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Pflegekräfte aus Übersee für die Oberlausitz

Eine Pulsnitzer Klinik holt 20 Brasilianer gegen den Fachkräftemangel – und schaut sich auch in anderen Ländern um.

Die Zahl der Pflegebedürftigen in der Oberlausitz steigt. Im Gegenzug klagen Kliniken und Pflege-Einrichtungen über Fachkräftemangel.
Die Zahl der Pflegebedürftigen in der Oberlausitz steigt. Im Gegenzug klagen Kliniken und Pflege-Einrichtungen über Fachkräftemangel. © Symbolfoto: dpa/Jana Bauch

Bautzen/Pulsnitz. Wohl kaum ein Pflegeheim, kaum ein Krankenhaus im Landkreis Bautzen gibt es, das das Problem nicht kennt: Der Pflegefachkräftemangel ist allgegenwärtig. „Das Problem des Fachkräftemangels in der Pflege ist täglich präsent, es wird immer schlimmer“, sagte zum Beispiel Oberlausitz Kliniken-Geschäftsführer Reiner Rogowski im Oktober der SZ. „Das Pflegepersonal ist rar gesät“, sagte auch Daniel Fuchs, Regionalleiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes für Bautzen.

„Wir würden gerne wachsen, aber wir können es nicht, weil wir das nötige Personal nicht finden“, erklärt auch Carsten Tietze. Der Geschäftsführer der Vamed-Klinik Schloss Pulsnitz und der Vamed-Rehaklinik Schwedenstein wollte nicht mehr länger abwarten, ob sich das Problem von alleine löst – er wollte anpacken. Das Ergebnis: 20 neue Pflegekräfte ziehen im Juli aus brasilianischen Millionenstädten ins beschauliche Pulsnitz, arbeiten in der Schloss-Klinik.

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Bewerber suchen Sicherheit

Allein 50 Bewerbungsgespräche hat der Klinikgeschäftsführer für das Pilotprojekt des Freistaats begleitet; vor Ort, in Sao Paulo. Gerade lernen die Pflegerinnen und Pfleger am Goethe-Institut Deutsch, im Juli geht es mit dem Flieger nach Deutschland. Bis etwa November sollen sie eine sogenannte Anpassungsqualifikation absolvieren – dann werden sie als ausgebildete Fachkräfte arbeiten. „Wir haben die Bewerber gefragt, warum sie herkommen wollen“, erzählt Tietze. „Sie möchten herkommen, weil sie Sicherheit wollen. Sie wünschen sich eine bessere Infrastruktur und Bildungschancen für ihre Kinder.“

In Brasilien ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch, das weiß auch Lars Grabenschröer, stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer. „Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 12 Prozent“, sagt er. Dass viele Brasilianer bereit sind, auszuwandern, zeigen die Zahlen: Etwa 200.000 hätten 2019 allein bis August ihr Heimatland verlassen. Tatkräftig suchen Kliniken nun also im Ausland nach Fachkräften.

Aber wie schlimm ist denn eigentlich die Lage auf dem Pflegefachkräftemarkt? „Zehn offene Stellen“, erzählt Carsten Tietze, gibt es in seiner Einrichtung Schloss Pulsnitz gerade. Das klingt für eine Klinik, in der mehr als 200 Pflegerinnen und Pfleger arbeiten, erst einmal gar nicht so viel. „Aber unsere Pflegekräfte sind im Schnitt 46 Jahre alt – viele gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand“, erzählt Tietze. „Die Nachfrage wird steigen – und das nicht nur bei uns.“

Sie kommen nach Pulsnitz: Pflegekräfte aus Brasilien, hier bei ihrer Deutsch-Sprachschule. In Pulsnitz absolvieren sie dann eine Pflege-Anpassungsqualifikation. 
Sie kommen nach Pulsnitz: Pflegekräfte aus Brasilien, hier bei ihrer Deutsch-Sprachschule. In Pulsnitz absolvieren sie dann eine Pflege-Anpassungsqualifikation.  © privat

Auch die Statistik der Bautzener Arbeitsagentur verdeutlicht die steigende Nachfrage nach Pflegekräften. Während es Ende 2014 im Kreis Bautzen und den angrenzenden Landkreisen etwa 1.500 offene Stellen in der Pflege gab, stieg die Zahl bis zum Dezember 2019 auf etwa das doppelte an: Gesucht wurden da mehr als 3.2000 Kranken-, Gesundheits-und Altenpfleger.

Dass der Bedarf an Pflegepersonal in der Zukunft steigen wird, das zeigt auch ein Blick in die Statistik, in die Demografiepyramide. Immer älter werden die Menschen – und immer mehr ältere Leute gibt es. Auf der Gegenseite klafft eine Lücke bei denjenigen, die jetzt etwa Anfang 20 sind: Es fehlt junger Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt. Die Gesellschaft wird älter – und damit pflegebedürftiger.

Ja und dann, dann gibt es auch noch Gesetze, die die Lage verschärfen. So zum Beispiel jenes zu Pflegepersonaluntergrenzen, welches Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf den Weg gebracht hat – und das vorsieht, dass in bestimmten Krankenhausbereichen eine Mindestmenge an Personal zur Verfügung stehen muss. Ein guter Grundgedanke – aber nun konkurrieren eben noch mehr Stellen um die wenigen Fachkräfte auf dem Markt.

Für Carsten Tietze waren all das Gründe genug, sich in ein Flugzeug zu setzen und in Brasilien nach Pflegern und Pflegerinnen zu suchen. Schon einmal hatte er es mit einem ähnlichen Projekt versucht: Auch andere Kliniken hatten sich an einer Kooperation mit Vietnam beteiligt, ein erster Jahrgang junger Vietnamesen kam nach Deutschland und absolvierte hier eine Ausbildung. Noch immer arbeiten einige von ihnen in Pulsnitz. Ein zweiter Jahrgang an Auszubildenden sollte einreisen, doch der Plan scheiterte: Die Gruppe erhielt kein Visum. Und auch aus der ersten Gruppe litten viele an Heimweh, die Sprache fiel vielen schwer.

Sprachbarriere ist niedrig

Von seinem Weg abbringen ließ sich Tietze aber nicht. „Die Sprachbarriere zwischen Deutsch und Portugiesisch ist geringer“, sagt er. „Schon am zweiten Tag der Bewerbungsgespräche in Sao Paulo konnte ich Teile der Gespräche verstehen.“ Und auch sei die Kultur vieler Brasilianer derer der Deutschen deutlich ähnlicher.

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Und Tietze hat sogar schon neue Pläne: Wohl im April geht es nach Mexiko, auch dort will er nach Pflegepersonal suchen. „Brasilien und Mexiko bieten sich besonders an“, erzählt er. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte bereits für eine erleichterte Einreise aus den Ländern geworben. „Erst mal wollen wir mit dem Projekt den eigenen Bedarf decken“, sagt er. Langfristig solle es aber eine Regelmäßigkeit geben – und das Projekt fortgeführt werden. Dann sollen auch andere Pflegeeinrichtungen davon profitieren – wenigstens dadurch, dass ein Konkurrent auf dem Markt fehlt.

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