Und nächste Woche fährt er mit Werbematerial zu zwei Fachschulen nach Ungarn.

Der Kampf um jeden Kopf

Rogowski ist nicht der Einzige im Kreis, der die Chance im Ausland sieht. In Kamenz werden seit anderthalb Jahren sechs junge Chinesen zum Altenpfleger ausgebildet. Die Probleme mit Sprache und Mentalität sind die gleichen. Die Chancen sind es aber auch. „Wir hoffen sehr, dass alle sechs nach ihrer Ausbildung auch hierbleiben“, sagt Madlen Deichmann, Geschäftsführerin der HEC-Bildungsakademie in Kamenz, die die Chinesen ausbildet.

„Wir kämpfen hier sozusagen schon um jeden Kopf“, weiß die Geschäftsführerin. Für den 1. März war an der Bildungsakademie eigentlich der Ausbildungsstart für eine neue Altenpflegerklasse geplant. Der muss erst einmal verschoben werden, weil die Berufsschule die Klasse bis dato noch gar nicht zusammenbekommen hat. „Wir sind jetzt noch an einer jungen Vietnamesin dran, zu der wir Kontakt haben“, sagt Madlen Deichmann. „Sie ist aber immer noch in Vietnam, weil Papiere und Genehmigungen fehlen.“

Dafür konnte die Geschäftsführerin vorige Woche klarmachen, dass im Sommer zwölf junge Leute aus Spanien und elf aus Bulgarien zur Altenpfleger-Ausbildung nach Kamenz kommen. „Wir haben uns da an einem EU-Projekt beteiligt“, sagt sie. „Wir hoffen sehr, dass es funktionieren wird.“ Und dass die jungen Leute bis zum Sommer nicht wieder abspringen.

Prekäre Prognose

Wie dringend es schon heute ist, nach ausreichend Pflegekräften für morgen zu suchen, das lässt sich aus den Prognosen mehr als deutlich ablesen. Inzwischen gehen jedes Jahr mehr Fachkräfte in Rente als junge Leute in das Arbeitsleben einsteigen. In zehn Jahren, sagt der Bautzener Arbeitsagenturchef Thomas Berndt, werden in den Kreisen Bautzen und Görlitz insgesamt rund 80 000 Fachkräfte fehlen.

Für den Pflegebereich wird es besonders prekär, weil die Zahl der Fachkräfte sinkt, die Zahl der Pflegebedürftigen dagegen stark steigt, also noch weitaus mehr Pflegepersonal benötigt wird als gegenwärtig. „Es wird ein massives Problem werden, diese Schere auszugleichen“, weiß Oberlausitz-Kliniken-Geschäftsführer Rogowski. Er hatte viel Kritik einstecken müssen, als er in einem SZ-Interview zum Jahreswechsel voraussagte, man werde Stationen schließen müssen, weil das Personal nicht mehr da sein wird. Er will es seinen Kritikern nicht unbedingt beweisen müssen, sagt er. In den Oberlausitz-Kliniken wird deswegen gerade eine genaue Statistik erarbeitet, wer wann in Rente geht und wie sich der Bedarf auf jeder einzelnen Station entwickelt. Um vielleicht noch rechtzeitig genug reagieren zu können – auch mit Thi Huong Doan und Phuoc Long Tieu.