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Corona: Pflegeheim macht Schotten dicht

Bernstadts Pflegeresidenz erlässt für zwei Wochen ein Besuchsverbot, weil es in Kemnitz viele Covid-Fälle gab. Freiheitsberaubung nennt das ein Kritiker.

In der Bernstädter Pflegeresidenz gab es einen Corona-Lockdown wegen Infektionen in einem anderen Ortsteil. Nicht alle wollten das akzeptieren.
In der Bernstädter Pflegeresidenz gab es einen Corona-Lockdown wegen Infektionen in einem anderen Ortsteil. Nicht alle wollten das akzeptieren. © dpa/Symbolbild

Christian Eifler ist zornig. Regelmäßig besucht der Bernstädter seine 93-jährige Mutter in der Bernstädter Pflegeresidenz. Dass zwischen der betagten Dame und ihren Gästen im Besucherzimmer der Einrichtung dabei jüngst eine Schutzscheibe war, war dabei kein Problem. Doch die letzten zwei Wochen ging selbst das nicht mehr: "Meine Mutter darf keine Verwandten empfangen, weil das Heim wegen Corona dicht gemacht hat", erzählt Eifler. Dabei gibt es im Heim selbst gar keine Infektion.

Corona gibt es dafür aber in einem anderen Bernstädter Ortsteil - in Kemnitz. Dort waren Anfang August 31 von 33 Bewohnern eines Wohnheimes für Menschen mit Behinderungen erkrankt, zudem mehrere Mitarbeiter. Allein diese räumliche Nähe war für die Betreiberin der Seniorenresidenz, Marianne Lutzenberger, genug Grund für diese rigorose Maßnahme: "Nein, derzeit sind keine Besuche möglich, wir haben das Haus wie zu Anfangszeiten von Corona geschlossen", bestätigt sie auf SZ-Nachfrage. Dass es zwischen ihrer Einrichtung und dem Kemnitzer "Hotspot" eigentlich gar keine Verbindungen gibt, ist für sie nicht ausschlaggebend: "Ich bin nur vorsichtig, meine Mitarbeiter sind im Alltag unterwegs, da kann man einen Kontakt nicht ausschließen - und bei den Angehörigen, die hierher kommen, kann ich es erst recht nicht", argumentiert sie.

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Sohn sieht Mutter der Freiheit beraubt

Für Christian Eifler ist dies aber glattweg Freiheitsberaubung. Zudem sei er, als er vor Ort war und Einlass begehrte, völlig ignoriert worden. Die einzige Auskunft sei gewesen, er könne seine Mutter ja nach Hause holen. "Ich habe mich schon an den Landkreis gewandt, da hat man mir gesagt, wenn ich der Meinung bin, dass es Freiheitsberaubung sei, solle ich die Polizei informieren", sagt Eifler.

Der Kreis erklärt auf Nachfrage zu dem Fall, dass solche Einschränkungen "immer an objektive Tatbestände zu knüpfen" seien. Laut Corona-Schutzverordnung seien Besuche in den Pflegeeinrichtungen generell erlaubt. Mit der Bernstädter Pflegeresidenz hat der Kreis Rücksprache gehalten und von der Maßnahme erfahren, teilt Kreissprecherin Franziska Glaubitz mit und ergänzt: "Die Heimleitung hat uns heute telefonisch mitgeteilt, dass nach Abwägung aller Umstände und der Infektionslage, diese im Sinne der Freiheitsrechte der Bewohner am 25. August 2020 aufgehoben wurden." 

Etwas anders hatte sich die Betreiberin an eben jenem Tag gegenüber der SZ geäußert - und davon nichts erwähnt. Diese Woche werde die Bernstädter Seniorenresidenz jedenfalls noch geschlossen bleiben und je nach Lage - in der Bundespolitik und vor Ort in Bernstadt und Kemnitz - dann weitere Entscheidungen treffen, teilte sie am Dienstagnachmittag mit. Ihre anderen Senioreneinrichtungen - in Görlitz - sind von den verschärften Maßnahmen übrigens nicht betroffen. Außerdem betonte Frau Lutzenberger, dass ihr keine Beschwerden von Angehörigen über das momentane Besuchsverbot bekannt seien: "Diejenigen, die mitdenken, verstehen das. Die anderen meckern eben", formuliert sie ihre Sicht der Dinge. 

Das Dilemma mit dem Besuchsrecht

Auch Gunter Lange, früherer Bernstädter Bürgermeister und als Obmann für die Belange der Angehörigen und Bewohner der Einrichtung tätig, hat ebenfalls noch keine Beschwerden über die Schutzmaßnahmen gehört. Ich weiß nur, dass es eine Entscheidung des Hauses war, die Kontakte von außen zu reduzieren", sagt er.

Wie aber sieht es in anderen Einrichtungen im Kreis aus? Einen guten Überblick hat da Jana Horcickova, Pflegekoordinatorin im Kreis: "Es gibt nicht die Guten und nicht die Bösen. Jeder versucht, vertretbare Lösungen zu finden: die Heimleitungen für den Schutz der Bewohner und Mitarbeiter, die Angehörigen für das Besuchsrecht." Das führe regelmäßig zum Dilemma. Über Möglichkeiten, das zu lösen, tauscht sich der Heimleiter-Stammtisch aus. Der Landkreis sitzt mit am Tisch. Zudem hat auch der Freistaat am Dienstag nochmals deutlich alle Heimleitungen gebeten, die Besuchsregeln in einem "angemessenem Verhältnis zwischen dem Schutz der versorgten Personen und deren Persönlichkeits- und Freiheitsrechten" festzulegen. 

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Der Beitrag wurde am 28.8. geändert. In einer früheren Version stand, dass der Frisör im Haus derzeit geschlossen sei. Laut Inhaberin des Frisörgeschäfts ist das nicht der Fall. Der Salon sei weiterhin geöffnet. 

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