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Wenn Personal und Bewohner am Ende sind

Das Pflegeheim Schönerstädt bei Hartha ähnelt seit März einem Gefängnis. Bewohner dürfen nicht raus, Gäste nicht rein. Das führt zu Hoffnungslosigkeit.

Gudrun Lemke (links) darf sich mit ihrem Ehemann Jürgen Lemke seit Wochen nur noch durch eine Plexiglasscheibe unterhalten. Berührungen sind nicht gestattet. Eine Belastung für beide.
Gudrun Lemke (links) darf sich mit ihrem Ehemann Jürgen Lemke seit Wochen nur noch durch eine Plexiglasscheibe unterhalten. Berührungen sind nicht gestattet. Eine Belastung für beide. © Dietmar Thomas

Hartha. Normalerweise herrscht im Seniorenpflegeheim im Harthaer Ortsteil Schönerstädt ein bunter Trubel aus vielen Angeboten für die Bewohner und regem Besuchsbetrieb. Kinder und Enkel bringen Blumen und Geschenke vorbei, holen ihre Eltern oder Großeltern zum Spazieren ab oder schauen auf eine Tasse Kaffee vorbei. Doch derzeit ist das ganz anders. Wegen der Corona-Pandemie gilt ein eingeschränktes Besuchsverbot in der Harthaer Einrichtung. So, wie in allen anderen Pflegeheimen in Sachsen auch. Zum Ärger von Heimleitung und Angehörigen.

"Unsere Bewohner vermissen ihre Familien und das merkt man mittlerweile immer deutlicher", erzählt Heimleiterin Simone Gerson. Nur einmal in der Woche darf eine konkrete Bezugsperson für 30 Minuten zu Besuch kommen. Dabei gilt es, den Sicherheitsabstand von zwei Metern einzuhalten. Und ein Gespräch funktioniert derzeit auch nur durch eine Plexiglasscheibe.

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"Maximal zwei Personen können parallel ihre Verwandten besuchen. Mittlerweile mussten wir schon einen Plan erstellen, damit wir die Besuche eintakten können", so Gerson. Ein Spaziergang oder das Berühren der Bewohner ist nicht gestattet. Das macht allen Beteiligten sichtlich zu schaffen.

Gudrun Lemke ist eine von knapp 80 Bewohnern des Heimes. In regelmäßigen Abständen bekommt sie derzeit Besuch von ihrem Mann Jürgen. Hinter Plexiglas sitzen sich die Eheleute gegenüber und reden, 30 Minuten lang. Die 80-Jährige ist froh, ihren Mann überhaupt wieder zu sehen, wie sie erzählt. "Es geht mir nicht sehr gut derzeit. Corona hat mir in den vergangenen Wochen auch meinen Mann genommen. Ich konnte ihn nicht sehen." Für sie sei das ein großer Verlust an Lebensqualität gewesen. 

"Furchtbare Situation für Bewohner und Personal"

Doch anders geht es zumindest derzeit nicht. Heimleiterin Simone Gerson ist an die Allgemeinverfügung des Freistaates Sachsen gebunden. Darin steht: "Untersagt ist der Besuch von Alten- und Pflegeheimen" - ohne Ausnahme.

"Es ist eine schlimme und furchtbare Situation sowohl für Bewohner als auch für das Pflegepersonal", sagt Gerson. "Vor allem für Demenzpatienten ist es eine Herausforderung. Diese können einfach nicht verstehen, was das Coronavirus ist oder warum sie ihre Angehörigen nun nur aus der Ferne sehen können." Die Leiterin wiederum kann es nicht verstehen, warum die Regierung alle Regelungen lockert, dabei aber letztendlich die Ältesten nicht beachtet.

Für Gudrun Lemke ist aber nicht nur das Besuchsverbot ein Problem. Aufgrund gesundheitlicher Probleme hat die 80-Jährige ebenso immer wieder Termine im Döbelner Krankenhaus. Doch diese will sie jetzt nicht wahrnehmen. Nicht weil sie Angst vor einer möglichen Ansteckung hat, sondern weil sie im Anschluss nicht getestet wird und somit in eine 14-tägige Quarantäne gehen müsste, allein in ihrem Zimmer. "Das will ich nicht. Ich würde mir wünschen, dass ich getestet werden kann und mich normal im Heim bewegen darf", sagt sie.

Pfleger, wie hier in Dresden, haben derzeit nicht immer einen schönen und ruhigen Beruf. Durch Corona hat sich ihr Alltag teilweise massiv geändert. Ein Treffen mit Freunden? Ausgeschlossen, um eine Infektion zu verhindern.
Pfleger, wie hier in Dresden, haben derzeit nicht immer einen schönen und ruhigen Beruf. Durch Corona hat sich ihr Alltag teilweise massiv geändert. Ein Treffen mit Freunden? Ausgeschlossen, um eine Infektion zu verhindern. © dpa-Zentralbild

Auch Simone Gerson ist es völlig unverständlich, warum Corona-Tests nicht an Mitarbeitern und Bewohnern des Heimes durchgeführt werden. "Fußballer werden mittlerweile in regelmäßigen Abständen auf das Virus geprüft, aber warum nicht die Menschen in Pflegeheimen?" Das Personal komme mittlerweile an sein Limit. "Mit Masken über mehrere Stunden zu arbeiten, ist sehr anstrengend. Warum gibt es keine Immunitätstests für die Mitarbeiter?", fragt die Heimleiterin.

Keine Sonderzahlung, sondern Systemverbesserungen

Doch nicht nur das. Es ist ebenso eine psychische Herausforderung für die Beschäftigten. Linda Schubert ist eine der zahlreichen Pfleger in Schönerstädt und kann in den vergangenen Wochen nicht mehr richtig abschalten. "Auch nach der Arbeit gehen mir die Menschen nicht aus dem Kopf. Denn es ist einfach schlimm, wie sie derzeit sozial abgeschnitten sind", meint die 32-Jährige.

Teilweise würden die Menschen aufgeben und beispielsweise das Essen verweigern, da sie kein Ziel mehr vor den Augen hätten. "Viele von den Heimbewohnern freuen sich immer auf das Wochenende, wenn die Familie zu Besuch kommt. Doch wenn das jetzt wegfällt, neigen einige zu sagen 'Ich habe keine Lust mehr'", erzählt Schubert.

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Die soziale Abgrenzung gelte derzeit allerdings nicht nur für die Älteren. Auch die Mitarbeiter würden sich derzeit immer mehr in der Freizeit ausgrenzen. Denn "niemand will derjenige sein, der daran Schuld ist, dass das Virus einmal im Heim ankommt", erklärt Linda Schubert. Sie fordert von der Politik möglichst schnell eine Lösung für die derzeitigen Probleme und mehr Aufmerksamkeit für den Beruf an sich. "Da hilft uns auch keine Sonderzahlung, hier müssen klare Systemverbesserungen her."

Die Zukunft für das Haus in Schönerstädt, aber auch alle anderen Seniorenheime ist unklar. Laut Simone Gerson könnten die Maßnahmen, in der Form wie sie derzeit herrschen, nicht fortgeführt werden. "Wenn das noch ein halbes Jahr so geht, dann wird es schlimm", meint die Geschäftsführerin.

Gesundheitsministerium macht Mut

Eine kleine Hoffnung für die sächsischen Heime gibt es am Mittwoch zumindest doch noch. In einem Brief an alle Träger von Alten- und Pflegeheimen weist Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) auf die Möglichkeit hin, Ausnahmen vom Verbot des Besuchs in und des Ausgangs aus den Einrichtungen zu gewähren. 

"Sie alle beschäftigen Fragen, Unsicherheiten und auch Ängste. Die Angst um Ihre Bewohner, die Angst um Ihre Mitarbeitenden, nicht zuletzt die Angst, den Versorgungsbetrieb bei Ausbruch einer Infektion nicht mehr aufrecht erhalten zu können. Ich kann Ihnen versichern, dass ich Ihre Sorgen verstehe und teile!", schreibt die Ministerin in Ihrem Anschreiben. "Ich danke Ihnen für alles, was Sie bisher geleistet haben und wünsche Ihnen und uns, dass wir gemeinsam diese Krise bewältigen."

Mitgesandt wurden auch zwei Informationsblätter, die dabei helfen sollen, eine für die jeweilige Einrichtung geeignete Besuchs- und Ausgangsregelung zum Wohle der Bewohner sowie zum Schutz der Mitarbeitenden zu finden (beides liegt Sächsische.de vor). Das Pflegeheim in Schönerstädt bleibt laut Simone Gerson erst einmal bei den üblichen Regelungen. "Wir wollen jedoch die Personenanzahl der Besuchenden ab dem 25. Mai erhöhen."

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