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Physiotherapie im Krisenmodus

Patientenzahlen brechen ein. Schutzausrüstung zu besorgen, ist schwierig. Aber Anja Platzk bleibt optimistisch.

© Steffen Bistrosch

Die gute Nachricht zu Beginn: Physiotherapien sind und bleiben geöffnet. Allerdings ist die Behandlung auf bedürftige Patienten beschränkt, eine ärztliche Verordnung somit notwendig. Seit dem 23. März gelten verschärfte Corona-Regeln. Dazu gehört, dass zum Beispiel Massagesalons schließen mussten.

Eine Gruppe von Physiotherapeuten in Sachsen forderte das danach auch für ihre Praxen. Denn wegen des meist engen körperlichen Kontakts während der Behandlung sei das Infektionsrisiko bei Beschäftigten und Patienten erhöht. „Viele Therapeuten haben schlichtweg Angst. Nicht nur um sich selbst, sondern auch davor, andere anzustecken“, sagt Christian Thieme, Sachsens Landesgruppenvorsitzender des Verbandes der Physikalischen Therapie (VPT). Und das nicht ohne Grund: „Die meisten Praxen haben keine Schutzausrüstung.“

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Anja Platzk, Inhaberin der „PhysAnja“ Physiotherapie in Krauschwitz erläutert die für beide Seiten schwierige Situation. „Physiotherapien sind als systemrelevant eingestuft worden, Patienten ohne Rezept müssen abgewiesen werden.“ Tatsächlich gehören Physiotherapien ausdrücklich zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker. Sie dürfen – und müssen – weiterhin Patienten behandeln, weil eine effektive und frühzeitige Physiotherapie zum Beispiel Folgeschäden wie Pflegebedürftigkeit verhindern kann. Für reine Privatleistungen in der Physiotherapie – – und natürlich auch Massagesalons gelte das nicht. „Alle Behandlungen ohne Rezept sind nicht medizinisch notwendig und müssen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Nur notwendige Behandlungen sind jetzt noch erlaubt“, erklärt Christian Thieme. Dazu gehörten zum Beispiel aktuelle Verordnungen.

Anja Platzk, 40-jährige Mutter von zwei Kindern bedrücken derzeit viele Sorgen, die durch die anhaltende Unsicherheit bei den Patienten entstanden sind. Die Informationen in den Medien waren zum Teil irreführend: Wenn dort von der Schließung von „Massagesalons“ gesprochen wurde, waren damit definitiv keine medizinische Praxen gemeint. Die Unsicherheit auf der einen Seite und die Furcht vor Ansteckung auf der anderen hat zu einer wahren Absageflut bei den fest geplanten Terminen geführt. Sie schätzt, dass etwa zwei Drittel der Behandlungen ausfallen, da die Patienten nicht erscheinen. „Und längst nicht alle melden sich vorher und geben Bescheid, dass sie den Termin nicht wahrnehmen können oder wollen.“

Keine Hausbesuche

Dabei kann sie verstehen, wenn die Patienten auf eine möglicherweise nicht zwingend notwendige Behandlung verzichten. Besuche außer Haus bzw. in Heimen werden derzeit von „PhysAnja“ nicht angeboten. Das dient auch dem eigenen Schutz vor Infektionen, meint Anja Platzk. „Ich habe auch Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeiterinnen.“ Sind in normalen Zeiten die Terminkalender Wochen im Voraus gut gefüllt, hat sie derzeit Probleme, ihre drei Vollzeitkräfte zu beschäftigen. Anja Platzk versucht ihnen entgegenzukommen, indem sie ihre Stundenkonten ins Minus fahren dürfen. Das funktioniert allerdings nicht unbegrenzt. Die Option Kurzarbeitergeld versucht sie, so lange als möglich auszusitzen. In den Familien mit Kindern häufen sich Probleme, gerade wenn beide Verdiener betroffen sind. Rechnungen müssen trotz Corona weiterbezahlt werden. Eine gewisse Zeit könne die Praxis die Krise überstehen, ein Darlehen zur Überbrückung sei indes keine Option. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit, wie lange der Zustand anhält und wie hoch die Ansteckungsgefahr tatsächlich ist“, sagt Anja Platzk. Glücklicherweise hat sie kurz vor Ausbruch der Pandemie genügend Desinfektionsmittel geordert, mit Mundschutz und Handschuhen sieht es nicht so rosig aus. „Man muss nehmen, was man kriegt und von dort, wo es überhaupt etwas gibt.“

Der „Verband Physikalische Therapie“, dem sie angehört, sei da eine große Hilfe. Bestellen muss PhysAnja dann selbst im Internet. Informationen seitens des Gesundheitsamtes oder von politischen Entscheidungsträgern entnehme sie ausschließlich den Medien. Von Dingen des täglichen Bedarfs wie Desinfektionsmitteln oder Schutzkleidung „kommt gar nichts, obwohl wir systemrelevant sein sollen“, fehlt Platzk das Verständnis.

Kinder mit in die Praxis genommen

Diese Erfahrung teilt sie mit vielen Kollegen ihrer Branche, mit denen sie in Kontakt steht, auch das Gefühl, von der Politik allein gelassen zu werden. Ein Beispiel bei der Notbetreuung von Kindern: Nur wenn beide Erziehungsberechtigten in Unternehmen tätig sind, die zur „kritischen Infrastruktur“ zählen, dürfen die Kinder in den Notfallgruppen der Kitas betreut werden. „Dann mussten drei Mitarbeiterinnen ihre Kinder mit in die Praxis nehmen und den Sportraum als Spielzimmer herrichten. Eine Kollegin hat sich um unsere Kinder gekümmert“, erzählt sie. Inzwischen sei diese Regelung glücklicherweise gelockert worden.

Jennifer Peto aus Krauschwitz ist erst seit gut einem Jahr in der Praxis angestellt. Angst vor Corona hat sie nicht, Respekt schon. Ohne direkten Kontakt mit den Patienten ginge es nun mal nicht. Während der Behandlung gebe es derzeit nur dieses Gesprächsthema. Sie wünscht sich einen sachlichen und unaufgeregten Umgang miteinander. Patientin Ivonne Mönch aus Bad Muskau findet weiterhin den Weg in die Praxis, sie benötigt die Behandlungen im täglichen Leben. „Es ist schwierig“, sagt sie, „aber alles auf Null setzen funktioniert auch nicht“. Sie will entspannt bleiben und fordert ehrlichen Umgang miteinander, damit die Gefahr von Ansteckungen weitgehend vermieden werden kann. Sie hofft, dass „Zustände wie in Italien hier nicht eintreten. Das ist möglich, wenn sich jeder an die Regeln hält“.

Anja Platzk sagt: „Wir versuchen, weiter für unsere Patienten da zu sein, dabei selbst gesund zu bleiben und hoffen, dass alles möglichst schnell vorbei ist. Vielleicht sogar mit Hilfe von Oben.“ Lächelnd überlässt sie es der Fantasie des Zuhörers, wen sie konkret sein damit meint. Den Optimismus will sie nicht verlieren. Dazu steht zu viel auf dem Spiel. Für alle. (Steffen Bistrosch)

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