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Schwere Mängel in Löbauer Pflegeheim?

Eine Prüfung bescheinigt "Pflege mit Herz" schlechte Zustände. Die Betreiberin sieht sich ungerechtfertigt in der Kritik. Dennoch gibt sie ihr Heim jetzt auf.

Die Einrichtung von "Pflege mit Herz" in Löbau
wird künftig kein stationäres Heim mehr sein, sondern in ein Betreutes Wohnen umgewandelt.
Die Einrichtung von "Pflege mit Herz" in Löbau wird künftig kein stationäres Heim mehr sein, sondern in ein Betreutes Wohnen umgewandelt. © Matthias Weber/photoweber.de

„Schwerwiegende Qualitätsdefizite“ bescheinigt der öffentlich im Internet einsehbare Pflegenavigator der Krankenkasse AOK in einigen Bereichen dem privaten Pflegeheim „Pflege mit Herz“ auf der Dammstraße 9 in Löbau. Darunter zählen die Punkte „Nächtliche Versorgung“, „Unterstützung bei der Tagesstrukturierung, Beschäftigung und Kommunikation“, „Unterstützung im Bereich der Mobilität“ sowie „Unterstützung bei der Körperpflege“. „Erhebliche Qualitätsdefizite“ werden dem Heim bei der „Unterstützung beim Essen und Trinken“ sowie bei der Medikamenteneinnahme ausgestellt.

Für Ivette Riegel, Betreiberin des Pflegeheims, ist diese Bewertung nicht nachvollziehbar und ungerecht. „Ich war sehr traurig. Das ist das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist. In meinen Augen ist das Gutachten nicht richtig“, sagt sie. In der Vergangenheit habe ihre Einrichtung immer sehr gute Noten erhalten.

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Auch Seniorenrat wurden Beschwerden gemeldet

Joachim Herrmann, dem Vorsitzenden des Kreisseniorenrates, sind dagegen Beschwerden über die Einrichtung bekannt. Angehörige hätten sich an Mitglieder des Kreisseniorenrates gewendet. „Da ging es beispielsweise darum, dass die Versorgung von Bewohnern oberflächlich sein soll und dass es zum Wundliegen kam“, sagt er. Nachprüfen konnte er die Vorwürfe allerdings nicht.

Fakt ist: Beim Heim „Pflege mit Herz“ wurde am 13. Februar dieses Jahres eine Prüfung von der Heimaufsicht und dem Medizinischem Dienst der Krankenkassen (MDK) durchgeführt. Das bestätigt die Betreiberin gegenüber der SZ. Beide Kontrollen seien zeitgleich erfolgt. „Nach Hinweisen anderer Institutionen“ passierte das, ist beim Pflegenavigator außerdem vermerkt. „Der Anlass wurde uns nicht mitgeteilt“, sagt Ivette Riegel.

Die Prüfung oblag dem Verband der Ersatzkassen (VDEK). VDEK-Sprecher für Sachsen ist Jörg Bunzel. Er erklärt: „Eine Anlassprüfung wird durchgeführt, wenn es beispielsweise Hinweise zu Versorgungsmängeln oder Beschwerden gibt.“ Solche Prüfungen finden generell unangemeldet statt. „Informationsquellen dieser Prüfungen sind die Auswertung der Pflegedokumentation, Beobachtungen während der Prüfungen, Beobachtungen und Auskünfte der in der Stichprobe eingezogenen Pflegebedürftigen sowie Auskünfte durch die Mitarbeiter“, sagt Jörg Bunzel. Die Ergebnisse werden in einem Prüfbericht festgehalten, den der MDK oder der Prüfdienst des Verbands der Privaten Krankenkassen erstellen. Diesen Bericht erhalten sowohl die Pflegekassen als auch die geprüfte Pflegeeinrichtung. „Die Landesverbände der Pflegekassen entscheiden nach Anhörung der Pflegeeinrichtung, ob und welche Maßnahmen getroffen werden müssen, um festgestellte Mängel zu beseitigen“, sagt Jörg Bunzel. Dafür werde der Einrichtung eine zeitliche Frist gesetzt. „Zudem sind weitergehende vertragliche Sanktionen bis hin zur Kündigung der Verträge durch die Landesverbände der Pflegekassen möglich“, so der Verbands-Sprecher.

Soweit kommt es offenbar nicht. Denn Ivette Riegel wird ihre Einrichtung nicht weiter als Pflegeheim betreiben. „Die Kündigung zum 30. September ist durch“, sagt sie und auch, dass das keinesfalls mit der Qualitätsbewertung beim Pflegenavigator zu tun habe. Das Haus wird zu einem „Betreuten Wohnen“ umstrukturiert. „Die Umstrukturierung läuft bereits seit April 2019“, sagt sie. Einrichtungen für „Begleitetes Wohnen“ betreibt Ivette Riegel laut ihrer Internetseite bereits auf der Weißenberger Straße 1, und am Promenadenring 16, im großen Eckhaus am Neumarkt. Das hatte sie umfassend saniert und 2015 eröffnet. Außerdem unterhält sie einen ambulanten Pflegedienst, der etwa 90 Menschen versorgt. 41 sind es laut Homepage des Unternehmens im Pflegeheim.

Sozialplaner: "Das ist kein Einzelfall"

Matthias Reuter, Sozialplaner und Pflegekoordinator beim Landkreis bestätigt: „Nach unserem Kenntnisstand wird das Pflegeheim auf der Dammstraße 9 in Löbau tatsächlich nicht mehr als vollstationäre Pflegeeinrichtung geführt.“ Das Heim sei kein Einzelfall im Kreisgebiet. „Auch in Krauschwitz wurde aus einem Pflegeheim ein Betreutes Wohnen“, sagt Reuter. Formal zähle die Löbauer Einrichtung als „Betreute Wohnform“. Das heißt, die Bewohner sind Mieter. Leistungen wie Pflegedienst und Hauswirtschaft müssen extra gebucht werden.

Dem widerspricht die VDEK. „Die betreffende Einrichtung hat derzeit mit den Pflegekassen einen Versorgungsvertrag als stationäre Pflegeeinrichtung“, sagt Jörg Bunzel. Auch auf der Internetseite ist die Einrichtung auf der Dammstraße 9 weiterhin als Pflegeheim ausgewiesen. Der SZ liegt ein Mietvertrag vom April vor, aus dem hervorgeht, dass es sich um ein „Betreutes Wohnen“ handelt.

So oder so stellt sich die Frage, was mit den bisherigen Heimbewohnern passiert, die statt einer betreuten Wohnform eine vollstationäre Versorgung benötigen. „Ihnen wurde wie allen anderen von der Betreiberin der Heimvertrag mit den normalen Fristen gekündigt“, so Kreis-Sozialplaner Reuter. Bereits vor Ablauf der Fristen hätten die Bewohner neue Angebote erhalten. „Pflegebedürftigen, denen das nicht ausreicht, bleibt nur die Suche nach einer Alternative, zum Beispiel in einem der anderen Pflegeheime in Löbau und Umgebung“, sagt Matthias Reuter.

Zwei Bewohner ziehen nach Lawalde

Nach Angaben von Ivette Riegel sind solche Plätze in einem Eibauer und Lawalder Pflegeheim gefunden worden. Die Pflegedienstleitung vom „Seniorenhäusel“ Lawalde bestätigt, dass zwei der Löbauer Heimbewohner aufgenommen wurden. In Eibau klappte das bisher noch nicht. „Es gibt aktuell keine freien Plätze bei uns“, sagt Heimleiterin Karin Görke.

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Für den Kreisseniorenbeauftragten Joachim Herrmann hat die Umstrukturierung zu einem „Betreuten Wohnen“ einen bitteren Beigeschmack. „Damit geht die Einrichtung einer künftigen Kontrolle der Heimaufsicht aus dem Weg“, befürchtet er.

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