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Pflegedienste am Limit

Abseits der großen Städte wird die Lage immer schwieriger, warnt die Diakonie. Sie setzt vor allem auf drei Ideen.

Immer mehr Menschen müssen im Alter gepflegt werden.
Immer mehr Menschen müssen im Alter gepflegt werden. © dpa/Oliver Berg

Bautzen. Die Erinnerungen sprudeln nur so aus Wolfgang Göllner heraus. Von seiner „schönen Zeit“ in Canitz-Christina erzählt der 94-Jährige. In dem Dorf fand der gebürtige Schlesier seine zweite Heimat. Lange leitete er die LPG. Es gab einen Dorfkonsum, eine Dorfgemeinschaft und sogar einen Arzt, der einmal pro Woche haltmachte. Vor zwei Jahren musste der Senior dann seine Koffer packen, allein kam er nicht mehr klar. Ein Pflegedienst fand sich für ihn nicht mehr. Seine dritte Heimat ist nun der Martha-Stift der Diakonie Bautzen.

Immer mehr Menschen wird es im ländlichen Raum perspektivisch so gehen wie Wolfgang Göllner, weiß Krystina Kunath, Pflegedienstleiterin der Diakonie-Sozialstation Bautzen. „Wenn bei einer Pflege über 50 Prozent der Leistung in Fahrt geht, müssen wir die Anfahrt ablehnen. Gerade Richtung Malschwitz können wir nicht mehr alle Anfragen abdecken“, sagt sie. Ein zweites Problem gehe damit Hand in Hand. Krankenhäuser würden Pflegebedürftige deshalb statt nach Hause in Pflegeheime entlassen. Aber auch in diesen Einrichtungen werden die Plätze immer rarer. Gleichzeitig fehlt es am Pflegepersonal für die immer größer werdende Gruppe der Pflegebedürftigen aufgrund des demografischen Wandels. „Derzeit ist im Freistaat ein Viertel der Bevölkerung auf Pflege angewiesen. 2030 reden wir über ein Drittel. Das sind 1,2 Millionen Menschen, die alle ein Recht haben in Würde zu altern“, sagt Sachsens Diakonie-Vorsitzender Dietrich Bauer. Deshalb müsse sich schnell etwas ändern.

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Pflege braucht eine Wegepauschale

Erste Forderung der Diakonie Sachsen ist, im Freistaat wie in allen anderen Bundesländern eine separate Wegepauschale für die Pflege einzuführen. „Natürlich entstehen Aufwendungen, wenn Mitarbeiter von einem zum anderen Patienten unterwegs sind. Aus unserer Sicht ist es ein dringendes Erfordernis, die Wegezeit separat auszuweisen und einen Zuschlag für den ländlichen Raum zu verhandeln“, sagt Bauer. Allerdings, schränkt Alexander Jessinghaus, Geschäftsführender Vorstand der Diakonie Bautzen ein, bleibe immer noch die Frage, ob es sich ein Pflegedienst leisten kann, seine Fachkraft für bis zu eineinhalb Stunden Fahrt ins Auto zu setzen, statt für und mit dem Menschen zu arbeiten.

Pflege braucht ein neues Image

Wie anderen Branchen fehlen in der Pflege ausgebildete Fachkräfte. „Früher kamen viele Auszubildende über Freiwilligendienste zu uns. Dieses Feld ist komplett eingebrochen“, sagt Stefan Kothe vom Pflegestift Oberland. Seiner Meinung nach müssten junge Menschen die Chance bekommen, länger in den Beruf hineinzuschnuppern bei einer vernünftigen Praktikumsvergütung. Doch diese Lösung allein reicht nicht, ist sich Sozialpolitikerin Maria Loheide von der Diakonie Deutschland sicher. „Gut ist, dass man für die Pflegeausbildung jetzt kein Geld mehr mitbringen muss“, sagt sie. Gleichzeitig müsse man den Beruf für Quereinsteiger attraktiver machen. „Diese Arbeit ist mehr als Intensivpflege und Essenreichen“, sagt sie. Gerade mit der Digitalisierung und Unterstützungssystemen, die die Pflege in großen Teilen leichter machen kann, würden sich ganz neue Berufsperspektiven eröffnen. Natürlich muss in diesem Zusammenhang über die Entlohnung gesprochen werden. Und auch die Arbeitskräfte aus dem Ausland nimmt die Diakonie in den Blick. „Für Leute, die herkommen wollen, müssen die Schwellen niedriger werden“, sagt Loheide. Grundsätzlich müsse über eine generelle Reform der Pflege nachgedacht werden.

Pflege braucht ein Miteinander

Innerhalb dieser Neugestaltung der Pflege denkt Loheide im ländlichen Raum „Pflegestationen“ über einen Mix aus stationärer und ambulanter Pflege nach. Kommunen und Gemeinden sieht die Sozialpolitikerin wieder mehr in der Pflicht, Verantwortung, zum Beispiel durch die Bereitstellung von Infrastruktur, für pflegebedürftigte Einwohner zu übernehmen. Bei Pflege dürfe nicht die Rendite zählen. Jessinghaus wünscht sich, dass die Träger der Sozialdienste einer Region gemeinsame Strategien überlegen, wie Pflege in jedem Dorf weiter möglich sei.

Zudem müsse man nach Ansicht der Diakonie in Zeiten schwindender familiärer Bindungen mehr über Nachbarschaftshilfe nachdenken. „Über digitale Plattformen, wie zum Beispiel das Internet-Start-up nebenan.de, kann ein ganz neues nachbarschaftliches Miteinander entstehen“, sagt Loheide. Bei der Diakonie würden auch die Kirchgemeinden eine große Rolle spielen. Wichtig sei aber beim ehrenamtlichen Engagement die Anerkennung.

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